Inklusions-Projekt: Untersee-Boot für den Karnevalszug

Von: Carsten Rose
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Viel zu tun: Während Celine Galka (links) das U-Boot beschriftet, bringen ihr Bruder Pascal und Betreuerin Lara Brammertz die Leiter an. Foto: Krömer/Rose/Privat
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Dass beim Projekt „Wir alle in einem (U-)Boot“ viel Farbe im Spiel ist, ist klar. Es muss ja auch viel angestrichen werden – so wie etwa am Heck des Gefährts. Aber auch Näharbeiten gehören natürlich mit dazu. Foto: Krömer/Rose/Privat
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Dass beim Projekt „Wir alle in einem (U-)Boot“ viel Farbe im Spiel ist, ist klar. Es muss ja auch viel angestrichen werden – so wie etwa am Heck des Gefährts. Aber auch Näharbeiten gehören natürlich mit dazu. Foto: Krömer/Rose/Privat
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Die Signalfarben Grün, Blau und Pink des Inklusions-Projektes zieren auch das besondere U-Boot. Pascal Galka befasst sich hier intensiv mit der Leiter für das Gefährt. Foto: Harald Krömer
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Gemeinsam an einem Tisch: Menschen mit und ohne Behinderung treffen sich beim Nordeifeler Karnevals-Inklusionsprojekt, um für den Zug in Simmerath am Karnevalssonntag Großes auf die Beine zu stellen. Foto: Krömer/Rose/Privat
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„Hat viel Spaß gemacht“: Sabine Stollenwerk hat viel an Kostümen gearbeitet. Foto: Krömer/Rose/Privat
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Das vierköpfige Organisationsteam des inklusiven Karnevals-Projektes: Lara Brammertz, Anna Lena Halm, Andrea Hein und Babette Siewe (v.l.). Foto: Krömer/Rose/Privat

Region. „Zieh’ doch mal Deine Hose hoch!“, raunt es neckisch von unten die Leiter hinauf zu Celine. „Ich kann nicht“, pfeift die 17-Jährige postwendend vorbei an dem Holzpinsel zwischen ihren Zähnen, „ich habe die Hände voll – ich muss arbeiten.“

Mit rechts hält sie einen Pappteller mit grünen, blauen und pinken Farbhäufchen, mit links malt sie die ersten Lettern des Halbsatzes „in einem (U)-Boot“ seitlich auf den Ausstieg des aus Holz und Pappmaché konstruierten Tauchbootes. Ihre dunkelgraue Cargo-Stoffhose hängt auf Halbmast. Das stört sie nicht – sie trägt zwar keinen Gürtel, aber noch weite Boxershorts.

Einen Raum weiter, durchs Fenster in Sichtweite, hantiert Pascal in einem Werkraum. Der ebenfalls 17-Jährige trägt wie Celine einen Kapuzenpulli, jedoch ohne willkürlich verteilte bunte Flecken und Striche. Pascal nutzt eher den Akkubohrschrauber, die Drehbank oder die Stichsäge: Er hat direkt das Kommando übernommen, als die Crew im Raum nebenan eine Leiter für den U-Boot-Ausstieg gefordert hat.

Das 2,50 Meter hohe, einen Meter breite und etwas mehr als drei Meter lange Holzgestell soll schließlich so echt wie möglich aussehen. Drei Sprossen wird sie haben, und pink soll sie aussehen – ja, pink, „denn Pink ist doch cool“.

Das besagte U-Boot entsteht seit Anfang Dezember in den Räumlichkeiten der Grenzlandjugend in Roetgen. Es wird ein Wagen für den Simmerather Karnevalszug am Karnevalssonntag. Eine rund 70-köpfige, einheitlich als Unterwasserbewohner verkleidete Fußtruppe wird ihn präsentieren. Einheitlich steht in diesem Falle auch für Inklusion, denn die Arbeiten der Jugendlichen aus dem Jugendcafé Simmerath laufen – neben der Grenzlandjugend – in einem gemeinsamen Projekt mit fünf weiteren Einrichtungen.

Diese sind das Streetwork-Team Nordeifel, die Koordinierungs- und Kontaktstelle für Menschen mit Behinderung (KoKoBe), das Helena-Stollenwerk-Haus in Simmerath, das ABK-Hilfswerk und das Inklusionsprojekt „Wir alle – gemeinsam leben in Monschau und Simmerath“. Daran angelehnt haben sich die Teilnehmer auf das Karnevalsmotto „Wir alle in einem (U-)Boot“ geeinigt.

Pappteller mit Farbe

Am Heck, neben einem beweglichen Holzbrett – dem Steuerruder – bemalt Hans-Peter (49) in aller Ruhe die noch unbehandelte Holzfläche dunkelblau. Sein Erzieher Constantin Boitz hält dem Mehrfachbehinderten aus dem Helena-Stollenwerk-Haus den Pappteller mit Farbe. Die Leiterin der Einrichtung, Andrea Mießem-Comuth, ist an diesem Tag auch bei den Arbeiten vor Ort. „Wir möchten uns im Rahmen unserer Möglichkeiten bei dem Projekt einbringen“, sagt sie.

