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Interview: Sie wird verfolgt. Sie ist bedroht. Sie schweigt nicht.

Von: Christina Handschuhmacher
Letzte Aktualisierung:
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Am heutigen Freitag wird im Iran ein neuer Präsident gewählt: Auch Amtsinhaber Hassan Rohani – hier Anhänger Rohanis auf einer Wahlkampfveranstaltung – kandidiert. Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi blickt kritisch auf die Wahlen in ihrer Heimat: „Sie sind nicht frei“, sagt sie.
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Prangert immer wieder die Menschenrechtsverletzungen im Iran an: Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi.

Mönchengladbach. Sie war eine der ersten Richterinnen im Iran. Dann kam die Islamische Revolution von 1979, und Shirin Ebadi, die das Teheraner Gericht zuvor geleitet hatte, wurde zur Büroangestellten degradiert. Der Grund: ihr Geschlecht.

Ebadi wagte einen Neuanfang als Menschenrechtsanwältin und saß wegen ihrer Arbeit mehrere Wochen im Gefängnis.

2003 erhielt sie als erste Muslima den Friedensnobelpreis. Doch auch die Auszeichnung konnte Shirin Ebadi und ihre Familie nicht vor den Schikanen des Regimes schützen. In ihrem Buch „Bis wir frei sind. Mein Kampf für Menschenrechte im Iran“ (Piper, 304 Seiten, 22 Euro) schildert sie sehr offen, wie die iranische Regierung ihre Ehe zerstörte und sie schließlich ins Exil trieb.

Auf Einladung des Initiativkreises Mönchengladbach war Ebadi mit vier weiteren Friedensnobelpreisträgerinnen (siehe unten) nun in Mönchengladbach. Im Interview mit unserer Zeitung sprach die 69-Jährige über die Drohungen der Regierung, die Situation in ihrem Heimatland und die anstehende Präsidentschaftswahl.

 

Frau Ebadi, in Ihrem Buch „Bis wir frei sind“ beschreiben Sie die Missstände in Ihrer Heimat Iran, aber auch, wie das Regime Ihr bisheriges Leben Stück für Stück zerstört hat. Warum haben Sie sich dazu entschieden, diese sehr persönlichen Erlebnisse so offen zu schildern?

Ebadi: Ich wollte zeigen, wozu die irakische Regierung fähig ist, wie sie das Leben von Menschen zerstört, die für Demokratie und Menschenrechte kämpfen. Und ich wollte das am Beispiel meines eigenen Lebens tun. Ich bin Anwältin und kämpfe für die Verteidigung der Menschenrechte. Ich bin nicht die Anführerin einer Oppositionspartei, und ich will auch nicht die Regierung ersetzen.

Als Friedensnobelpreisträgerin genieße ich eine gewisse Bekanntheit, ich habe Zugang zu internationalen Medien und ein großes Netzwerk. Trotzdem hat die Regierung mir all das angetan. Und nun stellen Sie sich vor, dass ein junger Student verhaftet wird oder ein Journalist. Wie muss es denen dann erst ergehen?

Wie genau ist das Regime gegen Sie vorgegangen?

Ebadi: Die iranische Regierung hat mit allen Mitteln versucht, eine Schwachstelle in meinem Leben zu finden, einen Punkt bei dem ich angreifbar bin. Sie sind mehrfach in das Büro meiner Organisation „Zentrum für Menschenrechte“ gekommen, haben alle Computer, alle Dokumente und meine persönlichen Notizen beschlagnahmt und versucht, etwas zu finden. Sie haben nichts gefunden, aus dem sie einen irgendwie gearteten Skandal hätten konstruieren können. Schließlich haben sie meinen Mann Javad durch einen perfiden Trick dazu gebracht, gegen mich auszusagen.

Was ist damals passiert?

