Immer im Gleichgewicht. Anders wäre schlecht.

Von: Bernd Büttgens
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Ein Bild am Arbeitsplatz: Fred
Ein Bild am Arbeitsplatz: Freddy Nock zeigt hoch unter der Zirkuskuppel auf dem Bendplatz den Öcher Gruß, den Klenkes. Für den Hochseilartisten ein Kinderspiel - was man von unserem Fotografen nicht sagen kann. Er stieg mit weichen Knien aus dem Arbeitslift aus. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Wo Freddy Nock auftaucht, ist Licht. Wrumm, Spot an! Geht man mit dem 47-jährigen Star des Aachener Weihnachts-Circus-Festivals auf einen Kaffee in die Studentenkneipe an der Ecke, ruft doch prompt eine junge Frau entzückt: „Der Seilläufer!”

Ihm gefällt das, klar, vor allem weil die Studentin wissen möchte, ob er denn wohl gestern Abend beinahe tatsächlich abgestürzt wäre, oder ob es nur Show war. „Was denkst Du?”, will er wissen. Und sie sagt: „Du hast das im Griff!” Er sagt, „genau”, und auch das gefällt ihm.

Freddy Nock ist Weltklasse. Man darf das getrost so sagen. Der Spross der Schweizer Zirkusdynastie gleichen Namens, zu Hause im schönen Aarau, hat seinen Platz im Guinness-Buch der Rekorde, aber vor allem in den Herzen seiner Fans. Ein Mensch, der im wahrsten Sinne des Wortes im Gleichgewicht sein muss. Und genau darüber gilt es zu sprechen.

Freddy, ist das eine gute Idee, über das Gleichgewicht zu sprechen?

Nock: Klar, warum nicht? Zumindest auf dem Hochseil habe ich mein Gleichgewicht. Anders wäre ja auch schlecht. Aber in meinem Leben geht es auch schon mal rauf und runter - da bin ich also ein ganz normaler Mensch.

Ist das im Moment ein Hochgefühl, hier in Aachen unter der Zirkuskuppel auf dem Seil zu stehen?

Nock: Aachen ist wirklich ein Glücksgriff, das Publikum geht phantastisch mit. Ich mache hier meine alte Nummer. Das fühlt sich gut an, auch wieder alleine auf dem Seil zu stehen. Ich habe mit Partnern gearbeitet, aber in gewisser Hinsicht muss jeder auf dem Hochseil auf sich selbst konzen-triert sein. Von daher ist solo okay.

Welche Haupteigenschaft braucht der Hochseilartist?

Nock: Du brauchst Selbstvertrauen. Klar, Höhenangst darfst du auch nicht haben. Aber du musst stets an dich glauben - und du darfst den Respekt vor dem, worauf du dich da gerade einlässt, nie verlieren.

Es gibt nur wenige Jobs, bei denen man wirklich keinen Fehler machen darf. Ihrer gehört dazu...

Nock: Das stimmt, Fehler können tödlich sein. Und deshalb muss ich gründlich arbeiten. Das nächste Zelt, das nächste Lichtkonzept, andere äußere Umstände - ich muss flexibel, aber vor allem sehr aufmerksam sein.

Haben Sie nie Angst?

Nock: Nein, nie. Dann sollte ich etwas anderes machen. Es macht mir Spaß, da oben zu stehen und zu wissen, dass mir Hunderte Menschen bei der Arbeit zuschauen. Ich kann mich präsentieren, ich kann die Leute auch ein bisschen schocken, aber man muss es immer mit Augenmaß machen.

Der Vestibularapparat regelt in unserem Kopf den Gleichgewichtssinn. Haben Sie sich jemals für solche Themen interessiert?

Nock: Nein, überhaupt nicht. Es funktioniert ja.

Hatten Sie schon einmal Schwindelgefühle?

Nock: Nein, noch nie. Ich bin ja dieses Jahr auch über Seilbahnseile gelaufen - etwa zur Zugspitze - die sind ja zum Teil 500 Meter hoch, aber Schwindel hatte ich noch nie.

Was zieht Sie aufs Seil?

Nock: Ich komme aus einer Zirkusfamilie, habe mit vier Jahren angefangen mitzumachen, stehe seit dem fünften Lebensjahr in der Manege. Ich habe wirklich alles gemacht, aber mir lag immer das Seil am Herzen. Meine Großeltern waren schon Seilläufer. Die sind zwischen Kirchtürmen gelaufen, über Hochhäuser, die haben sogar über Dorfplätzen auf dem Seil gekocht und gegessen. Das hat dann schon Einfluss auf die eigene Berufswahl, verstehen Sie?

Ja, natürlich. Ist nie etwas passiert in Ihrer Familie?

Nock: Toi toi toi, nein, in unserer Familie gab es keinen Absturz mit Todesfolge. Ich selbst bin mal mit 22 Jahren abgestürzt - aus vier Metern Höhe auf den Asphalt. Ich kann sagen: Das war für mich Pech und Glück! Ich hatte zwar die Handgelenke gebrochen, aber dieser Sturz hat mich um viele Erfahrungen reicher gemacht. Ich wollte an diesem Tag eine Blondine in der Loge beeindrucken -und zack! Ja, solche Dinge bringen dich dann ins Gleichgewicht, zeigen dir, was geht und was auf keinen Fall passieren darf.

Welche Rolle spielt die Erfahrung bei Ihrer Arbeit?

Nock: Eine enorm große. Das stabilisiert in der Tat auch meine innere Balance, dieses Wissen darum, dass ich viele schwierige Situationen kennengelernt habe und nun weiß, wie ich sie meistern kann.

Und doch bleibt es Tag für Tag ein Spiel mit dem Feuer.

Nock: Ja, das stimmt. Aber auf der Straße kann mehr passieren. Ich bin mir zu 99 Prozent sicher, dass mir auf dem Seil hoch oben nichts Schlimmes geschieht, aber das eine Prozent - klar...

Würden Sie sich auffangen können, wenn Sie fielen?

Nock: Ja, ganz sicher. Aber ich denke darüber nicht nach. Und ich weiß, dass es Engel gibt, die immer für mich da sind. Ich glaube ganz fest daran.

Wenn Sie jetzt in diesen Tagen, an denen alle feiern, arbeiten müssen, stört Sie das nicht?

Nock: Nein, das war doch in meinem Leben immer so. Ich mache jetzt im Winter viel Zirkus, die Familie kommt, wann immer sie es einrichten kann, und im Rest des Jahres arbeite ich viel draußen, bei Galas, bei Festen, an spektakulären Orten. Ich kann mich also nicht beschweren. Meine Kinder habe ich ja immer dabei, im Herzen. Da stimmt dann auch das seelische Gleichgewicht.

Was motiviert Sie nach all Ihren Erfolgen stets aufs Neue?

Nock: Oh, ich habe noch viele Träume. Vor allem aber liegen mir die Kinder in aller Welt und ihre Bildung am Herzen. Ich selbst weiß als Zirkuskind, das von Stadt zu Stadt und somit auch von Schule zu Schule gezogen ist, welch hohes Gut die Bildung ist. Wenn ich nun heute - etwa für die Unesco - mit meiner Arbeit Geld sammeln kann für die Kinder in Bangladesh, dann erfreut und motiviert mich das. Das ist mein Dank für das Glück, das ich selbst habe.

Werden Sie auch 2012 positive Schlagzeilen machen können?

Nock: Ich hoffe das doch sehr. Die entsprechenden Pläne werden auf alle Fälle geschmiedet, und ich freue mich auf die Umsetzung.

Dafür alles Gute, Freddy Nock.

Nock: Danke, das wünsche ich Ihnen und Ihren Lesern auch. Und immer schön in der Balance bleiben!
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