ICE 3: Eine Probefahrt von Frankfurt nach Köln

Von: Robert Baumann
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Jetzt ist er am Zug: Lokführer Hans-Peter Haas sitzt im Führerstand eines neuen ICE 3 der Baureihe 407, der am Dienstag bei einer Präsentationsfahrt von Frankfurt nach Köln vorgestellt wurde. Foto: dpa, Robert Baumann

Aachen/Frankfurt. Seit 25 Jahren fährt Hans-Peter Haas Züge. Doch so voll wie an diesem Tag war sein Führerhaus noch nie. Die Geschwindigkeitsanzeige auf dem Bildschirm kratzt an den 300 Stundenkilometern, während Haas den Steuerknüppel ruhig in den Händen hält.

Hinter seinem Sitz geht es deutlich hektischer zu. Mehrere Fotografen und Kamerateams tummeln sich in dem kleinen Steuerstand, jeder um die beste Aufnahme bemüht.

Bei der Vorstellung des neuen ICE 3 vom Typ Velaro D (Baureihe 407) der Deutschen Bahn haben sich schon weit vor dem Beginn der offiziellen Präsentationsfahrt Scharen von Journalisten aus ganz Deutschland und teilweise Europa am Frankfurter Hauptbahnhof versammelt. Der Medienaufmarsch ist so ganz nach dem Geschmack der Deutschen Bahn. Schließlich hat sie lange auf ihre neuen Züge warten müssen. Und die will sie jetzt gebührend zur Schau stellen. Denn eigentlich hätten alle der bei Siemens bestellten 16 ICE-Züge schon seit Dezember 2011 durch Deutschland fahren sollen. Aber das Eisenbahn-Bundesamt hatte die Hochgeschwindigkeitszüge wegen neuer Auflagen und ungeklärter technischer Fragen bei Bremsen, Radsatzgestellen und Klimaanlagen zunächst nicht zugelassen. „Wir hatten damals nicht alle Zulassungsthemen im Blick, das muss ich zugeben“, sagt Dr. Jürgen Wilder, Vorstand der Sparte Hochgeschwindigkeits- und Regionalzüge bei Siemens.

Softwarefehler in der Steuerung

Siemens hatte daraufhin versprochen, die ersten acht Züge im Dezember 2012 auszuliefern. Aber auch dieser Termin platzte: Bei der Übernahmeprüfung im November 2012 wurden Softwarefehler in der Zugsteuerung entdeckt. Im Dezember 2013 erhielten die ICE schließlich ihre Zulassung für Fahrten innerhalb Deutschlands als Doppelzüge. Seitdem sind die ersten vier neuen ICE im Regelbetrieb und derzeit auf der Strecke Köln – Frankfurt – Stuttgart unterwegs.

Weitere vier Züge liefert Siemens bis Ende März. Die restlichen acht werden für Testfahrten in Belgien und Frankreich verwendet, um die Zulassung für den grenzüberschreitenden Einsatz vorzubereiten. Dafür arbeite man mit der Deutschen Bahn, dem französischen Betreiber SNCF, dem Eisenbahn-Bundesamt und den französischen und belgischen Behörden zusammen. Bislang sind die neuen ICE nur in Deutschland zugelassen. Auf der ICE-Strecke über Aachen nach Brüssel wird die Baureihe 407 erstmal nicht fahren.

Wegen der sich immer wieder verzögerten Lieferungen baut Siemens für die Deutsche Bahn einen neuen ICE 3 mehr als ursprünglich vereinbart – statt 16 erhält die Bahn also 17 ICE, zahlt aber nur 16. Über weitere Entschädigungen wird noch verhandelt. Die eigentlichen Kosten für einen neuen ICE liegen zwischen 25 und 35 Millionen Euro – je nach Ausstattung.

