Immer mehr Kinder verletzen sich beim Schulsport

Von: Elke Silberer
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Laufen, hüpfen, springen: Viele Kinder sind heutzutage im Sportunterricht überfordert, insbesondere, wenn es um die Koordination geht, sagen Lehrer und Ärzte. Foto: dpa

Aachen. Lehrplan hin oder her, Lehrer Manfred Jaquet lässt seine Schüler keine Rolle rückwärts mehr machen. Die Verletzungsgefahr ist ihm zu hoch. „Die Schüler sind nicht mehr in der Lage, sich bei der Rückwärtsrolle richtig abzudrücken“, sagt er. Der Mann ist seit 30 Jahren Sportlehrer an einem Gymnasium in der Eifel.

 „Die motorischen Fähigkeiten der Schüler haben sehr stark nachgelassen“, hat er beobachtet. Gleichgewicht halten, Kurven fahren, punktgenau bremsen – selbst auf dem Land müssten viele Kinder erst noch Fahrradfahren lernen. Kinder bewegten sich nicht mehr so viel, sagt er: Unterricht bis in den Nachmittag, das lange Sitzen am Computer. „Die können nicht wie wir früher um vier Uhr auf die Straße gehen, rumtollen und Seilchenspringen oder so was machen.

„Defizite in der motorischen Entwicklung sind seit Jahren bekannt“, sagt der Schulrat von der Städteregion Aachen, Wolfgang Müllejans. Und das könne eben auch zu Unfällen führen, stellt der Mann von der Schulaufsicht fest. Unter Lehrern sei das ein Thema: Zu einem Symposium unlängst am Aachener Universitätsklinikum kamen mehr als 100 Lehrer. Im Oktober wollen Fachleute am Schulamt der Städteregion darüber diskutieren, ob einige Anregungen aus der Tagung in den Unterricht aufgenommen werden.

Es gebe einfache Übungen, um die koordinativen Fähigkeiten von Schülern – wie Reaktion, Gleichgewicht oder Orientierung – zu verbessern, meint der Leiter der Physiotherapie am Aachener Klinikum, Axel Kilders. „Einige Fußballvereine und vor allem die deutsche Nationalmannschaft haben diese Übungen in ihre Trainingseinheiten aufgenommen.“ Im Rahmen seiner Behandlung nach Sportunfällen testet er die Fähigkeiten von Kindern: „Viele kriegen es vielleicht noch hin, zehn Sekunden auf einem Bein zu stehen. Aber wenn eine zweite Aufgabe dazukommt, etwa dabei das kleine Einmaleins aufzusagen, werden die Ergebnisse grottenschlecht.“

Die Turn- und Sporthalle ist tatsächlich ein Unfallbrennpunkt an Haupt-, Realschulen, Gesamtschulen und Gymnasien. Von den rund eine Million jährlich registrierten Unfällen allein an den weiterführenden Schulen bundesweit rage der Anteil der Sportunfälle von mehr als 50 Prozent weit heraus, sagt der Wuppertaler Sportsoziologe Professor Horst Hübner. Der Eindruck, sinkende konditionelle und koordinative Fähigkeiten der Schüler – zu wenig Kraft, fehlende Gelenkigkeit oder geringe Reaktionsfähigkeit – sei hauptsächlich Ursache, stimme alelrdings nicht. „Überwiegend sind gute Schüler an Unfällen beteiligt“, sagt Hübner.

Die Forschungsstelle „Mehr Sicherheit im Schulsport“ an der Bergischen Universität Wuppertal hat seit 1987 mehr als 10.000 Schulsportunfälle in Bayern und Nordrhein-Westfalen nachuntersucht. Demnach passieren die meisten Unfälle in Routinesituationen bei den Ballsportarten. Klassisches Beispiel: Beim „Angriff“ im Basketball wirft eine Schülerin einer anderen den Ball zu. Die Schülerin schnappt den Ball nicht richtig und verletzt sich den Finger.

Viele Unfälle bei Ballsportarten

„Das sind typische komplexe Spielsituationen: Viele laufen durcheinander, mehrere rufen, der Ball ist umkämpft, es ist viel Unruhe auf dem Spielfeld und alles geht sehr schnell“, sagt Hübner. Durch die Unterschätzung der Ballwechsel als Routine werde das Verletzungsrisiko erhöht. Bis zu 60 Prozent der Schulsportunfälle passierten beim Ballsport.

Hübner empfiehlt Schulen, die Unfälle auszuwerten und systematisch zu besprechen. „Wenn Schulen das Problem für sich wahrnehmen, dann können sie gezielt an der Reduzierung der Unfallzahlen und an der Prävention arbeiten“, sagte Hübner. Seit 2007 habe die Forschungsstelle als 100 Schulen in Nordrhein-Westfalen dabei begleitet.

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