Im Dorf des Verbrechens: Unverständnis über Urteil im Brieger-Prozess

Von: Birgit Reichert, dpa
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Urteilsspruch: Der 51-jährige Angeklagte (links) verdeckt sein Gesicht, während er neben seinen Anwälten Heinz Neuhaus (Mitte) und Thomas Gremmel steht. 30 Jahre nach dem gewaltsamen Tod von Lolita Brieger in der Eifel ist der angeklagte Landwirt vom Vorwurf des Mordes freigesprochen worden. Foto: dpa

Scheid/Frauenkron. Wieder mal ist Lolita Brieger Dorfgespräch. Wie schon so oft in den vergangenen 30 Jahren. Doch dieses Mal kocht bei den Einwohnern ihres kleinen Heimatortes Frauenkron in der Eifel die Wut hoch.

Sie sind fassungslos: Der Mann, der Lolita Brieger im November 1982 getötet hat, wurde vor Gericht freigesprochen - weil die Tat zu lange zurückliegt und somit nicht mehr bestraft werden kann. „Ich finde diese extreme Ungerechtigkeit ganz schlimm”, sagt Monika Spuden am Tag nach dem Urteil in Frauenkron, einem Ortsteil der Gemeinde Dahlem im Kreis Euskirchen.

Knapp 500 Meter entfernt hinter der Landesgrenze zu Rheinland-Pfalz - auf einer Anhöhe im Nachbarort Scheid im Kreis Vulkaneifel - liegt der Hof des Bauern, dem in den vergangenen gut zwei Monaten der Prozess gemacht worden war. Die Rollladen seines Hauses sind heruntergelassen - im Dorf wird gemunkelt, er sei bereits wieder zurück. „Sein Bruder hat ihn abgeholt”, sagt Spuden. Nach neun Monaten Untersuchungshaft und einem Prozess, in dem er des Totschlags an seiner schwangeren Ex-Freundin Lolita schuldig gesprochen wurde - ohne aber dafür verurteilt werden zu können.

„So eine Tat dürfte nicht verjähren”, sagt ein 71-Jähriger aus Scheid, wo sich das Verbrechen vor fast drei Jahrzehnten zugetragen hatte. „Man müsste die Gesetze ändern.” Trotzdem müsse man den Landwirt nun leben lassen. „Was soll man denn sonst machen?” Der Bauer habe ohnehin kaum Kontakt zu jemandem im Dorf. Er habe immer sehr zurückgezogen gelebt.

„Er wird sicher schwer für ihn, in Scheid zu leben”, sagt sein Verteidiger Heinz Neuhaus im Eifelstädtchen Bitburg. Der Freispruch „mag manche ärgern, aber unser Rechtssystem hat seine Spielregeln”. Und die sehen eben vor, dass Totschlag verjährt. „Er ist freigesprochen und als freier Bürger anzusehen. Ob das einem passt oder nicht”, sagt Neuhaus. Ob der 51-jährige Landwirt in dem 140-Einwohner-Ort Scheid wohnen bleibe, sei noch offen. „Er hat sich noch nicht entschieden. Er muss erstmal zur Ruhe kommen.”

Für die Familie Brieger ist es kaum zu ertragen, dass der Mann, der ihre Tochter und Schwester auf dem Gewissen hat, wieder frei ist. „Ich habe keine Worte”, sagte Petra Brieger, eine Schwester von Lolita. Begegnen wolle sie dem Landwirt auf keinen Fall. Ihre 80-jährige Mutter und sie würden ohnehin immer einen Bogen um Scheid fahren.

Nach Überzeugung des Trierer Landgerichts hat der Bauer seine Ex-Freundin in einem Schuppen unweit seines elterlichen Hofes getötet. Der damals junge Mann habe extrem unter Druck gestanden, hieß es am Montag in der Urteilsbegründung. Lolita habe sich nicht von ihm trennen wollen, sein Vater habe ihm aber gesagt, er müsse die Beziehung beenden.

Anschließend verscharrte der Landwirt die Leiche auf der einstigen Müllkippe in Frauenkron. Dort war die Leiche Lolitas im Herbst 2011 gefunden worden, nachdem ein Zeuge den entscheidenden Tipp gegeben hatte. Vorher wurde Lolita fast 29 Jahre lang vermisst.

Inzwischen sind Wiesen und Wald über die frühere Müllhalde in Frauenkron gewachsen, Kühe grasen idyllisch im saftigen Grün. Eine Aussicht, die Mutter Hildegard Brieger all die Jahre vom Balkon aus genoss, ohne zu wissen, dass da ihre tote Tochter lag. Am Tag nach dem Urteil ist Lolitas Grab in Dahlem-Berk voller roter Rosen. Weiße Engelsfiguren daneben sollen sie beschützen. Und auf einem Stein steht: „Spuren im Sand verwehen, Spuren im Herzen bleiben.”
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