Interview: „Stottern ist so individuell wie ein Fingerabdruck“

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Der Logopäde Hartmut Zückner therapiert Stotternde.

Aachen. Wenn sich Wörter anfühlen wie Steine und der Sprechfluss blockiert, dann ist man bei Hartmut Zückner an der richtigen Adresse. Der Logopäde ist stellvertretender Leiter der Schule für Logopädie am Universitätsklinikum Aachen. Im Interview mit Annika Kasties erklärt er die Ursachen des Stotterns und wie die Sprechstörung therapiert werden kann.

Herr Zückner, was genau ist Stottern eigentlich?

Zückner: Stottern ist vor allem eins: keine psychische Störung. Bei über 70 Prozent der Betroffenen ist Stottern genetisch bedingt. Aus neurologischen Untersuchungen wissen wir, dass bei Betroffenen die Faserdichte der Nervenzellfaserbündel in bestimmten Gehirnregionen im Vergleich zu Nicht-Stotterern anatomisch unterschiedlich ist. Wir vermuten, dass dieses anatomische Defizit dadurch kompensiert wird, dass bei Stotterern die rechte und die linke Gehirnhemisphäre beim Sprechen gleichzeitig arbeiten, während bei den meisten Menschen vor allem die linke Hemisphäre aktiv ist. Dadurch kommt es zu Störungen in der Sprache.

Wie viele Menschen sind betroffen?

Zückner: Etwa ein Prozent der Bevölkerung, in unterschiedlicher Schwere. In Deutschland sind das also über 800 000 Menschen, von denen aber viele nie in Therapie gehen. Das Verhältnis von Männern zu Frauen ist etwa 4:1, bei schwerem Stottern etwa 8:1.

Woran liegt das?

Zückner: Eine Hypothese ist, dass dies mit der frühkindlichen Entwicklung zu tun hat. Nachweislich verläuft die Sprachentwicklung bei Jungs einfach anders.

Wie tritt Stottern auf?

Zückner: Stottern ist individuell sehr unterschiedlich, das ist fast wie ein Fingerabdruck. Jeder Stotternde hat ein anderes Stottermuster. Der eine hat Wiederholungen, der andere dehnt. Es gibt Stotternde, die arbeiten sehr stark mit muskulärer Anstrengung, die bewegen beim Stottern ihren Kopf oder die Hände mit. Andere versuchen, das Stottern zu verhindern und benutzen andere Wörter. Sie sagen zum Beispiel Auto statt Wagen oder schieben Stottern auf, indem sie Wörter oder Satzteile flüssig wiederholen. Wir wissen, dass Stottern in einer Silbe immer regelmäßig vor dem Vokal auftritt. Meines Erachtens ist Stottern verursacht durch das Abreißen der Stimmlippenschwingung bei der Bildung des Vokals innerhalb einer Silbe. Die Silbe geht sozusagen kaputt. Und an der Stelle setzen die Techniken der Stottertherapie an.

Ist Stottern heilbar?

Zückner: Eine frühzeitige Therapie bei Kindern erhöht die Chance, dass die Störung nicht chronifiziert. Doch wir gehen davon aus, dass Stottern im Erwachsenenalter nicht vollständig heilbar ist. Es bleibt immer ein Reststottern.

Welche Therapien gibt es?

Zückner: Es gibt zwei Therapierichtungen. Beim sogenannten ‚Fluency Shaping‘ wird das ganze Sprechen in einer Weise verändert, dass das Stottern nicht mehr auftreten soll. Betroffene lernen zum Beispiel ein verlangsamtes, gedehntes Sprechen. Bei der Stotter-Modifikation hingegen verändert der Stotterer sein Sprechen nicht komplett, sondern nur bei den fünf bis zehn Prozent der Wörter, bei denen der Sprachfluss gestört ist. Der Patient lernt Techniken, die es ihm erlauben, Stottern entweder noch vor seiner Entstehung zu verhindern oder es so schnell wie möglich zu beenden.

Mit welchen Vorurteilen haben Betroffene zu kämpfen?

Zückner: Stottern ist eine stigmatisierte Störung und wird in der Gesellschaft negativ bewertet. Der Störung haftet immer noch das Etikett an, dass es eine psychische Störung sei. Weil Stotternde unter Stress stärker stottern, schließen viele Menschen vom Effekt auf die Ursache. Man muss sich nur einmal den Tatort und andere Fernsehserien angucken. Da sind Stotternde oft Müllmänner, Obdachlose oder Täter. Man sieht nie einen Manager stottern. Medien haben einen großen Anteil daran, dass die Störung stigmatisiert wird und sich Menschen darüber lustig machen. Darunter leiden Betroffene sehr stark.

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