Region - IHK-Hauptgeschäftsführer glaubt an Potenzial der Wirtschaft

IHK-Hauptgeschäftsführer glaubt an Potenzial der Wirtschaft

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Sieht eine positive Bilanz der Firmen: Michael F. Bayer, IHK Aachen. Foto: Steindl

Region. Die Wirtschaftsregion Aachen erlebt eine gute Zeit. Das weiß der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Aachen, Michael F. Bayer. Denn die IHK Aachen fragt die Stimmung in den Betrieben regelmäßig ab. Ausruhen auf der zuletzt positiven Entwicklung gilt aber nicht.

Die Prognos-Studie „Wirtschaftsstandort NRW 2030“ hat Knackpunkte für die weitere Entwicklung des Landes formuliert. Bayer erklärt im Interview, um was es dabei für die Region geht.

Wie geht es der Wirtschaft in der Region?

Bayer: Ein gutes Jahr ist vergangen, ein gutes Jahr ist gekommen. Die jüngste Konjunkturumfrage hat gezeigt, dass die Unternehmen die aktuelle Lage als gut einschätzen und ihre Erwartungen an die Zukunft sogar noch etwas besser aussehen als noch im Herbst. Insofern können wir sagen, dass es den Betrieben, die in unserer Region überwiegend mittelständisch geprägt sind, durchweg sehr gut geht. Das bezieht sich auf alle Branchen, sei es Handel, Dienstleistung oder Industrie.

Damit das so bleibt: Was sind die entscheidenden Faktoren für die weitere wirtschaftliche Entwicklung der Region?

Bayer: Ein entscheidender Faktor ist die Infrastruktur. Ein Langzeitfaktor, weswegen wir immer wieder den Finger in die Wunde legen. Hier brauchen wir einen langen Atem, aber das Thema ist ein sehr wichtiges für jede Region – vor allem in Zeiten knapper öffentlicher Kassen, die dazu verleiten, dass die Infrastruktur immer mehr vernachlässigt wird. Unser Niveau sinkt durch die geringen Investitionen in die Verkehrswege immer weiter ab.

Schreckensszenarien wie die Leverkusener Brücke, die von Lastwagen nicht passiert werden darf, bereiten große Schwierigkeiten, wenn es darum geht, neue Unternehmen anzusiedeln. Aus gutem Grund: Will ich im Herzen Europas, wo in einem Umkreis von 400 Kilometern auch gut 80 Prozent der Kaufkraft Europas liegt, ausgerechnet an den Ort gehen, wo mein Lastwagen zwei Kilometer weiter nicht auf eine Brücke fahren darf? So etwas spricht sich herum. Wir müssen aufpassen, dass dieses negative Bild nicht weiter um sich greift.

Was bedeutet das für die Region Aachen?

Bayer: Wir müssen sehr darauf achten, dass nichts Ähnliches bei uns passiert. Unsere Blickrichtung geht dabei vor allem nach Westen in die Beneluxländer, mit denen wir starken Import- und Exporthandel betreiben und über deren Häfen viele Waren bewegt werden.

Dafür brauchen wir das, was gerade am Aachener Kreuz passiert – als positives Beispiel: Der Ausbau bedeutet zunächst zwar die Dauerbaustelle, aber 2017 haben wir dann endlich ein Autobahnkreuz, das über mehr Kapazitäten verfügt. Wobei: Das Erschreckende ist, dass es bald wieder zu klein sein könnte, angesichts dessen, was über die Nordseehäfen auf uns zukommt…

Infrastruktur ist mehr als Straßenbau…

Bayer: Wir sprechen auch über das Thema Schiene. Das dritte Gleis für Aachen wird das Wohl und Wehe der Region dauerhaft bestimmen. Wenn es nicht kommt, dann werden wir die Hochgeschwindigkeitszüge Richtung Brüssel, Paris und London nicht mehr in einer Taktung haben, die interessant bleibt – oder ganz verlieren. Das wäre ein Graus. Über die Schiene hinaus sind wir beim Thema Infrastruktur aber auch – wie die Prognos-Studie deutlich macht – beim Aspekt der Digitalisierung.

Wir sind eine Wirtschaftsregion mit einem Oberzentrum Aachen und der angrenzenden Städteregion. Aber zu uns gehören eben auch die Kreise Düren, Euskirchen und Heinsberg, in denen die Versorgung mit moderner IT-Infrastruktur, also mit Breitbandverbindungen, teilweise nicht einmal ausgebaut werden kann, weil sie noch gar nicht existent ist. Und ohne eine vernünftige IT-Infrastruktur können ländlichere Regionen nicht von der Digitalisierung der Wirtschaft profitieren. Wenn sie diese aber haben, dann können sie das in den nächsten 15 Jahren – also bis 2030 – sehr wohl!

Brauchen wir als Grenzregion nicht auch den geforderten Güterumschlagplatz?

