Hergenrath - Interview mit Eifeler Filmemacherin: „Mein Vater, Sextourist?“

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Interview mit Eifeler Filmemacherin: „Mein Vater, Sextourist?“

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Nach ihrem erfolgreichen Erstling „Die mit dem Bauch tanzen“ wird’s für sie wieder sehr persönlich: Carolin Genreith. Foto: Harald Krömer
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Vater, Stiefmutter, Kind: Die Filmemacherin Carolin Genreith (r.) düst mit Papa Dieter und seiner Frau Tukta durch Thailand. Foto: Zorro
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Bauchtanz auf der Kuhwiese: Die Nordeifeler Damengruppe beglückt Tier und Mensch mit ihrer Lebensfreude. Foto: Zorro Film

Hergenrath. „Er ist ein Kauz“, sagt die Eifeler Filmemacherin Carolin Genreith (32) über ihren Vater. Eigentlich war er ihr immer sehr peinlich. Und das wurde noch schlimmer, als der Hobby-Landwirt aus Steckenborn ihr mit fast 60 von seiner neuen Liebe erzählte: einer Thailänderin, gerade mal ein Jahr älter als seine Tochter.

Ihr Vater – ein Sextourist? Carolin Genreith ging dieser Beziehung mit der Kamera auf den Grund – und lernte ihren Vater neu kennen. Nach ihrem erfolgreichen Erstling „Die mit dem Bauch tanzen“ entstand so der Dokumentarfilm „Happy“, der heute in die Kinos kommt. Über ihren sehr speziellen Vater-Tochter-Konflikt sprach die Filmemacherin mit unserer Redakteurin Jenny Schmetz. Sie traf Carolin Genreith bei ihrer Mutter zu Hause in Hergenrath.

Ihre Mutter durften wir ja schon kennenlernen – in Ihrem Dokumentarfilm „Die mit dem Bauch tanzen“. Jetzt ist Ihr Vater dran. Wie kam er vor Ihre Kamera?

Carolin Genreith: Erst mal zu meiner Verteidigung (lacht): Ich habe dazwischen auch einen Film über Flüchtlinge in Bayern gemacht.

Ja, „Das Golddorf“ lief im Ersten. Aber wieso Verteidigung?

Genreith: Na ja, nicht dass die Leute denken, dass ich sie nur mit meinen Familiengeschichten nerven will! Ich habe ja auch andere Themen. In meinem Freundeskreis gibt es allerdings schon Diskussionen. Einer meint: So etwas Privates vor die Linse bringen? Das ist zum Fremdschämen! Und andere, die den Film bereits kennen, sagen: Dein Vater ist ja ein super Typ! Das hätten wir nie erwartet.

Schon im Bauchtanzfilm hat er einen kurzen Auftritt, eine Wutrede über die „bekloppten“ Frauen.

Genreith: Ja, und dieser Gastauftritt hat mich auch motiviert. Im Kino habe ich „Die mit dem Bauch tanzen“ immer bis zu seinem Rumschimpfen gesehen – und wenn die Zuschauer da richtig laut gelacht haben, bin ich rausgegangen, weil ich dachte: Okay, es läuft gut!

Mussten Sie ihn zu „Happy“ lange überreden?

Genreith: Nein, überhaupt nicht. Mein Vater mag ja die Aufmerksamkeit. Den Film hat er als Chance begriffen, seinen Kindern und der ganzen Welt zu zeigen, dass er nicht der klischeebehaftete Sextourist ist, den viele bei dem Thema sofort im Kopf haben. Und er wollte tatsächlich mehr Zeit mit seiner Tochter verbringen.

Aber die Idee kam schon von Ihnen?

Genreith: Ja, ja! Als ich 27 oder 28 war, hat mein Vater mir eine Postkarte aus Thailand geschickt. Darauf stand: „Ich habe eine junge thailändische Frau kennengelernt, die so alt ist wie du.“ Da war ich erst mal geschockt und habe die Postkarte weggepackt, ganz tief in eine Schublade, und auch niemandem davon erzählt. Das war mir total unangenehm! Man möchte ja, dass der eigene Vater ein Held ist, oder zumindest ein Vorbild. Und dann so was: Ein Sextourist? Einer, der eine moralisch vermeintlich anstößige Entscheidung trifft und sich auf eine viel jüngere thailändische Frau einlässt? Das passte nicht zu meinem Heldenbild. Daran hatte ich zu knabbern, und darüber habe ich mit meinem Vater jahrelang nicht geredet.

Haben Sie einander durch den Film erst kennengelernt?

Genreith: Ich habe ihn auf eine andere Weise kennen- und viel mehr schätzen gelernt. Denn mir war mein Vater immer sehr, sehr peinlich. Eigentlich habe ich mir immer einen anderen Vater gewünscht. (lacht) Sie haben doch bestimmt „Toni Erdmann“ gesehen?

Ja, auch eine Vater-Tochter-Story, die teils in der Region spielt.

Genreith: Mein Vater ist ein bisschen wie Toni Erdmann, nur ohne die guten Absichten. (lacht)

Er setzt sich falsche Zähne ein und baggert Ihre Freundinnen an?

