Erkelenz/Bedburg/Kerpen - In manchem getrennt, aber gegen die Kohle vereint

In manchem getrennt, aber gegen die Kohle vereint

Von: Daniel Gerhards und Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
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Das Wochenende im Rheinischen Revier: Zwischen Merzenich-Morschenich und Kerpen-Manheim bildeten 3000 Menschen auf der alten A4-Trasse eine Rote Linie. Foto: Andreas Steindl
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RWE-Kritiker wie der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) oder die Bürgerinitiative „Buirer für Buir“ fordern, den Tagebau Hambach an der alten A4-Trasse enden zu lassen. Foto: Andreas Steindl
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Parallel zur Rote-Line-Demo zogen mehr als 1200 „Ende Gelände“-Aktivisten von Bedburg aus in Richtung RWE-Kraftwerk Neurath . . . Foto: Daniel Gerhards
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. . . wo es auf offenem Feld zu einer Konfrontation mit der numerisch weit unterlegenen Polizei kam. Dem größeren Teil der Aktivisten gelang es . . . Foto: Daniel Gerhards
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. . . wo es auf offenem Feld zu einer Konfrontation mit der numerisch weit unterlegenen Polizei kam. Dem größeren Teil der Aktivisten gelang es . . . Foto: Daniel Gerhards
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. . . die Gleise der Nord-Süd-Bahn, die die Kraftwerke mit Braunkohle versorgt, an drei Stellen zu besetzen. Den Rest hielt die Polizei auf. Foto: Daniel Gerhards
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Die Dimension der Rote-Linie-Demo in Fotos festzuhalten, wäre allenfalls aus der Luft möglich gewesen. Foto: Andreas Steindl
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Nur so viel: Auf einer Strecke von knapp zwei Kilometer standen lauten Menschen, die meisten rot gekleidet. ... Foto: Andreas Steindl
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... Nennenswerte Lücken gab es nicht. Foto: Andreas Steindl
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Am Ende der Kette standen auch die Grünen-Vorsitzenden Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt (2. Foto v. r.) mit anderen Grünen aus Bundes-, Landes und Kommunalpolitik. Foto: Andreas Steindl

Erkelenz/Bedburg/Kerpen. Als die Rote Linie sich zu formieren beginnt, läuft Michael Zobel schnell mal auf einen kleinen Erdhaufen, so hat er einen besseren Überblick. Er steht dort wie ein General, der die Parade abnimmt, sagt erst mal nichts, stemmt die Hände in die Hüften, dann sagt er doch etwas.

„Das ist unglaublich, das ist wirklich unglaublich“, dabei sieht Zobel allenfalls einen kleinen Teil der 3000 zum großen Teil rot gekleideten Menschen, die am Samstag auf der alten A4-Trasse stehen, die aussieht wie eine von Wald gesäumte Wüste. Zobel, der einer von denen ist, die dem bürgerlichen Widerstand gegen die Braunkohle ein Gesicht geben, ist bewegt, er weiß nicht, ob er lachen oder vor Freude weinen soll.

Es wird ruppig

Die Proteste, die in den vergangenen Tagen im Rheinischen Revier stattfanden, sind die größten der jüngeren Geschichte. Neben den 3000 Rote-Linie-Demonstranten waren 20 Kilometer nördlich am Samstag mehr als 1200 „Ende Gelände“-Aktivisten unterwegs, die an drei Stellen die Nord-Süd-Bahn besetzten, mit denen Braunkohle vom Tagebau Garzweiler aus in die Kraftwerke Niederaussem, Neurath und Frimmersdorf transportiert wird.

An anderen Stellen besetzten weitere Aktivisten Zufahrtsstraßen zum Kraftwerk Neurath und eine Stelle der Hambachbahn. Am Sonntag besetzten sie einen Bagger im Tagebau Garzweiler und eine Förderanlage im Tagebau Hambach. Insgesamt waren es etwa 5500 Menschen, die sich vergangenes Wochenende an den Protesten und Demonstrationen beteiligten.

Am Samstagmorgen spricht „Ende Gelände“-Sprecherin Insa Vries im Klimacamp am Erkelenzer Lahey-Park noch über den Vortag. Am Freitag hatten die „Aktionen des zivilen Ungehorsams“ begonnen. Es kam zu einer Reihe von Blockaden, aber es war keine Massenaktion dabei. Dabei ist es das, wofür „Ende Gelände“ nach eigenen Angaben steht: „massenhafter Protest“. Deshalb ist Samstagvormittag klar: Es muss noch etwas Großes folgen. Nur was das sein wird, wissen zu diesem Zeitpunkt nur sehr wenige Leute.

