Ingenieure ohne Grenzen: Von der Idee bis zur Durchsetzung

Von: Leandra Kubiak
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Die Regionalgruppe der „Ingenieure ohne Grenzen“ aus Aachen. In einzelnen Projektgruppen haben die Ehrenamtler schon viel erreicht. Aktuell wird an einem Projekt für ein Dorf in Kamerun gearbeitet. Foto: Kubiak, Ingenieure ohne Grenzen

Aachen. Sie haben Toiletten in Kenia gebaut, eine Wasserkraftanlage in Nepal wieder ans Laufen gebracht und Solarthermie in Südindien eingerichtet: Die „Ingenieure ohne Grenzen“ aus Aachen. Der Verein, der Regionalgruppen in ganz Deutschland hat, hilft Menschen bei akuten Problemen in den Bereichen Wasser-, Sanitär- und Energieversorgung sowie Brückenbau und will damit ihre Lebensbedingungen verbessern.

Die Idee für ein Projekt ist schnell geboren – von der ersten Idee bis zur tatsächlichen Umsetzung ist es allerdings ein weiter Weg…

Ganz am Anfang ihrer Idee standen im Juli auch Elena Borgardt (24) und Elias Küpper (19) von der Regionalgruppe Aachen. Zu diesem Zeitpunkt gab es zunächst ein erstes grobes Konzept. Ihre Idee: Einem Dorf in Kamerun dabei helfen, Durchfallerkrankungen zu reduzieren. Die eine konkrete Lösung hatten die Studenten zu diesem Zeitpunkt noch nicht – aber darum geht es anfangs auch gar nicht.

1. Am Anfang steht die Idee

Jedes Projekt beginnt mit einer Interessengemeinschaft, die sich zusammenfindet und einen Plan entwickelt, wo sie mit einem bestimmten Ziel helfen könnte.

Zunächst sollte sich die Gruppe einige grundlegende Fragen stellen: Ist die Unterstützung der Bevölkerung vor Ort überhaupt gewünscht und sinnvoll? Gibt es eine Lösung für das Problem, die in der Praxis gut umgesetzt werden kann und kann diese auch für längere Zeit Fortbestand haben?

Denn eine Grundregel der „Ingenieure ohne Grenzen“ ist ganz klar: Es sollte nie darum gehen, Menschen eine Veränderung aufzuzwingen, die sie vielleicht gar nicht sinnvoll nutzen können. Die Mitwirkung der betroffenen Menschen vor Ort ist deshalb bei jedem Projekt der Regionalgruppe Voraussetzung. Ziel ist, dass die Menschen den Anstoß, der gemeinsam entwickelt wurde, auch alleine in die Tat umsetzen beziehungsweise fortführen können. Auch eine Zusammenarbeit mit Organisationen vor Ort wird deshalb von den Gruppen angestrebt.

2. Vorab wird recherchiert

Hat eine Interessengemeinschaft eine Idee entwickelt, geht es ans Recherchieren. Wie ist die In-frastruktur vor Ort? Mit welchen Mitteln kann man die Menschen unterstützen? Wie könnte die konkrete Umsetzung aussehen?

Auch die Gruppe um Elena Borgardt und Elias Küpper hat sich vorab mit den Gegebenheiten vor Ort befasst. Bei dem Dorf Nkoumisé-Sud handelt es sich um ein Dorf mit dezentralen Strukturen – ein und dasselbe Dorf zieht sich hier über zehn Kilometer hinweg, was die Lösung des Problems erschwert. 1500 Menschen leben in dem Dorf, das im tropischen Südwesten des Landes liegt. Gründe für die Durchfallerkrankungen sind vermutlich unreines Trinkwasser und möglicherweise der Kontakt mit Pestiziden, die für den Kakaoanbau in dieser Region verwendet werden.

3. Vorstellung des Konzepts

Beim sogenannten Orga-Treffen, das alle zwei bis drei Wochen stattfindet und an dem Vertreter aller Arbeitsgruppen teilnehmen, hat die Gruppe ihr Konzept den anderen im Juli erstmals vorgestellt. Ihre Lösungsansätze: Ein Brunnen, die Nutzung von Regenwasser oder auch die Vermittlung einer besseren Hygiene, zum Beispiel nach dem Kontakt mit Pestiziden. Im Anschluss an die Präsentation wird jeweils von allen Mitgliedern ein Bewertungsbogen ausgefüllt. Kriterien für die Bewertung sind der Nutzen für die Projektbegünstigten, die Durchführbarkeit, die Finanzierung und der Nutzen für die Organisation selbst, also zum Beispiel der eigene Wissenszugewinn.

