Interview: Der „Maulwurf“ vom Hambacher Forst

Von: Sarah Maria Berners
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Protestler: Der als Maulwurf bekannt gewordene Aktivist will den Tagebau stoppen. Foto: Perschke/Berners

Hambach/Morschenich. Zwei Monate ist es her, dass der „Maulwurf“ im Hambacher Forst aus sechs Metern Tiefe ausgebuddelt wurde. Mit dieser Aktion hat der 27-Jährige polarisiert. Von den einen wurde er als „Endgegner der Polizei“ zum Helden stilisiert, von den anderen für verantwortungs- und maßlos erklärt. Mittlerweile haben sich die Wogen geglättet, aber der Protest der Aktivisten geht weiter. Im Gespräch ist Herr Zimmermann – seinen Vornamen möchte er nicht nennen – zurückhaltend.

Er spricht langsam und bedächtig. Aber nicht über alles: Über sich selbst und den Bau des Tunnels hüllt er sich in Schweigen und will damit eine Botschaft vermitteln: „Wer sich gegen den Abbau von Braunkohle engagieren will, braucht keine bestimmte Qualifikation. Was man können muss, kann man lernen.“

Sieben Monate Besetzung, vier Tage Räumung, etwa 800.000 Euro Kosten – und dann rücken die Rodungsmaschinen trotzdem an. Derzeit lässt RWE die Rodungsarbeiten im Zusammenhang mit einer Klage des BUND ruhen, will aber Ende Januar weitermachen. Hätten Sie sich Ihren Protest sparen können?

Zimmermann: Der Protest war und ist ein Erfolg. Es gab und gibt endlich mal Gegenwehr, die RWE nicht verschweigen konnte. Die Besetzung hat Aktivisten aus ganz Europa und die Anwohner vernetzt. Wir haben viel Unterstützung erfahren und erfahren sie noch in unserem neuen Camp. Außerdem hat sie viel Öffentlichkeit für unser Anliegen geschafft.

Das mediale Interesse ist schnell verpufft.

Zimmermann: Aber wir haben viele Menschen erreicht und das Interesse am Widerstand besteht nach wie vor. Unser Ziel bleibt es, den Braunkohleabbau und die Verstromung irgendwann zu stoppen.

Wann haben Sie sich für ein Leben als Vollzeitaktivist entschieden?

Zimmermann: Das Interesse kam im Jugendalter. Einen bestimmten Anlass dafür gab es aber nicht. Ich habe Leute kennengelernt und angefangen, mich zu engagieren. Wir wollen der Bevölkerung Hoffnung und Kraft geben, um gegen die Zerstörung und Unterdrückung zu kämpfen. Viele Menschen, die hier leben, trauen sich nicht, etwas zu unternehmen. Es gibt wirtschaftliche Abhängigkeitsverhältnisse. Durch die Umsiedlungen haben zudem viele Menschen ihre Hoffnung verloren. Sie mussten erkennen, dass sie gegen RWE nichts ausrichten können. Bergrecht steht über Grundrecht – das kann nicht sein. Wir wollen ein Ge­­­­­genpol zu dieser Übermacht sein.

Warum haben Sie sich bei der Besetzung für eine so extreme Form des Protests entschieden? Hätte anketten nicht gereicht?

Zimmermann: Tunnel sind eine effektive Methode, um einen Ort möglichst lange zu blockieren und eine Räumung zu erschweren.

Haben Sie mit der Dauer nicht einen Bogen überspannt und Sympathien verspielt?

Zimmermann: Nein. Der dritte und der vierte Tag waren ganz entscheidend, um auf die Aktion und unser Anliegen aufmerksam zu machen. Aber mir ist klar, dass solche Aktionen polarisieren.

Zum Beispiel wegen der Kosten, die entstanden sind. Wann zahlen Sie Ihre erste Rate?

Zimmermann: (lacht) Meine Position ist, dass RWE die Räumung wollte und sie dann auch bezahlen sollte. Energieunternehmen streichen immer die Gewinne ein, die Kosten bleiben aber am Steuerzahler hängen. Bei der Atomenergie ist es der radioaktive Abfall. Beim Tagebau sind es die Ewigkeitskosten. Das ist nicht akzeptabel. Das, was an Energie bei der Braunkohle rauskommt, ist minimal und würde ohne staatliche Unterstützung nicht rentabel sein. Und die Gewinne des Konzerns gehen auf Kosten der Gesundheit der Menschen.

Wie haben Sie sich sechs Meter unter der Erde gefühlt?

Zimmermann: Es ist entspannend. Die Umgebung ist vom Lärm der Autobahn und des Tagebaus geprägt. Da unten aber war es ruhig. Und die Temperaturen waren angenehmer als draußen.

Hatten Sie je daran gedacht, von selbst herauszukommen?

Zimmermann: Es hat mich immer gestärkt, dass ich wusste, dass oben Leute sind, die hinter mir stehen. Mein Wille, diesen Wald zu stützen, hat mir geholfen.

Hatten Sie Angst?

Zimmermann: Ich habe mich da unten sicher gefühlt. Das einzige Risiko war die Polizei, die angefangen hat zu arbeiten, ohne zu wissen, was sie da tut und wo ich bin. Sie haben einen Schacht gegraben, der direkt über meinem Kopf war.

Von der Polizei hatte die Presse die Information erhalten, dass Sie eine Stütze umgetreten haben, das hat sich später als Fehler herausgestellt. Was war passiert?