Und dann fährt der neue ICE 3 in Frankfurt los. Klar, dass nach dem ganzen Hickhack die zur Schau gestellte Erleichterung bei der Bahn und bei Siemens groß ist. „Wir haben die Herausforderungen, insbesondere im Zulassungsprozess, erfolgreich gemeistert und freuen uns, den neuen ICE 3 nun auf Deutschlands Schienen fahren zu sehen“, sagt Wilder. Und so darf bei der gestrigen Präsentation der Schnellzüge natürlich auch die offizielle Schlüsselübergabe zwischen Wilder und dem Vorstand Produktion der DB Fernverkehr, Andreas Busemann, nicht fehlen.

Mit 300 Stundenkilometern rast der ICE 3 von Frankfurt Richtung Köln Hauptbahnhof. Es ist die zugelassene Höchstgeschwindigkeit in Deutschland, im Ausland dürfte der Zug seine Maximalgeschwindigkeit von 320 Stundenkilometern fahren. Mit seinen 11.000 PS gleitet der ICE über die Schienen, die Landschaft fliegt an den Fenstern vorbei. Einige Journalisten haben in der ersten Klasse in den bequemen Ledersesseln mit den hellblauen Kopfkissen Platz genommen. Andere stehen im Gang, die Kamera im Anschlag. Ab und zu ruckelt es leicht, in den Kurven wird die Fliehkraft spürbar. In einem Abteil wird es besonders eng. Hier stehen Wilder und Busemann den Journalisten Rede und Antwort und demonstrieren Geschlossenheit.

Doch was ist jetzt so besonders an dem neuen Zug, der für 444 Fahrgäste Platz bietet? „Vor allem bei Service und Komfort bietet der neue ICE unseren Kunden ein echtes Plus“, sagt Busemann. Monitore an der Decke informieren die Reisenden über den Fahrtverlauf, Gangplätze haben an der Seitenlehne zum Mittelgang einen Haltegriff zum sicheren Durchqueren des Zuges, und in einem Bordbistro mit 16 Sitzplätzen sollen die Fahrgäste komfortabel speisen können. Es gibt mehr Platz zur Gepäckablage und mehr Bewegungsfreiheit auf den Toiletten.

Hublift für Rollstuhlfahrer

Besonders für geh- und sehbehinderte oder im Rollstuhl sitzende Fahrgäste soll das Reisen mit dem ICE in Zukunft leichter werden. Als erster Hochgeschwindigkeitszug der Bahn verfügt der neue ICE 3 pro Zugseite über einen Hublift für Rollstuhlfahrer. Zudem sind Wegweiser sowie Sitzplatz- und Wagennummern in Brailleschrift angebracht. „Darüber hinaus punktet die Baureihe 407 durch niedrigeren Energieverbrauch und höhere technische Zuverlässigkeit“, meint Busemann. So sei der Luftwiderstand des gut 200 Meter langen Zuges im Vergleich zum Vorgängermodell um 20 Prozent niedriger. Getestet wurden die neuen ICE übrigens auf dem Gelände des ehemaligen Fliegerhorsts der britischen Luftwaffe in Wegberg-Wildenrath nahe Heinsberg. Seit 1997 testet Siemens dort seine Schienenfahrzeuge.

Kurz vor Köln, mitten auf der Brücke über den Rhein, wird der ICE langsamer. Lokführer Hans-Peter Haas bremst und bringt den Zug schließlich ganz zum Stehen. Ein anderer ICE steht noch im Hauptbahnhof und versperrt die Einfahrt. Für den neuen ICE musste Haas einen einwöchigen Aufbaukurs machen. „Ich bin ja kein Anfänger mehr“, sagt er und erzählt von seiner Begeisterung für die moderne Technik. „Toll, so einen Zug zu steuern“, sagt er und kriegt prompt über Funk die Freigabe zum Weiterfahren. Der Rest ist für ihn ein Kinderspiel. Gekonnt lenkt er das 492 Tonnen schwere Schienenfahrzeug in den Hauptbahnhof.

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