4. Abstimmung

Später wird dann innerhalb der Regionalgruppe – in Aachen hat diese derzeit rund 120 Mitglieder – darüber abgestimmt, ob das Projekt durchgeführt werden soll oder nicht. Nur wenn ein Projekt genug Stimmen erhält, wird der Vorschlag an die Geschäftsstelle von „Ingenieure ohne Grenzen“ in Berlin weitergeleitet.

5. Die Entscheidung fällt in Berlin

In der Geschäftsstelle wird dann endgültig über ein Projekt entschieden. Die Geschäftsstelle ist übrigens die einzige Stelle des Vereins, in der es hauptamtlich Beschäftigte gibt. Alle anderen Gruppen in Deutschland – insgesamt sind es 32 – arbeiten ehrenamtlich.

Das Prozedere kennt Jessica Hückl gut. Die 29-Jährige ist seit 2011 Teil der Aachener Gruppe und seit fast zwei Jahren Ansprechpartnerin in Sachen Öffentlichkeitsarbeit. „Wenn ein Projekt abgesegnet wurde, bekommt es Projektstatus und damit auch ein Spendenkürzel“, erklärt Hückl den Vorgang. Das bedeutet, dass Interessierte dann gezielt für dieses Projekt spenden können. Zwei bis vier Wochen dauert es, bis die Ortsgruppe eine Rückmeldung aus Berlin bekommt.

Die Projektgruppe Kamerun hat bereits grünes Licht bekommen. „Die Geschäftsstelle steht hinter unserer Idee“, sagt Elena Borgardt, die heute Projektkoordinatorin ist. Inhaltlich hat sie ihr Konzept weiterentwickelt. „Wir haben uns für den ‚Wash‘-Ansatz entschieden“, sagt Borgardt. „Wash“, das steht für die drei Bereiche Wasser, Sanitär und Hygiene. Nur eine Hilfestellung in allen Bereichen kann Erfolg haben – zu der Erkenntnis ist man in der Gruppe gekommen.

Konkret kann das heißen, dass in Kamerun Hygieneschulungen angeboten werden und die Menschen lernen, wann man sich die Hände waschen sollte, um Krankheiten zu vermeiden. Im Bereich Sanitär ist eine Trenntoilette denkbar, damit Keime aus dem Kot nicht ins Grundwasser gelangen können. Bisher werden die Fäkalien in dem Dorf im Boden vergraben. Um sauberes Trinkwasser zu erhalten, könnte eine Quellfassung gebaut werden, in der das Wasser besser vor Verschmutzung geschützt ist, als das momentan der Fall ist.

6. Erkundung vor Ort

Welche Einrichtungen später tatsächlich gebaut werden, wird erst nach der Erkundung vor Ort entschieden. „Danach ist es immer noch möglich, dass ein Projekt abgebrochen wird“, sagt Hückl. Schließlich kann erst vor Ort festgestellt werden, ob eine Umsetzung realistisch und sinnvoll ist und eine zuverlässige Zusammenarbeit mit den Betroffenen möglich ist.

Für Elena Borgardt und zwei weitere Mitglieder der Gruppe soll es im März losgehen: Für drei Wochen werden sie in die Region fliegen. Vor Ort sollen die Kontakte gefestigt werden, die bereits seit einiger Zeit bestehen. Und natürlich wird sich die Gruppe anschauen, wie die Realität aussieht und welche Maßnahmen helfen könnten. 11.000 Euro seien allein für die Erkundung notwendig, sagt Borgardt.

7. Die Umsetzung

Bis zur sogenannten Implementierung, also der Umsetzung, vergeht mindestens ein weiteres Jahr. In dieser Zeit wird an dem Konzept gefeilt und die Kontakte mit den Menschen vor Ort werden intensiviert. Sobald alles vorbereitet ist, fliegen in der Regel drei Mitglieder der Projektgruppe in das jeweilige Land und setzen ihr Projekt um. „Im Normalfall bleibt die Gruppe für etwa eineinhalb Monate da“, sagt Hückl. Je länger sie bleiben könnten, desto besser sei es.

Insgesamt kommen für die Umsetzung eines Projekts Kosten von rund 20.000 Euro zusammen – unter anderem für die Flüge, medizinische Untersuchungen, Impfungen und die Verwaltung. Finanziert wird über Spenden und Einnahmen durch Veranstaltungen des Vereins.

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