Aachen - In Energiepolitik nicht „dem Mainstream zu folgen”

In Energiepolitik nicht „dem Mainstream zu folgen”

Von: Martina Rippholz
Letzte Aktualisierung:
energie_bu
„Denkverbote aufheben”: Fritz Vahrenholt, Chef der RWE-Ökosparte, sprach an der RWTH über Energie und Nachhaltigkeit. Foto: Schmitter

Aachen. Damit hatte niemand gerechnet. Nur noch eine Stunde bis zum Spiel Alemannia gegen Bayern München. Trotzdem ist der große Hörsaal im Kármán-Auditorium am Mittwochabend um halb acht voll. Knapp 500 Zuhörer ziehen dem Fußball einen Vortrag zu einem der wichtigsten Themen unserer Zeit vor.

Professor Fritz Vahrenholt, Chef von RWE Innogy, der Öko-Sparte des Energieriesen, sprach zum Thema „Energie und Nachhaltigkeit - Was kommt nach dem Öl?”. Er hielt die zweite „Leonardo-Lecture”, die Teil des Leonardo-Projekts der RWTH ist. Das wurde vom Aachener Historiker Max Kerner gegründet und ist der Professur für Zukunftsforschung von Daniel Barben zugeordnet. Das interdisziplinäre Projekt setzt sich mit den Herausforderungen unserer Zeit auseinander -Ê mit Bevölkerungswachstum und Globalisierung etwa, und eben mit Problemen der Energie.

Dass diese groß sind, ist längst bekannt. Energiepolitisch befindet sich Deutschland jedoch auf dem falschen Weg. Davon ist Vahrenholt, ehemaliger Umweltsenator von Hamburg, überzeugt. Und das lässt er sein Publikum auch spüren, mit nicht wenigen unpopulären Statements und zuweilen lakonischem Unterton.

Stichwort: regenerative Energien. Durch sie sollen nach Plänen der Bundesregierung bis 2050 80 Prozent des Stromverbrauchs gedeckt werden. Die Begründung: durch Effizienzsteigerung könne künftig viel Energie gespart werden. „Da glaub ich nicht dran!”, ruft Vahrenholt in den Raum. Öl und Kohle seien in 40 Jahren kaum noch verfügbar. Außerdem steige der Energiebedarf rasant an. Und obendrein werde stark auf E-Fahrzeuge gesetzt. „Wo soll der Strom für das alles herkommen?”

Maximal 50 Prozent möglich

Vahrenholt hält die Prognosen für wenig realistisch. Erneuerbare Energien seien zwar unbedingt zu fördern. Ausreichen werden sie dem Chemie-Professor zufolge aber nicht. Die Kapazitäten von Wind, Wasser und Biomasse seien begrenzt, ebenso das Ausbaupotential. „In der Nordsee gibt es zum Beispiel U-Boot-Versuchsgebiete. Da sind Offshore-Windanlagen nicht möglich.” Maximal 50 Prozent aus erneuerbaren Energien hält er bis 2050 für möglich.

Besonders schwer im Magen liegt Vahrenholt, dem Wirtschaftsführer, das Thema Abhängigkeit. Deshalb plädiert er für Kernenergie: „Überall um uns herum werden Kraftwerke gebaut, in Polen oder in Finnland. Die wollen sich nicht abhängig zu machen. Nur wir planen mit 30 Prozent Import-Energie. Das nenne ich sehr, sehr mutig.” An der Kernkraftwerksverlängerung geht für den RWE-Manager kein Weg vorbei. Auch, weil sie kein CO2ausstoßen. Ein andere wichtige Option für ihn: Bohrungen nach dem sogenannten Shale-Gas, das in kohlenwasserstoffreichen Sedimenten auftritt. Große Vorkommen gebe es unter anderem in Nordrhein-Westfalen. Der Erdgasbedarf für 100 Jahre könne damit gesichert werden. „Diese Möglichkeit wird in Deutschland blockiert, weil dafür Erde bewegt werden müsste”, sagt Vahrenholt. „Das mögen die Leute aber nicht.” Für solche „Partikularinteressen” hat er wenig Verständnis. Vahrenholt denkt an das große Ganze.

So klingt auch sein Appell an die Politiker: „Sie sollten endlich aufhören dem Mainstream zu folgen und Denkverbote aufheben.” Erneuerbare Energien fördern aber ihre Grenzen erkennen, Kernenergie fortführen, neue Technologien erforschen und Netze ausbauen, auch wenn das für den ein oder anderen unangenehm wird - das sind Vahrenholts Antworten auf die Frage: „Was kommt nach dem Öl?” Nicht jeder Zuhörer konnte sich dem ganz anschließen. Das zeigte auch die anschließende Diskussion, moderiert von unserem Redakteur Axel Borrenkott. Vortrag statt Fußball: das hat sich für die meisten dennoch gelohnt.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert