Im Interview: Aachens DGB-Chef Ralf Woelck über Armutsgründe

Von: Joachim Zinsen
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Aachen. Laut Paritätischem Wohlfahrtsverband liegt die Armutsquote im Raum Aachen mit 18,6 Prozent deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt. Woran liegt das und was kann dagegen getan werden? Ein kurzes Gespräch mit dem Geschäftsführer der DGB-Region Nordrhein-Westfalen Süd-West, Ralf Woelck.

Herr Woelck, warum ist in unserer Region das Risiko, arm zu sein, überdurchschnittlich hoch?

Woelck: Ohne die Untersuchungsmethode bereits im Detail zu kennen, vermute ich bei dem regionalen Befund eine Verzerrung durch die überproportional vielen Studierenden in der Region, die ein verhältnismäßig geringeres Einkommen haben. Viel entscheidender an dem neuen Bericht ist aus meiner Sicht jedoch die Fortschreibung der allgemeinen Tendenz, dass die Armut insgesamt immer weiter wächst. Wir haben es daher mit einem bundesweiten und nicht mit einem lokalen Problem zu tun.

Wer ist nach ihrer Beobachtung besonders von Armut gefährdet?

Woelck: Betroffen sind vor allem Menschen ohne Arbeit und Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen, die unbefristet, unter Tarif und nicht in Vollzeit arbeiten. Hinzu kommen Frauen, deren Rentenerwartung aufgrund prekärer Beschäftigungsverhältnisse oft unter der Armutsgrenze liegen. Und schließlich sind viele Kinder und Jugendliche betroffen. Heute wächst bereits jedes fünfte Kind in Armut auf. Es gelingt unserem Bildungssystem immer noch nicht, ihnen die gleichen Chancen auf einen höheren Bildungsabschluss zu gewähren, wie Kindern aus wohlhabenden Familien.

Gibt es zu wenig Jobs für Menschen, die schlecht qualifiziert sind?

Woelck: Eindeutig ja. Die einfachen Arbeitsplätze wurden schon vor längerer Zeit in der Industrie abgebaut, der öffentliche Dienst hat diese Entwicklung zeitlich verzögert ebenfalls nachvollzogen. Im Ergebnis gibt es für Menschen mit geringer Qualifikation nur wenig Beschäftigung. Dies wird sich kaum ändern. Daher ist ein „sozialer“ oder „öffentlicher“ Arbeitsmarkt die einzige Möglichkeit, um diesen Menschen eine nachhaltige Perspektive auf dem Arbeitsmarkt anzubieten. Ansonsten sollte man ihnen ehrlicherweise ein Grundeinkommen zahlen und sie in Ruhe lassen.

Was muss politisch getan werden, damit das Armutsrisiko sinkt?

Woelck: Ganz entscheidend wird sein, dass die nächste Bundesregierung den Arbeitsmarkt wieder reguliert und gute und faire Beschäftigungsbedingungen sicherstellt. Der Mindestlohn war dafür nur ein ganz kleiner Anfang. Im Kern geht es darum, dass mehr Menschen wieder in Vollzeit, nach Tarif und sozialversichert beschäftigt werden. Also Schluss mit Leiharbeit, Minijobs, Werkverträgen und Befristungen. Dazu sollten alle Tarifverträge als allgemeinverbindlich erklärt werden, wie zum Beispiel in Österreich. Wer Arbeit hat, muss davon leben und eine Familie ernähren können.

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