Aachen - Immer häufiger gibt es Streit um Zeugnisnoten

Immer häufiger gibt es Streit um Zeugnisnoten

Von: Carmen Krämer
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Besonders wenn es um die Versetzung oder die Abschlussnote geht, gehen Beschwerden ein. Foto: imago/epd
Zeugnis
Besonders wenn es um die Versetzung oder die Abschlussnote geht, gehen Beschwerden ein. Foto: dpa

Aachen. Am Freitag geht das Schuljahr in NRW zu Ende. Und bevor die Ferien beginnen, gibt’s erstmal Zeugnisse. Das war immer so. Neu ist, dass immer mehr Eltern die Notenvergabe der Lehrer infrage stellen. Es wird mehr diskutiert und nachgefragt als früher. Das beobachten jedenfalls der Philologenverband, der Elternverein NRW und der Verband Lehrer NRW.

„Zwar gibt es keine Statistik darüber, aber es ist eine eindeutige Tendenz dahin zu spüren, dass die Eltern immer häufiger Widerspruch gegen Zeugnisnoten bei den Schulen einlegen“, erklärt der Landesvorsitzende des Philologenverbandes, Peter Silbernagel.

Besonders wenn es um die Versetzung oder die Abschlussnote geht, würden demnach Beschwerden eingehen. Gewöhnlich erklären die Eltern dann in einem oftmals schon durch einen Anwalt formuliertes Schreiben an die Schule, dass die Notenvergabe aus verschiedenen Gründen nicht nachvollziehbar ist. Die Schule muss dann mit dem betroffenen Lehrer sprechen und den Widerspruch bewerten. Stimmt die Schule den Eltern zu, so wird die Note des Schülers verändert. Manche Eltern können die Beweggrunde des Lehrers für die Notenvergabe nach einer Erläuterung dann doch nachvollziehen und ziehen ihre Beschwerde zurück. Einigt man sich aber nicht, und die Schule lehnt den Antrag der Eltern ab, wird der Vorgang an die Bezirksregierung weitergeleitet.

Das kommt jedoch nur selten vor, wie Oliver Moritz, Pressesprecher der Bezirksregierung Köln, berichtet. „Im Schuljahr 2012/2013 gab es von allen Real- und Gesamtschulen, Berufskollegs und Gymnasien im gesamten Regierungsbezirk Köln 240 Widerspruchsfälle, die uns vorlagen. In 15 Fällen, also in nur sechs Prozent, wurde danach geklagt, aber keine dieser Klagen war erfolgreich.“ Ein verschwindend geringer Anteil und eine Zahl, die sich seit Jahren kaum verändere. „Die Fallzahlen sind gering und sie waren gering“, sagt Moritz – vor allem, wenn man die Relation beachte: Es gebe 45.000 Lehrer im Regierungsbezirk Köln, die Schülerzahl sei dementsprechend hoch. Der Prozentsatz der klagenden Eltern liege im Promillebereich.

Aus Sicht von Peter Silbernagel sollten es Eltern und Lehrer gar nicht erst so weit kommen lassen. Die Eltern hätten natürlich das Recht dazu, sich für ihre Kinder einzusetzen. „Aber es wäre doch besser, wenn man schon vor der Zeugnisausgabe das Gespräch zu den Lehrern suchen würde, statt danach möglicherweise rechtliche Schritte zu gehen. Das hat schließlich immer einen unangenehmen Beigeschmack. Und die Noten fallen normalerweise nicht vom Himmel herab.“ Wenn man die Lehrer schon vorher über möglicherweise schwierige Situationen in der Familie informieren würde, wäre schließlich ein ganz anderer Umgang mit dem betreffenden Schüler möglich. Zudem würden viele Kollegen einen solchen Widerspruch als Zweifel an ihrer pädagogischen Kompetenz sehen.

„Keine böse Absicht“

Auch durch die Debatte darüber, dass das Sitzenbleiben abgeschafft werden soll, würden die Lehrer immer mehr unter Druck gesetzt, gute Noten zu vergeben, beklagt Brigitte Balbach, Landesvorsitzende von Lehrer NRW. Sie ist sich mit Peter Silbernagel und Claudia Heithorst, Vorsitzende des Elternvereins NRW, Bezirksgruppe Köln, einig, dass die vermehrten Beschwerden der Eltern vielleicht nicht immer begründet, aber in gewisser Weise nachvollziehbar sind.Der Druck auf die Schüler wachse, gute Leistungen im Hinblick auf ihre Zukunftschancen zu erbringen, stetig.

„Wenn Eltern sich für die Noten ihrer Kinder einsetzen, steckt mit Sicherheit keine böse Absicht gegenüber den Lehrern dahinter. Aber wir sollten überlegen, wo uns das ganze System hinführt“, sagt Brigitte Balbach. Es sei schon seltsam, dass immer weniger Schüler sitzenblieben und immer mehr Gymnasiasten – sogar immer mehr mit einem Notendurchschnitt von 1,0 – die Schule mit Abitur verließen. „In unserer Gesellschaft sollen Kinder keine Niederlagen erleben, in internationalen Studien will Deutschland gut abschneiden und man spricht von ‚Bildungsgerechtigkeit‘. Dieses Wort existiert aus unserer Sicht nicht. Wir können doch nicht jedem Schüler das Abitur in die Wiege legen!“ So erhalte das Bildungssystem einen „kommunistischen“ Anstrich: Jeder erhalte den gleichen Schulabschluss, alle würden irgendwie mitgezogen, und die Qualität sinke. Und dabei würde die Wertschätzung für Menschen ohne Abitur immer geringer. „Wir brauchen nicht nur Personalberater, sondern dringend auch Elektriker, Maurer und Schreiner“, sagt Balbach.

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