Wenn es am U-Boot auch nur leichte körperliche Arbeiten sind, in der Einrichtung ist es jedenfalls die stimmungsvolle Vorbereitung mit Karnevalsliedern – und zwar schon seit dem 11.11. Als „Generalprobe“ auf den Simmerather Zug, bei dem die Bewohner des Hauses das erste Mal mitmachen und nicht nur vom Straßenrand zuschauen, gibt es am Dienstag vor Fettdonnerstag eine Sitzung mit mehreren Vereinen aus der Umgebung. Mit vollem Programm.

Marco, Ende 20, aufgeweckt, fröhlich und eigentlich ständig lächelnd, ist auch ein Teilnehmer des Helena-Stollenwerk-Hauses. Eine Leiter an den Ausstieg des U-Bootes anzubringen, war unter anderem seine Idee. Gespannt schaut er Pascal bei der Umsetzung zu – und kann sich bei anfänglichen Missgeschicken des 17-Jährigen selbstverständlich ein Grinsen nicht verkneifen.

Jetzt wenig Zeit

Celine kommt aus Imgenbroich und engagiert sich im Simmerather Jugendcafé. „Das mach’ ich schon länger, macht einfach Spaß“ – Celine schweift nicht aus, sie muss pinseln. Sie ist die Chef-Malerin an diesem Tag; ab August hat sie einen Ausbildungsplatz zur Maler- und Lackiererin bereits sicher. In Kürze folgt noch ein Vorstellungsgespräch.

„Ich kann noch Cartoonzeichnerin werden, ich kann mir Zeit lassen, ob ich die Ausbildung als Malerin mache.“ Jetzt hat sie wenig Zeit. Sie muss schließlich pinseln. Celine ist bei dem Projekt von „Anfang an dabei“ – vom Einkauf der Kamelle über das Holz bis zum Bau. Sie hat kurze Haare, und heute einen ebenso kurzen Atem. „Die nächste Farbe! Blau – ich brauche Blau! Welche Farbe hat das B? Und das o?“

Pascals Hintergrund ähnelt dem Celines: dasselbe Alter, derselbe Wohnort, dasselbe Engagement im Jugendcafé. Die Zusammenarbeit mit Menschen mit Behinderung ist ihm durch regelmäßige Aktionen wie Backen mit den Bewohnern des Helena-Stollenwerk-Hauses nicht fremd.

„Es macht Spaß, mit ihnen zu arbeiten. Die Menschen können so etwas ja nicht alleine, wir können aber helfen.“ Pascals Worte werden von derselben Selbstverständlich getragen, mit der er die Leiter für das U-Boot gezimmert hat – klare Worte, klare Taten. Nach seinem Realschulabschluss am Berufskolleg in Simmerath möchte er ins Handwerk wechseln, Gartenlandschaftsbau wäre eine Option. Oder die Schreinerei?

Bei der silbernen Grundierung des mit Pappmaché beschichteten Holz-U-Bootes hat der 19-jährige Till Schneiders aus Roetgen mindestens eine Dose leergesprayt und vorher etliche Meter Draht zur Stabilisierung verarbeitet. Till wird keinen Unterwasserbewohner darstellen, sondern als Co-Kapitän auf dem Beifahrersitz im Auto Platz nehmen, das den Karnevalswagen ziehen wird.

Eventuell wird er auch als Begleitschutz wachsam nebenhergehen. Seit fünf Jahren ist er ehrenamtlicher Betreuer bei der Grenzlandjugend; Till hat auch bereits Erfahrung im Umgang mit Menschen mit Behinderung durch den Kontakt zur KoKoBe. Aber auch durch sein persönliches Umfeld: „Ein Kumpel von mir hat auch eine Behinderung, von daher habe ich gar keine Schwierigkeiten, mit den Leuten an dem Projekt zu arbeiten“, erklärt er.

Auch rundherum, unterhalb der Leiter, auf Höhe des Rumpfes, geht die Gestaltung im Kollektiv weiter. „Ein U-Boot ohne Fenster geht nicht.“ „...die heißen doch Bullauge, oder?“ „An jeder Seite drei! In drei verschiedenen Farben!“

„Pink, Blau, Grün!“. Das sind die Signalfarben des Inklusionsprojekts „Wir alle – gemeinsam leben in Monschau und Simmerath“. „Wie machen wir Moos an die Unterseite?“ „Mit kleinen Schwämmen.“ Ein Fischnetz soll auch noch besorgt werden, ein dunkelgrünes Plastikrohr – das künftige Periskop – liegt noch etwas unbeachtet auf der Plane auf dem Grund.

Wenige Tage vor dem Zug feiern Celine und Pascal ihre Volljährigkeit – Sternzeichen Wassermann, an Karnevalssonntag ist er als Krake, sie als Hai verkleidet – jeweils pink. Dieselbe Farbe der Umhänge wird ausdrücken, was auf den ersten Blick sonst nur ihr Engagement für das inklusive Projekt ausdrückt: Sie sind Zwillinge. Und begleiten dasselbe selbsterbaute U-Boot.

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