Und dann folgt ein Schachzug, der der Polizei, die bislang vollkommen Herr des Geschehens war, die Arbeit deutlich erschwert. Die Aktivisten besteigen Busse und fahren aus dem Klimacamp nahe Erkelenz-Kückhoven zu einem Ableger des Camps bei Bedburg nord-östlich des Tagebaus Garzweiler. Das Gelände ist unübersichtlich.

Und es sind viele Ziele in der Umgebung, die sich für die Aktivisten lohnen könnten: die Hambachbahn, der Kohlebunker Fortuna, das Kraftwerk Niederaußem, die Nord-Süd-Kohlebahn und das Kraftwerk Neurath. All diese sensiblen RWE-Einrichtungen sind von Bedburg aus zu Fuß erreichbar. Es ist also vollkommen offen, was die Aktivisten vorhaben.

Die Polizei Abstand

Als sich die mehr als 1200 Aktivisten in Bedburg in Bewegung setzen, sind gleich zwei Polizeihubschrauber in der Luft. Es wird schnell deutlich, dass diese Gruppe kaum zu stoppen sein wird. Es gibt kaum Stellen, die eng genug wären, um sie mit einer massiven Polizeikette aufzuhalten. Also hält die Polizei Abstand.

Nach dem ersten Zusammenstoß mit der Polizei wird es hektisch. Jetzt rennen die Aktivisten ein Stück, bis sie merken, dass die Polizisten sie nicht verfolgen. Welchen Weg der Zug der weiß gekleideten Aktivisten genau nimmt, wissen vorher wohl nicht einmal die Aktivisten, die in der ersten Reihe laufen. Sie verlassen sich auf die Hilfe ihrer Späher. Sie sind mit dem Rad unterwegs, kundschaften die Gegend aus. Sie sehen, wo sich die Polizei formiert.

Die Polizisten sind in diesem Moment machtlos. Immer wenn sie sich postieren, rennen die Aktivisten einfach um sie herum, die Gegend ist weitläufig. Deshalb wirkt die Protestaktion auch eher wie ein großer Spaziergang, als die Aktivisten die Alte Frauweiler Straße erreichen, die Bedburg mit dem Stadtteil Rath verbindet.

Zur selben Zeit, es ist etwa 13.30 Uhr, werden auf der alten A4-Trasse die letzten Lücken der Roten Linie geschlossen. Auch ein paar Politiker sind vorbeigekommen, sofort sind sie von Fotografen umringt: die Parteivorsitzenden Cem Özdemir und Simone Peter, Katrin Göring-Eckardt, der Dürener Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer, der Fraktionsvorsitzende im Bundestag Toni Hofreiter, Reiner Priggen, alles Grüne. Aber auch die Vorsitzende der Linken, Katja Kipping, ist ins Revier gekommen. Vor Ort sind mehr Personenschützer für die Politiker als Polizisten. Alles friedlich.

Aktivisten teilen sich in Gruppen auf

Anders als in Bedburg-Rath: Irgendwann wird klar, dass das einzig realistische Ziel, das den Klimaaktivisten bleibt, die Nord-Süd-Bahn ist. Zwischen ihnen und der Trasse stehen rund 70 Mannschaftswagen der Polizei mit Besatzung.

Um diese Polizisten auseinanderzuziehen, teilen sie die Aktivisten in vier Gruppen auf, jede läuft in eine andere Richtung. Eine Gruppe kommt ziemlich schnell zu den Gleisen durch. Eine andere will die Polizei auf freiem Feld stoppen, ohne Erfolg. Bei der dritten, rund 600 Aktivisten großen Gruppe gelingt es der Polizei, sie zu stoppen und einzukesseln. Auch der Versuch dieser Aktivisten, aus dem Polizeikessel auszubrechen, misslingt.

Die Zusammenstöße von Polizei und Aktivisten sind nun heftig, das einzige Mal während der Proteste dieses Jahr wird der Polizeieinsatz robust. Die Beamten setzen Schlagstöcke und Pfefferspray ein. „Wir sind heute auf wesentlich mehr Widerstand gestoßen als gestern. Haben sich Aktivisten gestern noch wegtragen lassen, haben sie sich heute heftig gewehrt“, wird Polizeisprecher Paul Kemen später sagen.