Ebadi: Während ich im Ausland war, haben sie eine Sexarbeiterin auf meinen Mann angesetzt und den Ehebruch aus dem Nebenzimmer gefilmt. Dann haben sie ihn festgenommen. Im Gefängnis haben sie ihn physisch und psychisch gequält und wegen Ehebruchs zum Tod durch Steinigung verurteilt.

Der Geheimdienst stellte ihn vor die Wahl: Entweder er denunziert mich öffentlich, oder sie bringen ihn um. So haben sie ihn dazu gebracht, dass er sich von mir distanziert hat und mich all dessen beschuldigt hat, was das iranische Regime mir schon immer vorgeworfen hat. Seine Aussage wurde um 20.30 Uhr – zu einer Zeit, zu der die meisten Iraner fernsehen – an zwei Abenden im Staatsfernsehen ausgestrahlt. Bevor das Video ausgestrahlt wurde, sagte die TV-Ansagerin: „Die Frau, die Ihr für Eure Heldin haltet, hat ein ganz anderes Gesicht.

Hört Euch an, was ihr Mann über sie zu sagen hat.“ Das Regime benutzt Sexarbeiterinnen für seine politischen Zwecke – und das in einem Land, in dem Frauen, die ohne Kopftuch aus dem Haus gehen oder nur eine Haarsträhne zu viel zeigen, Peitschenhiebe oder Gefängnis drohen. Und natürlich behauptet die Regierung, das alles, was sie tut, islamisch ist.

Haben Sie eine Ahnung, warum das Regime so viel Angst vor Ihnen hat?

Ebadi: Sie haben nicht nur vor mir Angst. Viele Journalisten und Anwälte, die für Menschenrechte kämpfen, sind im Gefängnis. Genauso wie viele meiner Kollegen, die mich bei der Gründung des „Zentrums für Menschenrechte“ unterstützt und dort mit mir gearbeitet haben. Der Grund dafür ist, dass wir anprangern, was die Regierung tut: die Hinrichtungen von Minderjährigen, die willkürlichen Verhaftungen von Regimegegnern, die Folter.

Sie leben seit 2009 im Exil, Ihre Ehe ist vom Regime zerstört worden, Sie haben Ihr gesamtes Hab und Gut verloren. Wie schafft man es, so viele Opfer zu bringen, ohne die Hoffnung zu verlieren?

Ebadi: Zusätzlich zum Verlust meiner Ehe und meines Besitzes habe ich auch meinen Beruf verloren, denn es war mir nicht mehr erlaubt, als Richterin oder Anwältin im Iran zu arbeiten. Aber ich habe nie die Hoffnung verloren, denn sonst hätte ich mit meiner Arbeit nicht mehr weitermachen können. Ich versuche zu zeigen, was im Iran passiert. Aufgrund der strikten Zensur der dortigen Medien bekommen die Iraner nur wenig davon mit. Aktuell reise ich zehn Monate im Jahr und spreche weltweit über die Situation im Iran und darüber, was die Menschen dort aushalten.

Im Moment leben Sie abwechselnd bei Ihren beiden Töchtern in London und den USA. Fühlen Sie sich selbst außerhalb des Irans vom Regime bedroht?

Ebadi: Mir wurde mehrfach gedroht, dass sie mich töten, wenn ich nicht endlich still bin. Aber ich will darüber nicht nachdenken und über die Gefahren, die es gibt. Das Ziel der Regierung ist, mich mundtot zu machen, aber den Gefallen werde ich ihnen nicht tun. Deshalb denke ich gar nicht darüber nach.

Das Ansehen des Irans in der Welt ist seit der Unterzeichnung des Atomabkommens vor knapp zwei Jahren gestiegen. Was hat das Atomabkommen dem Land bislang gebracht?

Ebadi: Die Lebensbedingungen im Iran haben sich aufgrund des Atomabkommens nicht verändert. Für die Menschen ist wichtig, dass die USA den Iran aufgrund des Abkommens nicht angreifen werden. Deshalb habe ich das Abkommen immer unterstützt. Präsident Obama hatte den US-Kongress mehrfach gewarnt, dass die Alternative zu dem Abkommen ein Krieg sein könnte.