Bayer: Absolut. Wir stellen uns die Frage: Wie können wir die Transitverkehre in der Region brechen, also aus dem Lastwagen oder Bahncontainer herausholen? Dieses Brechen bedeutet Wertschöpfung. Wir untersuchen gerade in einer Studie, welche Arten von Gütern eigentlich durch unsere Region transportiert werden und für welche Güter es sich lohnt, bereits hier entladen zu werden, um veredelt oder verändert zu werden und dann weiter auf die Reise zu gehen. Wenn wir nur reine Import-Export-Konsumware aus China hätten – Spielzeug zum Beispiel – dann würde das kaum Sinn ergeben. Da ist nicht viel zu veredeln. Bei Investitionsgütern ergäbe sich großes Potenzial.

Hat die Region das Potenzial, sich in Zukunft auch als Logistikregion zu positionieren?

Bayer: Unbedingt. Wir haben im vergangenen Jahr den Hafen in Antwerpen besucht und erfahren, dass rund 55 Millionen Tonnen Güter von dort durch unsere Region fahren. Und das mit steigender Tendenz: Bis zum Jahr 2030 soll sich dieses Aufkommen verdoppeln.

Deshalb sucht der Hafen nach Umschlagplätzen im sogenannten Hinterland. Und zu diesem Hinterland zählt auch die Aachener Region. Das hat man uns dort versichert. Wir stehen im europäischen Kontext an einer logistisch herausragenden Stelle. Die Ansiedlungen von Logistikern in unserer Region sind kein Zufall.

Ist diese kleinteilige Struktur gut, weil schwere Schläge für die Wirtschaft der Region, wie sie Bochum mit der Schließung des Opel-Werkes erlebt, so nicht zu erwarten sind?

Bayer: Unsere Struktur ist in schweren Zeiten belastbarer, weil Branchenkrisen nicht so hart zuschlagen können. Wir hatten das hier im Kohlezeitalter, in der Tuch- und in der Nadelindustrie. Es gibt auch in unserer Region ein paar große Unternehmen. Es dürften vor allem die konzerngebundenen Großbetriebe sein, die in den kommenden Jahren einen höheren Wettbewerbsdruck spüren.

Großindustrie wird sich heutzutage doch ohnehin nicht mehr ansiedeln…

Bayer: Das ist nicht zu erwarten. Wir würden natürlich niemanden ablehnen. Wer hier 10 000 Autos im Jahr bauen will, den würden wir sicher mit Handkuss empfangen. Aber eine solche Ansiedlung schafft auch Abhängigkeiten.

Können und werden die beiden großen Aachener Hochschulen die wirtschaftliche Entwicklung noch stärker prägen?

Bayer: Sie müssen es! Es geht nicht um können, wollen, dürfen – sie müssen es. Aus Sicht der Hochschulen ist das natürlich keine primäre Aufgabe. Selbst auf einem Campus ist der Mehrwert ja erst mal nicht, wirtschaftliches Leben zu erzeugen, sondern die Forschung voranzutreiben. Das ist auch richtig so. Aber was können wir aus dem Potenzial machen?

Diese Frage ist nicht neu, sie ist ein Evergreen. Die vergangenen Jahrzehnte zeigen, dass die Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft erfolgversprechend für die Region ist, und das müssen wir weiterentwickeln. Es geht allein schon darum, dass unsere Unternehmen wachsam sind und künftige Entwicklungen dank den Hochschulen frühzeitig mitbekommen. Das Thema „Industrie 4.0“ zeigt das deutlich.

Teilen Sie die Erwartungen, die gerade an der RWTH an das Thema „Industrie 4.0“ geknüpft werden?

Bayer: Die Arbeitswelt wird sich durch „Industrie 4.0“ verändern. Das wird aber nicht „disruptiv“ passieren. Es werden sich nicht von jetzt auf gleich unsere Maschinen miteinander unterhalten, und der Mensch steht unbeteiligt daneben. „Industrie 4.0“ ist für mich einfach die nächste Generation von Produktion, der Übergang von der Massenproduktion zur Verfeinerung dank Digitalisierung.

Die Produkte selbst werden zunehmend bestimmen, wie ein Produktionsprozess aussieht, und das ist sehr spannend. Wir haben die Chance, dass zumindest wieder eine kleinteilige Industrie aus dem Prinzip 4.0 neu hervorgeht. Dafür haben wir hier an den Hochschulen große Wissensträger in diesem Bereich.

Ist bei diesem Thema die Region besser aufgestellt als andere Regionen?

Bayer: Auf jeden Fall sind wir potenziell besser aufgestellt. Das ist ganz klar. Wir müssen dieses Potenzial jetzt aber in die Unternehmen hineintragen. Wir werden in Zukunft Produkte herstellen können, die in Asien oder Osteuropa so nicht produziert werden können.

Was ist bis 2030 möglich?

