Im Tierpark übernimmt der Nachwuchs die Regie

Von: Sabine Kroy
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Zerren, ziehen, fressen: Natürlich füttern die Kinder im Tierpark am liebsten die jungen Ziegen - doch an die muss man erst einmal herankommen. Nicht einfach, wenn sich ein Bock in den Weg stellt. Foto: Sabine Kroy

Aachen. An „Getöse” ist Wolfram Graf-Rudolf gewöhnt, wie er sagt. Kein Wunder, der Direktor des Aachener Tierparkes hat lange Jahre in Namibia gelebt, dort eine Tierauffangstation geleitet und einen Reptilienpark aufgebaut, bevor er den Euregiozoo übernommen hat. „Das war allerdings afrikanisches Getöse, hier sind ja Tierstimmen von allen Kontinenten zu hören.”

Mit seiner Familie lebt der 49-Jährige direkt auf dem Gelände der 8,9 Hektar großen Anlage im Aachener Süden, vis-à-vis zu den südamerikanischen Lisztäffchen. Und wie in guter Nachbarschaft üblich, kennt man sich und die eine oder andere Eigenheit seiner Mitbewohner. „Heute morgen noch haben sich die Affen tierisch aufgeregt”, erzählt Graf-Rudolf von der ersten Begegnung der jungen Lisztäffchen mit dem Wasserwagen. Der kam wohl gar nicht gut an. „Geschimpft haben die vielleicht . . .”

Die Säbelschnäbler einige Meter weiter müssen momentan - aus Sicherheitsgründen - auf ihren Bachlauf verzichten. Zu groß wäre die Gefahr, dass eines der Jungen ertrinken könnte. „Die Aufzucht des Nachwuchses ist schon eine stressige Zeit für die Eltern. Die müssen höllisch aufpassen”, erklärt der gelernte Tierpfleger. Denn das gegenseitige Jagen gehört zur erklärten Lieblingsbeschäftigung der Jung-Vögel.

Gemächlich geht es dagegen im Areal der Pinguine zu. Die schwarz-weiße Versammlung wartet geduldig darauf, dass das Wasser in ihrem Schwimmbecken ausgetauscht wird. Nichts Neues für die flugunfähigen Tiere, jede Woche die gleiche Prozedur. Und die Jungen stehen dicht an dicht bei ihren Verwandten. Apropos Familie: Die ist nicht nur bei den Tieren im Euregiozoo von Bedeutung, auch das Konzept des Tierparkes ist ganz darauf gemünzt. Das zeigen die vier aufwändig gestalteten Spielplätze, der Kinderbauernhof, der Streichelzoo sowie die Zoo-Pädagogik mit Zooschule und zoopädagogischer Abteilung.

„Wir verkaufen jährlich 7000 Dauerkarten - das kann sich sehen lassen”, erklärt der Zoodirektor voller Stolz und verweist auf den niedrigen Eintrittspreis. Besucher jeden Alters, darunter viele Familien mit kleinen Kindern gehen an der Oberen Drimbornstraße 44 ein und aus. Da fällt Graf-Rudolfs Blick auf die Murmeltiere. Ein und aus. Ununterbrochen. Kaum wagen die Jungtiere sich ein paar Zentimeter aus ihren Höhlen heraus, folgt eine abrupte Kehrtwendung zurück in den dunklen Schutzbau. Sind es drei? Fünf? Oder doch acht? Wer weiß das schon. „Spätestens in ein paar Wochen wissen wir Bescheid”, kündigt Wolfram Graf-Rudolf an, denn dann zögen die Murmeltiere in ihr neues Heim oberhalb der Störche und Kraniche.

Bei den Störchen ist dieses Jahr, trotz unermüdlichen Brütens, der Nachwuchs ausgeblieben. Der Tierpark-Chef schüttelt verständnislos den Kopf: „Die Eier waren leider faul.” Nicht immer klappt es im weitläufigen Tierpark mit den Nachkommen wie erhofft. Manche tierischen Bewohner reproduzieren sich zu häufig, so dass Wolfram Graf-Rudolf und seine Mitarbeiter regulierend „und, um nicht den Tierhandel zu unterstützen”, eingreifen müssen, bei anderen will und will es nicht funktionieren. Ein großer Wunsch des Direktors wäre ein Panda-Baby. „Aber die beiden verstehen sich zu gut - eine der schlechtesten Voraussetzungen für Nachwuchs”, liefert er die überraschende Erklärung.

Nach dieser Theorie scheint die Schwäbisch-Hällische Landsau bei der Befruchtung ihren Erzfeind getroffen zu haben, kann sie doch seit dem 14. Juni gleich zwölf quicklebendige Ferkel säugen. „In der Regel bewerkstelligen die Tiere die Geburt ihrer Jungen völlig ohne Hilfe, nur manchmal müssen wir raus.”

Diese Nacht war es ein Muntjak. Am Abend vorher blökte es unruhig in seinem Gehege, so dass der zuständige Tierpfleger Geburtsprobleme vermutete. Doch alle Sorge war umsonst: Um 5 Uhr morgens sei das Baby auf der Welt gewesen. Mutter und Kind wohlauf. Gut geht es auch dem jungen Zebra, das zur Zeit noch vor seinesgleichen geschützt werden muss. Warum? „Zebras sind gleich nach den Elefanten die schlecht gelauntesten Tiere überhaupt”, behauptet der Afrika-Kenner. Deswegen müsse man eine verfrühte Begegnung mit den Artgenossen „nicht unbedingt ausprobieren”.

Die heimlichen Stars

Von mieser Stimmung kann bei den „heimlichen Stars des Tierparks” keine Rede sein. Verspielt raufen sich die jungen Nasenbären im Baum, auf dem Seil oder den Steinen. Irgendwo raschelt es immer, irgendwo wird immer gebalgt. Auch bei den Erdmännchen und bei den Zebramangusten kommt keine Langeweile auf. Der unüberschaubare Familienverbund ist ein Ausbund an Lebendigkeit und Vergnügtheit. Besonders Kinder sind von den kleinen sozialen Tieren begeistert.

Dem Tierparkchef sind anständige artgerechte Gehege mit vielleicht nicht den exotischsten Tieren lieber als aufwändige und teure Anlagen mit immensen Kosten, die letztlich auf die Besucher abgewälzt werden. Wolfram Graf-Rudolf: „Wir wollen kein Ausflugsziel einmal im Jahr sein. Wir möchten, dass uns die Menschen besuchen können, wann immer sie wollen.” So wie bei guten Nachbarn eben.
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