Würselen/Merzbrück - Im Segelflieger: Ohne Motor über Aachen schweben

Im Segelflieger: Ohne Motor über Aachen schweben

Von: Laura Beemelmanns
Letzte Aktualisierung:
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Hartmut Biebricher ist der Pilot, mit dem ich in die Luft steige. Während er noch alles einstellt und checkt, versuche ich mich mit dem Gedanken anzufreunden, gleich über der Stadt zu schweben. Foto: Königs
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Angelika Rebischke (links) hat mich nominiert, einen Tag mit den Segelfliegern zu verbringen. Foto: Königs
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Hoch oben in 600 Metern Höhe: Rund 20 Minuten sind wir so über Aachen und Würselen geflogen. Foto: Beemelmanns

Würselen/Merzbrück. Unwirklich. Das ist das Einzige, das mir gerade durch den Kopf schwirrt. Aber ich sitze wirklich in diesem wahnsinnig kleinen Flugzeug, 600 Meter über dem Boden, schwebend über Aachen und Würselen, mit einem Piloten, den ich gerade einmal seit zehn Minuten kenne.

Und ich kann nichts, wirklich gar nichts dazu beitragen, dass dieser Flug gut gelingt. Wir haben keinen Motor und ich absolut keinen Schimmer, was ich mit den Steuergeräten direkt vor mir anfangen könnte. Eine Hilfe bin ich für Hartmut Biebricher also nicht. Im Gegenteil, gerade habe ich ihm gesagt, dass mein Magen diesem Flug nicht so entspannt gegenübersteht, wie ich das gerne hätte.

Hartmut lacht. „Das geht vielen so“, sagt er und lacht noch einmal. „Die meisten Piloten haben bei ihren ersten zehn Flügen Tüten dabei.“ Gut, denke ich mir, schlecht nur, dass mir das vorher niemand gesagt hat.

Angelika Rebischke vom Luftsportverein Aachen (LVA) hat mich im Rahmen unserer Serie „Wir unterwegs“ nominiert, einen Tag mit ihr und ihren Kollegen beim 15. Euregio Cup im Segelfliegen auf dem Flugplatz Aachen-Merzbrück zu verbringen. 40 Piloten sind an diesem Tag angetreten.

Ihre Aufgabe: So schnell wie möglich von Merzbrück über Montabaur und Wershoven fliegen – und heil wieder in Merzbrück landen. Dass ich als Anfänger solch eine Tour besser nicht mitfliegen sollte, wird mir schnell klar. Denn Hartmut ist mit mir erst nach dem Rennen für rund 20 Minuten in die Luft gestiegen.

Das war auch besser so. Denn mehr als 20 Minuten hätte ich meine Übelkeit nicht unterdrücken können. Und das war laut Hartmut „ein sehr ruhiger Flug“. Ich dachte nur, dass ich gar nicht wissen will, wie sich dann ein nicht ruhiger Flug anfühlt.

Doch zunächst von vorn. Die Piloten landen und endlich schlägt meine große Stunde. Ich warte bereits auf dem Flugplatz darauf, dass Angelika mit ihrem Co-Piloten Reinhold Sänger am Himmel zu sehen ist. Denn mit ihrer Maschine soll ich fliegen. Hartmut hat sich derweil bereiterklärt, auch nach dem anstrengenden Sechs-Stunden-Flug noch eine kurze Tour mit mir zu unternehmen. Reinhold und Angelika sind geschafft.

Wie auf einer Hüpfburg

Dann geht alles ganz schnell. Angelika und Reinhold sind gelandet. Ihre Maschine wird mit einem kleinen Trecker zu uns gezogen. Das Schleppflugzeug bringt sich auch schon in Position. Hartmut kommt zu mir und stellt sich vor. Dann legt er mir einen Fallschirm um. Der wiegt stolze acht Kilogramm und hängt mir bis zu den Knien. Mit acht Kilo Extragewicht soll ich nun in das kleine Segelflugzeug steigen. Ich plumpse eher hinein und das sorgt für Heiterkeit bei den anderen.

Nun schnallt Hartmut mich fest. Dann steigt er ein und schließt die Plexiglasscheibe. Zeit zum Nachdenken, ob ich das gerade wirklich machen möchte oder ob es vielleicht sogar gefährlich sein könnte, habe ich nicht. Denn wir hängen schon mit einem Seil am Schleppflugzeug und rollen über den Rasen. Dank einiger kleiner Schlaglöcher fühlt es sich so an, als befände ich mich auf einer Hüpfburg. Nur steuere ich dieses Hüpfen gerade nicht selbst.