Genreith: Meine Freundinnen baggert er schon an – ohne falsche Zähne, aber mit Spaß und Augenzwinkern. Solche Sachen macht er auch, um mich zu provozieren. Damit konnte ich lange nicht umgehen. Aber durch die Doppelrolle Tochter und Regisseurin habe ich ihn aus einer anderen Perspektive entdecken können. Das hat uns einander nähergebracht.

Ihre Freunde meinten: Du bist wahnsinnig, diesen Film zu machen – mit ihm! Sind Sie wahnsinnig?

Genreith: Wahrscheinlich schon. Aber ich mache mir während meiner Filmarbeit wenig Gedanken darüber, wie das Ganze ankommen könnte. Wenn ich vernünftiger wäre, dann würde ich so einen Film wahrscheinlich nicht machen. Man muss eh ein bisschen wahnsinnig sein, um Dokumentarfilme zu machen.

Weil man nicht davon leben kann?

Genreith: Doch, in den letzten Jahren ging das bei mir ganz gut. Aber es ist einfach so unkalkulierbar. Eine Wundertüte – man weiß nie, was die Protagonisten tatsächlich bringen. Ich mache meistens auch keine langen Recherchen und Vordrehs, sondern fange schnell an, mit den Protagonisten zu drehen.

Wie war das bei „Happy“?

Genreith: Die Idee hatte ich vor etwa drei Jahren, als mein Vater erzählte, dass er seine thailändische Freundin Tukta heiraten wolle. Dann haben wir die Finanzierung organisiert, 2015 in der Eifel und in Thailand gedreht, 2016 gut 100 Stunden Material geschnitten und die Festivaltour gestartet. Seit drei Jahren bin ich also mit diesem Film „verheiratet“. Und ich weiß noch nicht mal, ob das jemand im Kino sehen will. Das ist wirklich Wahnsinn! (lacht)

Am Anfang habe ich mich gefragt: Will die sich über ihren Vater lustig machen? Er in roter Badehose vor einem Pool in Thailand, von rechts schiebt sich zuerst sein Bauch ins Bild, kurz darauf Eifel-Kuhwiesen. Das wirkt wie ein selbstironisches Zitat aus Ihrem Bauchtanzfilm.

Genreith: Endlich hat es jemand verstanden! (lacht) Das ist auch ein Spiel mit dem Bild der Nabelschau, natürlich mit großer Selbstironie. Das Gute an meinem Vater ist, dass der so was mitmacht. Der ist total offen, zeigt seinen nackten Bauch und macht eine Arschbombe. Das ist schon eine gute Metapher für das, was in den 89 Minuten danach folgt.

Ihr Vater taucht ab – und wieder auf: Der Film ist für ihn eine Art Coming-out. Aber auch eine Nabelschau für Sie, Sie werden selbst zur Protagonistin.

Genreith: Das war eigentlich gar nicht so geplant. Zwar wollte ich die Vater-Tochter-Geschichte miterzählen, aber anfangs bin ich davor zurückgeschreckt, selbst vor die Kamera zu treten. Ich wollte mich nicht in den Vordergrund drängen, aber schon zeigen, wie ich hadere, mich aber auch öffne und mich zum Beispiel in Thailand nicht gegen die Herzlichkeit von Tuktas Familie wehren kann. Der Zuschauer kann alles ganz stark durch meine Augen sehen und mitgehen. Außerdem hat es Tukta und ihrer Familie sehr geholfen, dass ich auch vor der Kamera war – auf Augenhöhe mit ihnen. Diese Nähe hat sehr dazu beigetragen, dass sie sich überhaupt auf den Film eingelassen haben.

Sie sind aber oft am Rand zu sehen, mit verschränkten Armen und skeptischen Blicken. Und Sie machen Ihrem Vater auch harte Vorwürfe – zum Beispiel, dass er in seinem Leben sehr egoistisch war.

Genreith: Das war vor der Kamera das erste Mal, dass ich mich getraut habe, ihm das in aller Offenheit zu sagen. Ich habe mich lange gefragt, ob ich diese Szene in den Film reinnehme. Denn das ist immer eine Gratwanderung: Ich muss meinen Vater und auch mich schützen. Wird das zu persönlich? Bis wohin geht der Zuschauer mit? Wie viel will er wissen? Wie lange bleibt es universell? Ich finde, dass der Film zwar eine kleine Geschichte erzählt, aber sehr viele große Themen anspricht – Älterwerden, Liebe, Glücklichsein oder kulturelle Unterschiede.

Ihr Vater grätscht mit seinen Fragen bei Ihnen auch ganz schön rein. Etwa: „Wie sieht es denn mit deiner Familienplanung aus, Carolin?“

Genreith: Da hat er mich wieder mal provoziert.

Ihre Quarterlife Crisis, Ihre Angst vor dem Älterwerden, Ihre Partnersuche waren auch schon Thema Ihres Bauchtanzfilms.

Genreith: Aber das ist jetzt vorbei! Ich bin im vierten Monat schwanger und ich habe einen ganz tollen Freund – den besten! (lacht)

Herzlichen Glückwunsch! „Happy“ hat dagegen kein Happy End . . .