Bayer: „Industrie 4.0“ wird bei denen, die erfolgreich sein wollen, Einzug gehalten haben. Und vielleicht kommen dann auch Produktionsstätten zurück, die früher einmal abgewandert sind, weil es darum ging, Waren in Stückzahlen von 10 000 und mehr anzufertigen. Der Streetscooter ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich Produktion genau auf Kundenwünsche hin ausrichten lässt. Auf einmal können diese Autos auch in einem Hochlohnland produziert werden.

Müssen die Kommunen ihre Kräfte besser zusammenbringen? Der Eindruck, dass der Wettstreit der Kommunen untereinander recht groß ist, ist allzu oft da…

Bayer: Die Region muss zwingend ihre Kräfte bündeln! Das ist ein kommunales Thema, aber es ist auch Thema der Kreise und der Städteregion – und da sehe ich den großen Willen zur Zusammenarbeit nicht ausreichend gegeben.

Nehmen wir mal die Anforderungen an die Schulwelt bis 2030: Wie viele Schüler werden wir weniger haben? Müssen wir da nicht über die Grenzen hinaus Schulentwicklung betreiben? Zumindest in den Berufskollegs müssen wir zu Kooperationen kommen. Wir können nur attraktiv ausbilden, wenn wir möglichst viele Ausbildungsgänge anbieten.

Wenn aber in Heinsberg die kritische Masse für die Ausbildung zum Mechatroniker nicht da ist, dann können wir da auch keine Klasse aufmachen. Wenn es aber in den Nachbargemeinden der Städteregion die Menge von Schülern gäbe, die es erlauben würde, eine Mechatroniker-Klasse zu starten, dann sollten wir diese Auszubildenden tunlichst bündeln und sie nicht nach Düsseldorf oder Köln schicken.

Das ist ein typisches Beispiel dafür, wo Gebietskörperschaften noch unzureichend unterwegs sind. Wir könnten da auch über Müll und Entsorgung reden. Oder über Energie, wo Bündelung zwingend notwendig ist. Ich habe die Befürchtung: Wenn diese Bündelung nicht freiwillig vorausschauend geschieht, dann werden uns die Themen einholen, und sie werden unter zwanghaften Umständen schwieriger zu bewältigen sein.

Wenn Sie die Mechatroniker ansprechen, dann reden wir auch über Fachkräftemangel. Der ist ein großes Thema der Prognos-Studie. Wie wollen Sie diesem begegnen?

Bayer: Früher wurde der Fachkräftemangel immer sehr stark auf Akademiker bezogen. Mittlerweile ist er vor allem in den gewerblich-technischen Berufen angekommen. Es gibt weniger abgehende Schüler, und die drängen verstärkt an die Hochschulen, um dort zu studieren. Da ist eine zunehmende Akademisierung zu erkennen. Die duale Ausbildung ist weniger stark nachgefragt. Wir versuchen, dagegen anzukommen und das duale Studium stärker zu unterstützen.

Ein anderer Punkt ist, dass wir intensiv Werbung für die Ausbildung in den Schulen machen. Außerdem versuchen wir, Studienabbrecher anzusprechen – und das sehr erfolgreich. Die werden von den Unternehmen oft mit Kusshand genommen. Nichtsdestotrotz wird es weniger Auszubildende geben.

Das muss aber doch irgendwie kompensiert werden. Wie?

Bayer: Da sind wir beim Zuzug. Richtigerweise gibt es eine Willkommenskultur in Deutschland, und ich sehe da auch in unserer Region eine sehr große Offenheit. Auch die Ausländerämter nutzen ihren Ermessensspielraum – wenngleich Recht und Gesetz eingehalten werden müssen –, so dass wir junge Menschen in Ausbildung oder, wenn sie bereits eine Ausbildung haben, direkt in eine Anstellung vermitteln. Wir müssen auch Fachkräfte bewusst anwerben, die wir dann über den Arbeitsplatz hinaus integrieren.

Es darf also keine „Gastarbeiter 2.0“-Kultur entstehen.

Bayer: Nein, genau das darf nicht entstehen. Wir sollten da aus der Geschichte gelernt haben. Es geht hier nicht um Gäste, denn Gäste bleiben für eine bestimmte Zeit. Es geht darum, die Gesellschaft auf Dauer nach vorne zu bringen. Dafür braucht es die attraktiven Arbeitsplätze, die wir im Moment und auch in Zukunft bieten können, aber dazu braucht es auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Und da kann Aachen unglaublich viel leisten, weil es die Region durch die Grenzlage gewohnt ist, mit anderen Nationen und Kulturen umzugehen.

Wie wird es der Wirtschaftsregion Aachen also im Jahr 2030 gehen?

Bayer: Es wird ihr gutgehen. Ich glaube daran, dass wir die Potenziale nutzen werden. Wir können einfach nicht so dumm sein und am Ende schlechter dastehen als andere Regionen mit deutlich weniger Potenzial.

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