Berlin - In Döblins Bierquelle gibt es Internet zum Espresso

In Döblins Bierquelle gibt es Internet zum Espresso

Von: Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
4703335.jpg

Berlin. Sein Leben ist kein Ponyhof. Trotzdem bereitet es Ansgar Oberholz tierisches Vergnügen, die Tür seines Cafés in Berlin Mitte aufzustoßen, dem Zischen der Kaffeemaschine zu lauschen und in die mal wachen, mal übermüdeten Augen der Besucher hinter den aufgeklappten Laptops zu blicken.

Ansgar Oberholz hat lange nach seinem Platz in der Welt gesucht. Er hat Physik und Mathematik, Informatik, Philosophie und Forensik studiert, aber keinen Abschluss vorzuweisen. Er hat als Musiker und Softwareproduzent gearbeitet. Er hatte eine Werbeagentur und doch immer das Gefühl, dass er sein Glück noch nicht gefunden hat. Dann stand er in einer regnerischen Nacht am Rosenthaler Platz und drückte sich an eine dunkle Fassade, hinter der über Jahrhunderte Berliner Geschichte(n) tobte(n). Er suchte ein trockenes Plätzchen und fand sein Glück im Café Sankt Oberholz.

Mit dieser Begegnung von Mann und Haus beginnt der Roman über ein Café, über das einfach ein Roman geschrieben werden muss. Denn das Sankt Oberholz ist mehr als ein schmucker weißer Bau an einem hektischen Berliner Verkehrsknoten und auch mehr als eines von zig Berliner Cafés mit schmuckem Konzept und hippen Ideen. 2005 hat Ansgar Oberholz das „Sankt Oberholz“ eröffnet. Davon erzählt er überaus unterhaltsam in seinem Buch „Für hier oder zum Mitnehmen?“.

2012 berichtet er in seinem Buch von den Anfängen eines Cafés, dass mittlerweile Menschen mit Laptop anzieht wie ein Magnet, irgendwie immer voll ist und alle Erwartungen gesprengt hat, die Oberholz am Rosenthaler Platz haben konnte. Das Sankt Oberholz ist Treffpunkt dessen, was Feuilletonisten die digitale Boheme nennen. Es sind junge Menschen mit großen Ideen und Laptops.

Tonnenweise Gigabytes

Anfangs waren es die Kreativen, Werbeleute und Reporter, die hier saßen, an der Theke einen Espresso orderten (Kellner gibt es nicht), ihren Bildschirm anstarrten und dabei ihrem großen Traum von Ruhm und Reichtum hinterherliefen. Nun sind es junge IT-Experten, die als Start-up-Unternehmer den nicht minder großen Traum von Ruhm und Reichtum verfolgen. Es heißt, im „Sankt Oberholz“ seien dabei die erfolgreichen Internetplattformen „Brands4friends“ und „Soundcloud“ entwickelt worden. „Jeder, der hier ist, hat einen Traum. Ich habe die Sehnsucht, mal eine Stunde zu erfahren, was hier alles über den Kanal geht“, sagt der Café-Besitzer. Die Datenmenge, die im Oberholz bewegt wird, sprengt jedenfalls alle Dimensionen. Tonnenweise Gigabytes sind es.

Ansgar Oberholz wurde vor 40 Jahren im Bethlehem-Krankenhaus in Stolberg geboren. Entbunden wurde er von seinem Vater, der dort als Frauenarzt arbeitete. Die Familie zog zwei Jahre später weiter. Vor 20 Jahren ist Ansgar Oberholz nach Berlin gegangen. Er mag so viel Berliner geworden sein, wie Zugezogene Berliner werden können. Doch wenn er heute seinen Geburtsort in ein offizielles Dokument einträgt, dann steht da Stolberg. „Und ich habe mir fest vorgenommen, es noch einmal zu besuchen.“

Es gibt diesen Satz Straßenromantik in „Für hier oder zum Mitnehmen?“, der hängen bleibt: „Es gibt keine schlechten Abenteuer, es gibt nur schlechte Abenteurer“, geben da die Stadtstreicher Fred und General dem Ich-Erzähler (also Oberholz) mit auf den Weg. Sieben Jahre später sitzt dieser an der langgezogenen Theke aus einem Beton-Holzfaser-Gemisch, trinkt Espresso und sagt: „Ich bin auf jeden Fall so ein Abenteurer. Mir wird schnell langweilig. Und ich bin heute ein besserer Abenteurer als damals.“

„Für hier oder zum Mitnehmen?“ ist nicht nur Berlin- und Gastronomiegeschichte, es ist auch ein Abenteuerroman aus dem Großstadt-Dschungel. Letztlich schneidet das Buch Berlin, die Gastronomie, den Aufschwung des „Sankt Oberholz“ und diese digitale Boheme nur gekonnt an, wie ein Messer den selbst gebackenen Kuchen in der Auslage. Ansgar Oberholz liebt es, mit Erwartungen zu spielen. Auch in seinem Café. Da trifft ein modernes Konzept auf ein betont altmodisches Logo. Da begegnet im Interieur zeitgenössisches Design antiquarischem Mobiliar, da stehen nagelneue Computer in einer geschichtsträchtigen Kulisse.