Dann sagt Hartmut: „So, jetzt fliegen wir.“ Und ich denke: „Unwirklich.“ Denn so empfinde ich es, als ich so hoch oben über Aachen schwebe und den Tivoli, den Dom oder das Klinikum wie winzig kleine Spielhäuser sehe. Hartmut versucht mir derweil zu erklären, was ich sonst noch alles dort unten entdecken kann. Doch ich kann mich nun nicht mehr auf den Boden konzentrieren. Plötzlich wird mir schlecht. Mein Magen signalisiert mir, dass er dieses Auf und Ab beim Start nicht besonders gut fand.

Inzwischen haben wir die 600 Meter Höhe erreicht, die wir für die Thermik, also aufsteigende, warme Luft, benötigen. Sonst würde sich das Segelflugzeug – so ganz ohne Motor – schließlich nicht in der Luft halten können. Hartmut löst sich nun vom Schlepper, indem er das Seil vorne an der Maschine ausklinkt. Wir fliegen. Ohne Hilfe – nur mit Thermik. Und endlich wird die Maschine ruhiger.

Mein Magen beruhigt sich. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund ist es für mich besser, wenn ich zur linken Seite hinausschaue. Sobald ich meinen Kopf nach rechts drehe, merke ich, wie die Übelkeit zurückkehrt. Immer wieder teile ich Hartmut mit, dass mir schlecht ist. Das tue ich nur, weil ich nicht will, dass ihn ein mögliches Erbrechen unerwartet trifft.

Ich versuche, mich abzulenken. Daher zücke ich mein Handy, um ein Foto zu machen. Das ist jedoch eine ganz schlechte Idee. Schon beim Autofahren wird mir immer schlecht, sobald ich als Beifahrer auf eine Karte, ein Buch oder ein Handy gucke. Genau das Gleiche passiert nun hoch oben in der Luft. Ich mache nur ein paar verwackelte Aufnahmen vom Boden und packe es wieder weg. Ich muss mich wirklich konzentrieren. Ich suche einen fixen Punkt – den Tivoli. Den sieht man überall, da er so schön gelb leuchtet.

Dann atme ich kontrolliert und bewusst ein und aus. Nach einem Drittel der Flugzeit bessert sich mein Zustand endlich. Die Übelkeit verschwindet. Mein Magen hat sich wohl an diese Art der Bewegung gewöhnt. Doch dann muss Hartmut eine Rechtskurve fliegen. Wegen der Thermik versteht sich. Außerdem müssen wir ja auch irgendwie und irgendwann wieder zurück zum Flugplatz.

Ich atme wieder ganz langsam durch. Es geht diesmal. Endlich kann ich den Flug genießen – aber nur, wenn ich links raus schaue. Das beschränkt zwar mein Sichtfeld, hilft aber erstaunlicherweise. Und auch von links oben ist Aachen schön, denke ich.

Holpriger Start, holprige Landung

Hartmut fliegt nun eine weitere Rechtskurve. Er setzt zum Landen an. Die Vorstellung, dass die 40 Piloten heute über mehrere Stunden so in der Luft waren, ist für mich unglaublich. Mehrere Stunden hätte ich das vermutlich nicht geschafft. Aber ich bin ja auch nicht in der Übung.

Nach weiteren fünf Minuten nähern wir uns dem Boden. Ich kann mir gerade nicht vorstellen, dass die Landung angenehm wird. Schließlich war der Start schon extrem holprig. Doch bevor ich mir tiefgründige Gedanken darüber machen kann, rumpeln wir schon über den Boden. Es ist ein wirres Auf und Ab und ich muss laut lachen. Ich habe meine Arme kaum noch unter Kontrolle und ducke mich instinktiv.

So nah am Boden und so ganz ohne Dämpfung spüre ich eindeutig, dass der Acker uneben ist. Aber es tut nichts weh, es ist einfach nur tierisch komisch. Und dann stehen wir. Hartmut öffnet die Scheibe. Ich grinse. „Und wie war‘s?“, fragt er. „Unwirklich“, sage ich. „Irgendwie unwirklich.“

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