Zimmermann: Ich habe zu keinem Zeitpunkt Räumungskräfte gefährdet. Als Sichtkontakt bestand, habe ich mich in den Gang zurückgezogen, um eine Räumung herauszuzögern und zu zeigen, dass ich nicht gerettet werden will. Es wurde ja immer gesagt, dass ich gerettet werden müsse. Aber ich hätte jederzeit herauskommen können, wenn ich es gewollt hätte.

Laut Polizei hatten Sie und Ihre Mitstreiter aber angegeben, dass Sie sich nicht aus Ihrer Lage befreien können. Im Nachhinein wurde das von Aktivistenseite als Fehlinformation kritisiert. Allerdings gibt es im Internet widersprüchliche Angaben. In einem Blog der Tagebaugegner ist von einer Schlüsselübergabe die Rede, aber auch davon, dass Sie „nur vermeintlich festgekettet“ waren.

Zimmermann: Bei Ankettaktionen gibt es immer einen Notfallplan. Es gab mal Kontaktschwierigkeiten, weil ich eingeschlafen war und eine Stunde nicht erreichbar war. Laura (Zimmermanns Verlobte; Redaktion) hat den Schlüssel übergeben in der Hoffnung, dass die Polizei jemanden runterschickt, um nach mir zu sehen. Das hat die Polizei aber nicht getan.

Waren Sie angekettet oder nicht?

Zimmermann: Dazu möchte ich nichts Näheres sagen.

Im Nachhinein betrachtet: Wäre der Freitagnachmittag nicht der richtige Zeitpunkt gewesen, um aufzuhören? Die Stimmung in der Öffentlichkeit ist ja dann gekippt.

Zimmermann: Gekippt ist die Stimmung vor allem wegen der Fehlinformation der Polizei, die ja behauptet hatte, ich hätte Stützbalken umgetreten. Ich wollte die Räumung immer möglichst lange herauszögern und erzielen, dass die Bäume möglichst lange stehenbleiben. Dafür war ich da. In der Öffentlichkeit wurde es als Rettung dargestellt, aber das war es nicht. Ich hatte auch schon versucht, mit der Polizei zu verhandeln.

Was waren Ihre Forderungen?

Zimmermann: Die hatte ich noch nicht geäußert, weil es zu keiner Verhandlung gekommen ist.

Was hätten Sie denn gefordert?

Zimmermann: Darauf möchte ich nicht näher eingehen.

Der Tagebau ist genehmigt worden, die Planungen haben einen demokratischen Prozess durchlaufen. Haben Sie mal überlegt, parteipolitisch aktiv zu sein und da zu agieren, wo Entscheidungen getroffen werden?

Zimmermann: Nein. Ich kritisiere die parlamentarische Demokratie, weil dort Leute über Dinge entscheiden, die sie nicht direkt betreffen und mit denen sie sich auch nicht immer auskennen. Was RWE tut, ist zwar gesetzlich erlaubt, aber bei solchen Entscheidungen hat Lobbyismus immer schon eine Rolle gespielt.

Was schlagen Sie vor?

Zimmermann: Ich möchte, dass die Leute entscheiden können, die betroffen sind. Sie sollen gemeinsam einen Konsens aushandeln. Entscheidungen sollten mehr von unten getroffen werden.

Glauben Sie, dass das funktioniert?

Zimmermann: Es wird dauern. Orte wie die Besetzung zeigen, dass eine andere Gesellschaft möglich ist.

Als Vollzeitaktivist kritisieren Sie das System. Nutzen Sie denn dessen finanziellen Unterstützung?

Zimmermann: Nein, ich bekomme kein Geld vom Staat. Aber es kostet viel Zeit, Umweltaktion zu planen und umzusetzen.

Wie wäre es, wenn Sie eine RWE-Aktie kaufen, um bei der Hauptversammlung Fragen zu stellen?

Zimmermann: Ich finde diesen Ansatz nicht verkehrt, und er wird ja auch praktiziert. Aber RWE wimmelt die Fragen ab und stellt ihnen die Propaganda entgegen. Ich habe keine Aktie, möchte mich da aber nicht festlegen.

In dem Blog der Tagebaugegner gab und gibt es heftige Kritik an verschiedenen Medien. Es wird Journalisten und Verlagen unterstellt, vom RWE gekauft zu sein. Darf man die Besetzung nicht kritisieren, ohne vom RWE gekauft zu sein?

Zimmermann: Es wird in vielen Medien nicht neutral berichtet. Daher ist es wichtig, dass wir unsere eigenen Publikationskanäle haben. Ich kann andere Meinungen gut gelten lassen und schreibe niemandem vor, meine Aktion gut zu finden. Die Besetzer sind keine homogene Gruppe. Da können unterschiedliche Meinungen transportiert werden.

Das erste Interview haben Sie Marcus Maier von „Neues Deutschland – Sozialistische Tageszeitung“ gegeben. Diese tauchte auch als Anzeige im Aktivisten-Blog auf. Hat das eine Rolle gespielt?

Zimmermann: Das war mir nicht bewusst. Es gibt Werbebanner, die aber nicht von der Waldbesetzung gesteuert werden.

Wie geht es mit Ihnen weiter?

Zimmermann: Mit der neuen Besetzung wollen wir eine Basis für weitere Aktionen schaffen und die Öffentlichkeit darüber informieren, was hier eigentlich passiert.

Der Ort des Camps wird frühestens in zehn Jahren abgebaggert.

Zimmermann: Wir haben uns auf einen langen Protest eingestellt.

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