Der Rosenthaler Platz war bis ins 19. Jahrhundert der einzige, durch den Juden das damals noch überschaubare Berlin betreten durften. Das Haus firmierte zunächst als „Aschinger 9te Bierquelle“. Hier verkehrte die Boheme der 1920er. Hier zählte Alfred Döblin zu den Stammkunden. In „Berlin Alexanderplatz“ lässt er den traurigen Helden Franz Biberkopf an dieser Ecke auf seine Mieze warten. Später eröffnete Burger King in dem Eckhaus seine erste Filiale in der Deutschen Demokratischen Republik, dann öffneten halbseidene Spelunken, und das Haus wurde runtergewirtschaftet. All das will Oberholz in dieser anfangs beschriebenen regnerischen Nacht gespürt haben. „Ich hatte das Gefühl, man müsse das Haus nur wachküssen“, sagt er.

Ein Kuss allein langte nicht. Ein freier Internetzugang war da viel überzeugender. Oberholz war nicht der erste Berliner Caféhaus-Betreiber, der ein offenes W-Lan installierte. Doch er war der erste, der es offensiv an den Mann brachte und die Generation Laptop damit ansprach. Auch wenn sein erster Stammgast dann Pornofilme auf dem Taschencomputer zusammengeschnitten hat...

Experte für die New York Times

Manchmal liest sich der Roman für den mutigen Oberholzchef wie ein Gruselstreifen. Er spricht selbst von einem „Horrotrip“. Und in der Tat, vom Ruin war der Stolberger am Rosenthaler Platz nicht weit entfernt. „Anfangs saß ich hier mit zwei Hanseln und nur einer war ein richtiger Gast“, erzählt er. Der Rosenthaler Platz war schäbig, Häuser standen leer, wo jetzt ein Hotel steht, huschten die Ratten über eine Brache. Aufatmen konnte Oberholz erst, als ein gewisser Sascha Lobo, Deutschlands Vorzeige-Blogger mit dem roten Irokesenschnitt, das Café in einem Buch „Wir nennen es Arbeit“ pries. Er hatte auch hier gesessen und geschrieben. Fortan lief es und die Besucher rannten Oberholz die beiden Türen ein. „Das war schon ein Phänomen. Das Buch hat hier alles beschleunigt“, sagt er.

Es gab ein Happyend, ohne das die Geschichte vom Café abgeschlossen wäre. Auch wenn der Roman zwischen den beiden Buchdeckeln nach 240 Seiten vor mehr als sechs Jahren endet, fügt Ansgar Oberholz seiner Erfolgsgeschichte immer neue Kapitel hinzu. Längst betreibt er auch Apartments für Berlin-Touristen und eine Verlagsanstalt und Handelsgesellschaft. Im zweiten Obergeschoss des Aschinger-Eckhauses befindet sich nun das sogenannte Mitgliederbüro („Ko-Wor-King“). Hier mieten sich vor allem IT-Start-ups für 240 Euro im Monat in offene Büroräume und Konferenzzimmer ein, bekommen Licht und Steckdosen und unbegrenzt Tee und Kaffee.

Nur Laptop und Mobiltelefon müssen sie mitbringen. Die Räume sind ein atemberaubender Treffpunkt zwischen kunstvoll-modernen Lichtinstallationen und historischen Details. Im Flur hängen ehemalige Telefonkabinen vom Kölner Flughafen. Sie sehen aus wie Wärmehauben beim Friseur, in die IT-Durchstarter ihren Kopf stecken, um per Smartphone über die Zukunft zu sprechen.

Es ist eine spannende – vor allem digitale – Welt, die sich am Rosenthaler Platz entfaltet. Oberholz erlebt sie mit. Er ist längst Teil dieser Welt. Neulich befragte ihn die New York Times zur wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands, dann interviewte ihn das ZDF als Experten für die Piratenpartei. Oberholz hat sich beide Mal gewundert. Doch der Mann hat eben auch Antworten parat. „Ich bekomme hier schon viel mit. Gerade von der Start-up-Szene.“ Und es bleibt viel hängen oder besser buchstäblich liegen.

So gibt es auf der Internetseite des Sankt Oberholz keine Speisekarte, dafür aber Fotos von Fundstücken, die der Chef mit amüsanten Blogtexten beschreibt: Briefwahlunterlagen für die Präsidentschaftswahlen vom Board of Elections, New York City, Bezirk Queens, ein gelbes Kunststoff-Mammut, 46 Millimeter lang und 28 Millimeter hoch, ein Stadtplan von Central Kairo. Irgendwie ist das „Sankt Oberholz“ auch Treffpunkt aller – und dabei dann auch nicht nur digitaler – Welt. „Die Hälfte des Tages sprechen wir an der Theke englisch. Berlin wird immer internationaler, manchmal denke ich: In New York ist es nicht anders“, sagt Ansgar Oberholz.

Es zischt und duftet permanent nach frischem (Bio-)Kaffee. Mit dem Erfolg ist die Maschine gewachsen. Ein Barista wurde angestellt. „Getränke sind immer sehr emotional. Aber Kaffee ist ein besonderes Thema. Mehr noch als Wein und Whiskey“, sagt Oberholz. Neben einem jungen Mann mit Hornbrille, gewaltigen Kopfhörern und natürlich Laptop sitzt ein Vater mit seinem Sohn und baut ein Brettspiel auf. „Es soll sich hier nach Wohnzimmer anfühlen“, sagt Oberholz. Der Weg dahin war lang und steinig. Doch das Konzept hat gesiegt.

Draußen hängen statt Speisekarten Tafeln mit Tiermotiven und passenden Sprüchen. Einer lautet: „Das Leben ist kein Ponyhof.“ Oberholz weiß, was das bedeutet, er hat darüber ein Buch geschrieben.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert