Initiativen wollen die Kohlenstoffblase platzen lassen

Von: Amien Idries
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Wie viel CO2 wird der Mensch noch in die Luft blasen? Sollte das Zwei-Grad-Ziel eingehalten werden, dürften nach Berechnungen der Divest-Umweltkampagne nur noch etwa 20 Prozent der im Boden befindlichen fossilen Energieträger gefördert werden. Im Bild ein Braunkohlebagger in Inden, im Hintergrund das Kraftwerk Weisweiler. Foto: dpa
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Britischer Wahlaachener: Gary Evans engagiert sich dafür, dass die Stadt Aachen nicht mehr in fossile Energie investiert. Foto: Amien Idries

Aachen. Gary Evans ist ziemlich britisch. Sein leichter englischer Akzent strahlt Understatement aus, und zum Termin erscheint der Wahlaachener mit einer Thermoskanne, die – natürlich – Tee enthält. Fehlt eigentlich nur noch ein wenig Gebäck zur Teatime im Aachener Elisengarten.

Wenn es um Umweltschutz geht, kann Evans seine vornehme britische Zurückhaltung aber ganz schnell ablegen. „Wir werden uns von unseren Kindern die Frage gefallen lassen müssen, was wir gegen den Klimawandel getan haben“, sagt Evans. Er will später glaubhaft sagen können, dass er sich gewehrt hat. Dass er sich engagiert hat.

Divest (engl. abstoßen) heißt die Initiative, deren Aachener Ableger Evans vor Kurzem mit ein paar Mitstreitern gegründet hat. Ziel von Divest – die Idee stammt aus den USA – ist es, öffentliche Institutionen dazu zu bringen, ihre Investitionen in fossile Energieträger abzuziehen. Das Besondere an der Klimaschutz-Initiative: Obgleich sie einen moralischen Grundton hat, argumentieren die Aktivisten vornehmlich ökonomisch. Und zwar folgendermaßen: Sollte das beim Kopenhagener Klimagipfel vereinbarte Zwei-Grad-Ziel auch nur halbwegs eingehalten werden, dürfte nur noch eine bestimme Menge an CO2 in die Luft geblasen werden. Danach wäre Schluss.

Absturz der Kurse ist denkbar

Das hätte zur Folge, dass ein großer Teil der jetzt noch im Boden befindlichen fossilen Energieträger faktisch wertlos ist, weil er in Zukunft nicht mehr verbrannt werden darf. Unternehmen, die sich die Nutzung dieser Ressourcen bereits gesichert haben, sind demnach viel weniger wert als bislang angenommen. Deshalb wäre es ökonomisch sinnvoll, sich als Anleger von Investitionen in diese Firmen zu trennen.

Was sich wie der Tagtraum von Klimaaktivisten anhört, hat einen realen Hintergrund, die sogenannte Kohlenstoffblase. Diese Spekulationsblase ergibt sich aus der Differenz des maximalen CO2-Budgets der Menschheit, sollte sie das Zwei-Grad-Ziel erreichen wollen, und der CO2-Menge, die sich noch in Lagerstätten befindet. Das Verhältnis wird von einer Umweltinitiative, die sich Carbon Tracker nennt, mit 565 zu 2795 Gigatonnen CO2 angegeben. 80 Prozent der Rohstoffe dürften im Falle verbindlicher politischer Vorgaben für das Zwei-Grad-Ziel nicht mehr gefördert werden. Verschiedene Analysten sprechen bereits von der größten Spekulationsblase der Geschichte. Große Investoren halten einen drastischen Absturz des Börsenkurses großer Energiekonzerne in den nächsten Jahren für denkbar.

Der US-Autor und Umweltaktivist Bill McKibben transferierte durch einen Artikel im Magazin „Rolling Stone“ dieses Wissen aus der Finanz- in die Klimaschutzwelt und lieferte damit den Anstoß für die Divest-Initiative. Seit 2012 tourt McKibben mit seiner Organisation 350.org durch die USA und präsentiert seine Zahlen. Die Menschen sollen verstehen und beginnen, öffentlichen Institutionen Fragen zu stellen, sie hinsichtlich ihrer Investitionen in fossile Energien unter Druck zu setzen.