Genreith: Eine eindeutige Antwort wollte ich nicht geben. Es gibt ja auch die Klischees in der Realität – etwa in der „Hölle“ von Pattaya: diese ekelhaften Sextouristen, die sich Frauen kaufen. Aber es gibt eben auch andere – wie meinen Vater. Ich bin mir ja selbst noch unsicher, wie ich seine Beziehung wirklich finden soll. Und wer weiß, wie das Ganze ausgeht?

Wie ist die Beziehung Ihres Vaters und Ihrer Stiefmutter jetzt?

Genreith: Momentan lebt sie in Steckenborn und besucht in Stolberg Sprachschule und Integrationskurs, aber im Sommer wird sie ein paar Monate bei ihrem Sohn und ihren Eltern in Thailand verbringen. Wenn mein Vater Rentner ist, wird es wohl auf eine Halb-Halb-Geschichte hinauslaufen: im Winter gemeinsam in Thailand, im Sommer in der Eifel.

Und Sie wollen das nicht bewerten?

Genreith: Nee, aber ich sehe, dass diese Beziehung funktioniert – und schon länger hält als die längste, die ich bisher hatte. Durch den Film ist mir klar geworden: Es gibt verschiedene Formen von Liebe und Beziehung. In Thailand wird Liebe anders definiert als bei uns: Da geht es auch um Versorgung; da kann man sich nicht auf ein Sozialsystem verlassen, sondern nur auf die Familie. Aber auch bei uns gibt es ja nicht nur romantische Beziehungsmodelle, sondern Deals und Tauschgeschäfte.

Ist Ihr Vater denn glücklich über „Happy“?

Genreith: Ja, sehr. Wir konnten uns den Film zu zweit im Kölner Odeon-Kino anschauen. Dabei habe ich ihn beobachtet: Er saß neben mir und hat sich immer wieder die Brille abgenommen und seine Äuglein getrocknet. Das war sehr berührend. Er fühlt sich tatsächlich sehr verstanden. Da gibt es also schon ein Happy End – zwischen uns.

Aber die Nachbarn in Steckenborn und die Kollegen Ihres Vaters in der Stolberger Stadtverwaltung – was werden die sagen? Das ist Ihrem Vater nicht unangenehm?

Genreith: Nein, meinem Vater ist wirklich nichts unangenehm! In Steckenborn ist er sowieso ein Außenseiter. Aber in der Stadtverwaltung gab es schon krasse Reaktionen: Da hatte mein Vater ein Foto von Tukta auf seinen Schreibtisch gestellt, und ein Kollege meinte: Stell das mal lieber weg! Mein Vater hat natürlich noch eins dazugestellt. (lacht) Und jetzt wird er sich bestimmt ein Poster von „Happy“ an seine Bürotür hängen!

Sie haben „Happy“ Ihren Geschwistern Lisa und Christian gewidmet. Was sagen die beiden zu dem Film?

Genreith: Sie haben den Film noch gar nicht gesehen. Ich bin total gespannt auf ihre Reaktionen.

Und wann landen diese Familienmitglieder vor Ihrer Kamera?

Genreith: Das ist nicht geplant. Mein Bruder würde das wohl auch nicht mitmachen. Meine Schwester arbeitet in Bremen als Hebamme. Wenn sich da eine gute Geschichte ergeben würde – wer weiß, ich würd’s nicht ausschließen. (lacht)

Ein Baby und viele Social-Media-Stars

Carolin Genreith ist in Aachen geboren und aufgewachsen in Simmerath-Steckenborn und Konzen. Mit 19 floh sie aus der Eifel, erst nach London, dann nach Berlin. Dort machte sie einen Bachelor in Fernsehjournalismus, viel wichtiger fand sie aber ihre Arbeit in einem Independent-Kino und als Doku-Regie-Assistentin. Zurzeit lebt und arbeitet sie als freie Autorin und Regisseurin in Hamburg.

„Die mit dem Bauch tanzen“ (2013/Foto) zeigte die witzige Konfrontation mit ihrer Eifeler Heimat und der Bauchtanz-Begeisterung ihrer Mutter und deren Freundinnen. Ihr erster Dokumentarfilm war nicht nur in unserer Region ein Hit und zog mehr als 50 000 Zuschauer ins Kino – für eine Doku eine super Quote. Der besondere „Heimatfilm“ ist noch in der WDR-Mediathek zu finden.

Bevor ihr Kind in etwa einem halben Jahr auf die Welt kommen wird, dreht Carolin Genreith für 3sat den 30-minütigen Dokumentarfilm „Ricci Superstar“ über einen 23-Jährigen, der sein Leben in Sozialen Netzwerken verbringt. Um junge Social-Media-Stars und Konsumenten geht es auch in ihrer nächsten langen Doku, „Me, Myself & I“; der Dreh soll 2018 starten. Und ihren ersten Spielfilm hat sie angefangen zu schreiben: eine dramatische Beziehungskomödie, der Arbeitstitel: „Bilderbuch“.

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