Aachen - In Blut und Urin dem Krebs auf der Spur

In Blut und Urin dem Krebs auf der Spur

Von: Sabine Rother
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Körperflüssigkeiten verraten eine Menge über die Vorgänge im Körper – auch über die Bildung von Tumoren: Die RWTH Aachen arbeitet derzeit mit Hochdruck an Tests mit Blut und Urin. Es gibt bereits Ergebnisse, die hoffen lassen. Foto: dpa
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Forschen gemeinsam: Professor Edgar Dahl (re.), Institut für Pathologie der RWTH Aachen, und Professor Elmar Stickeler, Direktor der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe in der Uniklinik. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Nachrichten, die zweifach hoffen lassen: ein Bluttest und ein Urintest, beide zur Früherkennung von Brustkrebs, vielleicht sogar bald eine Ergänzung zur Mammografie, der Röntgenuntersuchung der Brust. „Wir sind auf einem guten Weg“, betont Professor Edgar Dahl vom Institut für Pathologie der RWTH-Uniklinik in Aachen, wo die Arbeitsgruppe Molekulare Onkologie derzeit auf Hochtouren an neuen diagnostischen Verfahren, der „Liquid Biopsy“ arbeitet.

Damit wird im Blut von Krebspatienten nach spezifischen DNA-Veränderungen, die auf Krebserkrankungen hinweisen, gesucht.

Die Deutsche Krebshilfe fördert das Projekt bis 2017 mit insgesamt 300.000 Euro. Durch Professor Elmar Stickeler, der vor gut einem halben Jahr die Klinik für Gynäkologie und Geburtsmedizin an der Uniklinik übernommen hat, wird nun zusätzlich eine Erweiterung dieser Forschungen in Aachen möglich, denn Stickeler fragt: „Was verrät der Urin? Wie kann man dort Hinweise auf eine Krebserkrankung finden und damit auf eine verbesserte Früherkennung hoffen?“

Stickeler hat dieses Projekt aus Freiburg mitgebracht. „Der Urintest ist ein nicht-invasives Verfahren, eine Untersuchung ohne Eingriff, die wie der Bluttest zu einem sehr frühen Zeitpunkt auf eine Krebserkrankung hindeuten könnte“, berichtet er.

Doch wie funktioniert dieser Urintest? Freiburger Forschungen haben in Urinproben eine Konzentration von bestimmten Molekülen ermittelt, die den Zell-Stoffwechsel steuern und – das weiß man bereits – in Krebszellen häufig in ihrer Funktion gestört sind. Man nennt diese Moleküle, die man vor wenigen Jahren noch nicht kannte, Mikro-RNA. Beim Absterben einer Krebszelle gelangt Mikro-RNA ins Blut und von dort aus in den Urin.

Analysen bei einer Gruppe von Testpersonen haben, so Stickeler, mit erstaunlicher Sicherheit angezeigt, ob eine Testperson erkrankt ist oder nicht. Stickeler: „Diese Moleküle tauchen bereits im sehr frühen Stadium der Erkrankung auf, denn die Entartung einer Zelle wird begleitet von Veränderungen der Mikro-RNA-Muster.“ Diese Mutationen sorgen dafür, dass die Zelle aggressiver wird und dass sich schließlich Metastasen bilden. „Für den Test reichen uns fünf Milliliter Urin, um die Konzentration von Mikro-RNA festzustellen. Wir brauchen weder Blut noch Gewebe“, betont Stickeler, dessen Forschungsgruppe das Verfahren zum Patent angemeldet hat.

An der ersten Studie nahmen 24 gesunde und 24 erkrankte Frauen teil. In einer größeren Studiengruppe wird inzwischen festgestellt, ob der Test fehlerfrei funktioniert. Die Marktreife kann nach Einschätzung der Wissenschaftler in fünf bis zehn Jahren erreicht werden. Ziel ist es, das Verfahren auch zur Kontrolle von Therapieerfolgen einzusetzen. Aber: Ein Ersatz für Ultraschall und Mammografie sei diese Methode noch nicht, sagen die Experten.

Das Aachener Institut für Pathologie widmet sich zudem der Entwicklung eines Bluttests zur Brustkrebsfrüherkennung. „Wir sind derzeit in der Halbzeit der dreijährigen Förderung“, sagt Dahl. Erst seit wenigen Jahren ist bekannt, dass im Blut von Krebspatienten eine gewisse Menge zellfreier DNA (Erbmasse) zu finden ist, die von absterbenden Tumorzellen stammt.

„Was wir im Blut anschauen, sind sogenannte Tumorsuppressorgene, also Gene, die das Zellwachstum kontrollieren und in Schach halten“, erklärt Dahl. „Bei einem Defekt kann sich aus einer normalen Zelle eine Tumorzelle entwickeln.“ Bei diesem Vorgang werden in Tumorzellen bestimmte Bereiche der DNA durch chemische „Anhängsel“ verändert. Diese „Anhängsel“ können (wie Fähnchen) Erkennungsmoleküle darstellen. Die Forscher nennen sie Biomarker, mit denen sich zum Beispiel Tumore der Brust im Blut nachweisen lassen. Dabei hat jeder Tumortyp ein spezifisches Muster.

„Das ist wie die Suche nach einer Stecknadel im Heuhaufen, denn auch im Blut von gesunden Menschen finden sich Erbmoleküle aus abgestorbenen gesunden Körperzellen, die aber nicht die entsprechenden Markierungen aufweisen“, betont Dahl. Je nach Art und Menge der veränderten Moleküle besteht der Verdacht auf eine Tumor-Erkrankung.

„Bereits 2013 haben wir zwei Biomarker gefunden, mit denen wir 40 Prozent der Brusttumore im Blut erkennen konnten“, sagt Dahl. „Unser Ziel ist es, weitere Biomarker damit zu kombinieren, in der Hoffnung, die Auffindungsrate noch deutlich zu verbessern.“ In den nächsten Jahren will man eine blutbasierte Diagnostikmethode entwickeln, die ähnlich gut ist wie die Mammografie und diese ergänzen kann.

Mehr Akzeptanz bei Frauen

Bedeutet die blutbasierte „Liquid Biopsy-Diagnostik“ demnächst größere Sicherheit für Krebspatienten? „Eine englische Studie hat gezeigt, dass man erneut auftretenden Brustkrebs mit dem Bluttest sechs bis acht Monate früher entdecken kann, als durch herkömmliche Verfahren“, wirft Dahl einen Blick in die Zukunft. „In diese Richtung wollen wir unseren Test weiterentwickeln.“

Blut oder Urin? Jede gesetzlich krankenversicherte Frau ab 30 Jahren hat Anspruch auf eine jährliche Tastuntersuchung der Brust. Im Alter zwischen 50 und 69 Jahren können Frauen zusätzlich alle zwei Jahre eine Röntgenuntersuchung der Brust, die Mammografie, wahrnehmen. Noch sind weder Blut- noch Urintest als Standarduntersuchungen in die allgemeine Versorgung aufgenommen. Der Bluttest hätte vermutlich einen zusätzlichen Vorteil: Er würde als einfache Blutuntersuchung von den Frauen leichter akzeptiert als die Mammografie.

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