So wie Evans und seine Mitstreiter, deren erstes Ziel die Stadt Aachen ist. „Es gibt einen öffentlich einsehbaren Beteiligungsbericht der Stadt, der die wirtschaftlichen Verknüpfungen aufzeigt“, erklärt Dirk Tentler von Divest-Aachen. So detailliert die Angaben zu den Energieunternehmen Stawag oder Trianel aber auch sind, die für Divest relevante Frage, welche Investitionen im Bereich fossile Brennstoffe bestehen, lässt sich trotz Aktenstudiums nicht beantworten. Deshalb fand man mit Horst Schnitzler (UWG) einen Ratsherrn, der eine detaillierte Ratsanfrage stellte, die unserer Zeitung vorliegt. Welche Investitionen oder Beteiligungen bestehen im Bereich der fossilen Brennstoffe? Wie schnell wäre ein Ausstieg machbar? Wie will die Stadt im Sinne des Divest auf die Stawag einwirken?

Fragen, die derzeit die städtische Verwaltung beschäftigen. Bis zum 26. August sollen die Ergebnisse vorliegen und im Rat diskutiert werden. „Darüber hinaus haben wir Oberbürgermeister Marcel Philipp gefragt, ob er den Divest-Zielen prinzipiell zustimmt“, sagt Evans. Ziel der Aktivisten ist Transparenz, um dann den öffentlichen Druck zu erhöhen. Als nächsten Schritt will die Initiative die RWTH sowie das Bistum Aachen anschreiben (Siehe Infobox).

Die Strategie des politischen Drucks ist vor allem in den USA recht erfolgreich. Zahlreiche Städte (etwa San Francisco und Seattle), Universitäten (Stanford) sowie kirchliche Organisationen haben sich inzwischen zum Divestment bekannt. Auch in Großbritannien gibt es erste Erfolge. Erst im Juni beschloss das norwegische Parlament, dass der dortige Rentenfonds von Investitionen in fossile Energieträger Abstand nimmt.

Schleppender Start in Deutschland

In Deutschland läuft das Ganze etwas schleppender an. Erste Bemühungen gab es in Münster – auch, weil Tina Langkamp dort lebt, die als Hauptamtliche für die Organisation 350.org die Kampagnen in Deutschland koordiniert (siehe Interview). Die Stadt Münster reagierte positiv und könnte im Herbst einen Ratsbeschluss fassen, der den Divest-Regeln entspricht. Ganz anders die dortige Universität, deren Rektorin die Aktivisten als „Chaoten“ bezeichnete, von denen sie sich nicht vorschreiben lasse, was sie zu tun habe.

In den Augen vieler dieser „Chaoten“ sind das allenfalls Rückzugsgefechte. So sieht es auch der Brite und FH-Dozent Evans: „Wir stehen am Anfang einer großen Wende, von der die Divest-Initiative ein Teil ist.“ Deutschland sei Vorreiter bei der Energiewende. Die ganze Welt schaue auf das Land. Für die Angst vor Jobverlusten etwa bei den großen Energiekonzernen habe er Verständnis. Das Ziel müsse sein, diese Verluste durch Arbeitsplätze in der Solar- und Windenergie zu kompensieren.

Aachen sei dazu besonders geeignet, sagt der Wahlaachener. „Als ich nach Aachen gekommen bin, hat sich die Stadt mit dem Etikett ‚Ökologische Stadt der Zukunft‘ geschmückt“, sagt Evans. Von 1992 bis 2002 hatte die Stadt am gleichnamigen Modellprojekt der NRW-Landesregierung teilgenommen. Seitdem sind diese Bemühungen seiner Ansicht nach eingeschlafen. Dabei sei gerade Aachen mit dem großen technischen Knowhow durch RWTH und FH prädestiniert, Vorreiter in Sachen Energiewende zu werden. „Aachen gehörte früher einmal zur ökologischen Avantgarde; ich wünsche mir, dass die Stadt es wieder wird.“

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