Hunderte Schüsse auf der Autobahn

Von: Claudia Schweda
Letzte Aktualisierung:
Das Fahndungsplakat des Bundes
Das Fahndungsplakat des Bundeskriminalamtes, das seit Juli 2011 in allen Raststätten hängt. Aus den Hinweisen, die daraufhin bei der Polizei eingingen, haben sich noch keine Anhaltspunkte auf einen Täter ergeben.

Aachen. Seit mehr als vier Jahren schießt ein Unbekannter während der Fahrt aus seinem Führerhaus heraus auf Autotransporter mit Neuwagen auf der Gegenfahrbahn der Autobahn. Seit Juli 2011 versucht das Bundekriminalamt (BKA) mit Fahndungsplakaten, die in allen deutschen Raststätten hängen, bei den Ermittlungen weiterzukommen.

27.000 Euro Belohnung aus der Versicherungswirtschaft und von Staatsanwaltschaften für Hinweise zur Ergreifung des Täters ausgesetzt. „Doch die Serie endet nicht”, sagt Barbara Hübner vom BKA. Stattdessen sehen die Ermittler sich nach gut einem Jahr Öffentlichkeitsfahndung per Plakat mit fast 150 weiteren Taten konfrontiert.

Insgesamt mehr als 700 Einschüsse werden dem oder auch den Lkw-Schützen bundesweit seit Juli 2008 zugeschrieben. Und eines ist inzwischen klar: Für die Ermittler ist die Strecke aus und nach Belgien über das Aachener Kreuz und das Kreuz Kerpen Richtung Süden bis zum Dreieck Nahetal die sogenannte Schwerpunktstrecke des Täters.

„Die bisherige Auswertung hat ergeben, dass eine Vielzahl der beschossenen Autotransporter über die A61, die A4 und die A44 von und zu den Seehäfen in Belgien gefahren sind”, sagt Hübner. Diese Autobahnabschnitte würden von dem Täter stärker frequentiert als andere Autobahnen.

Auf der A61 gebe es zudem mehrere konkrete Tatorte, bei denen etwa - stehende - Baumaschinen beschossen worden seien. Neben dieser Schwerpunktstrecke seien Vorfälle auf der A3 von NRW bis Bayern registriert worden, sowie auf Teilabschnitten der A5, der A6 und der A8.

Es handele sich vermutlich um einen oder mehrere Täter, der auch diese Strecken regelmäßig fährt, sagt Hübner. In die Niederlande wiederum kommt der Täter offenbar nicht. Dort liegt keine Anzeige vor. In Belgien dagegen wurden ebenfalls an die 200 registriert, darunter allerdings auch Doppelzählungen mit den deutschen Fällen.

In der Bundesrepublik sind 536 Beschüsse von Autotransportern in den Ermittlungsakten dokumentiert. 167 Mal wurden andere Fahrzeuge wie Sattelzüge, Baustellen-Lkw oder Wohnanhänger getroffen. Einmal wurde ein Wohnhaus hinter einer Lärmschutzwand beschädigt. Diese Treffer werten die Ermittler als „versehentliche Fehlschüsse”. Unter diese Kategorie fällt auch der einzige Schuss des Lkw-Schützen, der bislang einen Menschen verletzte. Eine Frau wurde auf der A3 bei Würzburg nach einem Schuss in den Hals ohnmächtig, fuhr in die Leitplanke und kam dort zum Stehen. Sie überlebte schwer verletzt.

„Insgesamt ist das eine sehr beunruhigende Sachlage”, hatte Michaela Heyer vom Landeskriminalamt bereits zum Start der Öffentlichkeitsfahndung gesagt. Inzwischen, heißt es beim BKA, gehe unter den Fernfahrern die Angst um - auch deswegen, weil ihnen immer klarer werde, dass der Täter aus den eigenen Reihen komme.

Wie in einem Puzzle haben die Ermittler Stück für Stück des Falles zusammengesetzt und aus der Auswertung der Trefferwinkel geschlossen, dass vermutlich ein Lkw-Fahrer während der Fahrt von der Gegenfahrbahn aus erhöhter Position geschossen haben könnte.

Wegen der Geräuschkulisse in der Fahrerkabine können die Fahrer der betroffenen Autotransporter das während der Fahrt nicht hören. Deswegen werden die Schäden nach Angaben der Polizei meist erst beim Abladen oder im besten Fall bei einer Pause an einer Raststätte bemerkt. Tatorte sind so für die Ermittler nicht mehr auszumachen. Was bleibt, ist die Route.

Auch das Kaliber der Waffe hilft der Polizei wenig weiter: .22, Long Rifle, typisch für Sportschützen und Jäger. „Extrem weit verbreitet”, sagt Hübner. Das BKA geht von einem Einzeltäter aus, da erstaunlich ist, dass nach Monaten mit regelmäßigen Vorfällen plötzlich Pausen folgen, die typisch für einen Urlaub von ein bis drei Wochen sind. Danach, sagt Hübner, gehe die Serie dann einfach weiter.

Aus den Hinweisen, die die Polizei seit dem Start der Öffentlichkeitsfahndung vor gut einem Jahr erreicht haben, haben sich noch keine Anhaltspunkte für einen möglichen Täter oder gar auf eine heiße Spur ergeben. Deswegen gilt laut Hübner weiterhin: „Wir sind auf jeden Hinweis dringend angewiesen.”
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