Während der Proteste kam es dieses Jahr bislang nicht dazu, dass die große Gruppe der Demonstranten auf Mitarbeiter von RWE trifft. Anders als 2015, als 805 Kohlegegner von „Ende Gelände“ in den Tagebau gelangten und erst kurz vor einem der großen Bagger an einer Blockade von RWE-Mitarbeitern stoppen mussten. Diesmal wird die Frontlinie zwischen Aktivisten und Polizisten gezogen. Beleg dafür ist auch, dass Samstagnacht ein Polizeimannschaftswagen am Tagebau Hambach von Aktivisten mit Steinschleudern und Feuerwerkskörpern angegriffen wurde.

Am Ende gelingt es rund 300 Aktivisten nach elf bis zwölf Kilometern Fußmarsch und mehreren Auseinandersetzungen mit der Polizei, die Gleise der Nord-Süd-Kohlebahn für rund sechs Stunden zu blockieren. Die Aktivisten werteten die Aktion als „riesigen Erfolg“. Sprecherin Insa Vries sagt: „Es ist uns gelungen, die Braunkohleinfrastruktur effektiv zu blockieren. Und wir haben deutlich gemacht, was für ein drängendes Problem der Klimawandel ist.“

Der Riss durch die Gesellschaft

Als die Rote Linie sich aufgelöst hat, gibt es in Kerpen-Manheim eine Abschlusskundgebung mit anschließendem Straßenfest. Die Politiker sind lange weg, trotzdem sind 500, 600 Menschen geblieben. Hubert Weiger, der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND), steht auf einer provisorischen Bühne und ruft seinem Publikum die in den vergangenen Tagen sichtbar gewordenen Folgen des Klimawandels ins Gedächtnis. Hurrikan in Texas, Bergstürze in den Alpen, der tauende Permafrost der Arktis. Weiger ruft ins Mikro: „Was muss denn noch alles passieren, damit die Politik reagiert?“

Andreas Büttgen von der Bürgerinitiative „Buirer für Buir“ berichtet als Betroffener, wie RWE ganze Dorfgemeinschaften spalte, wie die Frage, Braunkohle ja oder nein?, selbst Familien trenne. Und immer wieder sagt er, fast gebetsmühlenartig: „Braunkohle tötet, Braunkohle macht krank.“ Großer Applaus.

Zwar erklärt der BUND das Wochenende zum „größten Braunkohleprotest aller Zeiten“, doch angesichts des in der Tat auch von den RWE-Kohlekraftwerken befeuerten Klimawandels ist es fast erstaunlich, dass nicht mehr Menschen an den Protesten teilnehmen. Bis auf wenige Ausnahmen kommen Aktivisten und Demonstranten nicht aus dem Revier, zum Teil noch nicht einmal aus Deutschland.

Die grüne Landtagsabgeordnete Gudrun Zentis aus Nideggen glaubt, dass RWE tief in der Gesellschaft im Rheinischen Revier verankert ist, in Rathäusern, Vereinen, Parlamenten, was natürlich keine Schande ist. Aber: „Deswegen ist es so wahnsinnig schwierig, die Menschen hier zu mobilisieren“, sagt Zentis. Antje Grothus („Buirer für Buir“) sieht noch ein anderes Problem, das in der Natur des Menschen gründet, sie sagt: „Wer sich in seinem Leben, in seinem Alltag eingerichtet hat, macht sich wenig Gedanken über den Klimawandel.“

Was bleibt nun von den Protesten, wie geht es weiter?

Zunächst einmal wie immer. Die Bergbaugewerkschaft IGBCE erklärte vergangene Woche, die Braunkohleverstromung sei die Brückentechnologie, die die Energiewende überhaupt erst ermögliche. Die Aktivisten fordern den sofortigen, die Demonstranten den Ausstieg nach Erreichen der Roten Linie. Und das Aktionsbündnis „Ende Gelände“ kündigt an, im November wiederzukommen. Dann findet die UN-Klimakonferenz in Bonn statt, und die Aktivisten rufen für diese Zeit zu neuen Protestaktionen im Rheinischen Revier auf.

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