Am heutigen Freitag steht im Iran die Präsidentschaftswahl an. Wie blicken Sie darauf?

Ebadi: Aufgrund der Verfassung hat der Präsident nur sehr begrenzte Macht. Die ganze Macht liegt beim Obersten Religionsführer des Landes, Ali Chamenei, der dieses Amt auf Lebenszeit inne hat. Er wird nicht vom Volk gewählt, sondern von ein paar Geistlichen. Aus meiner Sicht macht es deshalb keinen Unterschied, wer am Freitag gewählt wird. Die Situation im Land wird sich nicht verändern.

Ich nehme an, Sie haben aus dem Exil heraus nicht die Möglichkeit, an der Wahl teilzunehmen.

Ebadi: Nein. Und ich will auch gar nicht wählen, denn die Wahlen dort sind nicht frei. Alle Kandidaten werden vorab vom Wächterrat überprüft und unliebsame Kandidaten nicht zur Wahl zugelassen. Erst aus diesen ausgewählten Kandidaten dürfen die Iraner wählen. Der Wächterrat besteht aus zwölf Mitgliedern, die nicht vom Volk gewählt, sondern vom Obersten Religionsführer entsandt werden. Ich werde deshalb nicht an den Wahlen teilnehmen, bis sie frei sind, denn die Wahlen machen so keinen Unterschied.

Auch der Hardliner und Ex-Präsident Mahmud Ahmadinedschad, der Ihnen und Ihrer Arbeit mit Drohungen stark zugesetzt hat, ist nicht zur Wahl zugelassen worden.

Ebadi: Ja, und das beweist doch nur noch einmal, dass die Wahlen nicht frei sind. Wenn Ahmadinedschad antreten will, dann sollen sie ihn doch lassen.

Der aktuelle Präsident Hassan Rohani wird vom Ausland hofiert. Doch unter seiner Präsidentschaft ist etwa die Zahl der Todesurteile im Iran massiv in die Höhe geschnellt. Warum?

Ebadi: Der Unterschied zwischen Rohani und Ahmadinedschad ist, dass Rohani besser aussieht (lacht). Aber wie ich eben schon gesagt habe, es macht keinen Unterschied, wer Präsident ist. Alles, was in diesem Land passiert, bestimmt der Religionsführer.

Wie könnte Veränderung im Iran bewirkt werden?

Ebadi: Nach der Islamischen Revolution 1979 haben die Menschen im Iran in einem Referendum für eine Islamische Republik gestimmt. Aber jetzt, 38 Jahre später, wissen sie, wie gefährlich die Situation sein kann, wenn Religion Teil der Macht ist und eine Rolle in der Regierung spielt.

Ich bin sicher, dass die Iraner, wenn heute noch einmal ein Referendum stattfinden würde, nicht mehr für eine Islamische Republik stimmen würden. Die Mehrheit der Iraner ist dagegen und leistet Widerstand. Keine Regierung kann für immer weiter machen, wenn das Volk gegen sie ist. Ich bin sicher, dass sich in der nahen Zukunft die Dinge ändern werden.

Ihr Buch beginnt mit dem Satz „Die Geschichte des Irans ist die Geschichte meines Lebens.“ Wie sehr vermissen Sie Ihre Heimat?

Ebadi: Ich bin dort geboren und aufgewachsen, bin dort zur Schule gegangen, habe dort meine Kinder zur Welt gebracht, dort gearbeitet, ich habe fast mein ganzes Leben im Iran verbracht. Natürlich vermisse ich den Iran sehr. Am meisten aber vermisse ich meine Kollegen, die im Gefängnis sind.

Glauben Sie noch daran, dass Sie irgendwann einmal in den Iran zurückkehren können?

Ebadi: Ich werde definitiv zurückkehren. Und es wird nicht mehr lange dauern, bis es so weit ist.

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