Hürden auf dem Weg in den Arbeitsmarkt

Von: Beatrix Oprée
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Ein Jahr hat es gedauert: Andrej Adamkovic hat den beruflichen Anerkennungsprozess erfolgreich durchlaufen. Beraten wurde er von Anne Münter, stellvertretende Leiterin der VHS Aachen-Nordkreis. Foto: Beatrix Oprée
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Ein Jahr hat es gedauert: Andrej Adamkovic aus der Slowakei hat den beruflichen Anerkennungsprozess erfolgreich durchlaufen. Beraten wurde er von Anne Münter, stellvertretende Leiterin der VHS Aachen-Nordkreis. Foto: Beatrix Oprée

Aachen. „Wir möchten keine Zeit verschwenden! Wir wollen Deutsch lernen, einen Job finden und eine Stütze für eure Gesellschaft werden!“ Klare Worte. Ausgesprochen von einem jungen Ehepaar, geflüchtet aus Aleppo. Gute Qualifikationen bringen die beiden mit, als Bauingenieure haben sie in Syrien Brücken und Hochhäuser konstruiert. Jetzt leben sie in einer Unterkunft in Herzogenrath – und warten. Weil das Gesetz es so will.

Eine „geregelte Erwerbstätigkeit“, wie es im Amtsdeutsch heißt, ist für Asylsuchende und Geduldete in den ersten drei Monaten nach ihrem Asylantrag generell verboten. Eine Situation, die sich zurzeit vielfach noch verschärft, weil es aufgrund des akuten Flüchtlingsansturms Wochen dauern kann, bis ein solcher Antrag überhaupt erst gestellt werden kann.

Nach dieser ersten Frist dürfen Flüchtlinge sich zwar bewerben, müssen aber hinter „bevorrechtigten Arbeitnehmern“ zurückstehen – deutschen Staatsangehörigen, EU-Ausländern oder bereits anerkannten Flüchtlingen. Es gibt Ausnahmen, etwa für qualifizierte Bewerber auf Mangelberufe – analog einer „Positiv-Liste“ der Agentur für Arbeit.

Handgeschriebenes Zettelchen

Erst nach 15 Monaten Aufenthalt in Deutschland können Asylbewerber und geduldete Flüchtlinge ohne „Vorrangprüfung“ auf Jobsuche gehen.

Damit sind lange nicht alle Hürden genommen: Um überhaupt eine Chance zu haben, im angestammten Beruf zu arbeiten, müssen die Studien- oder Ausbildungsabschlüsse aus dem Heimatland anerkannt werden. Eine Prozedur, die mitunter Jahre in Anspruch nehmen kann, weiß Anne Münter, stellvertretende Leiterin der Volkshochschule Aachen-Nordkreis.

Die Einrichtung ist seit 1. September „Fachberatungsstelle zur Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen im Rahmen der Beratung zur beruflichen Entwicklung (BBE)“, ernannt vom Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales des Landes NRW.

Anne Münter geht mit Leidenschaft an ihre Aufgabe heran. Menschen so schnell und so gut wie möglich in den Arbeitsmarkt zu integrieren, ist ihr ein Herzensanliegen. Die Erfahrungen, die sie gesammelt hat, sind so vielfältig wie die Nationen, aus denen ihre Klienten stammen. Sie reichen von der jungen Afghanin, die ihr ein handgeschriebenes Zettelchen vorlegte, das als Abiturzeugnis durchgehen sollte, bis zur Ärztin aus Mazedonien, deren einziges Hindernis die deutsche Sprache ist, um vor der Ärztekammer noch einmal eine Prüfung abzulegen, die dem mündlichen Staatsexamen gleichkomme.

„Deutschkurse der VHS für Migranten reichen da natürlich nicht aus, hier geht es ja auch um Fachsprache.“ Die zweithöchste Stufe (C1) des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen sei hier mindestens nötig. Und ungleich teurere Sprachkurse.

Oft ist es nicht einfach, alle benötigten Zeugnisse und Papiere beizubringen. Die dann auch noch übersetzt und beglaubigt werden müssen – was ganz eigene Probleme aufwirft. Münter: „Wenn ich zum Beispiel einen Übersetzer empfehle, der auch Serbisch spricht, könnte das bei einem Klienten aus Mazedonien durchaus auf Misstrauen stoßen.“

Eine Dolmetscher- und Übersetzerdatenbank mit gerichtlich anerkannten Adressen dient ihr als Referenz. Doch ganz leicht ist auch das nicht. Münter: „Nehmen wir Syrien zum Beispiel: Hier können Unterlagen genauso auf Arabisch ausgestellt sein wie auf Aramäisch, Armenisch, Kurdisch oder etwa Kurmandschi-Nordkurdisch. Für letzteren Fall etwa gibt es nur einen Übersetzer – in Köln.“

Bis zu 600 Euro

300 bis 600 Euro kann ein Anerkennungsverfahren schnell kosten, der Dolmetscher-Honorare wegen. Klienten, die so lange irgendwo jobben, bis sie sich eine Urkunden-Übersetzung nach der anderen leisten können, sind deswegen keine Seltenheit. Münter: „Manche Menschen beißen sich geradezu durch, davor habe ich richtig Achtung.“

Unterschiedliche Ausbildungsstandards sind eine weitere Hürde. „Manchmal muss man tatsächlich Recherchen betreiben, bei welcher Institution bestimmte Zeugnisse zur Anerkennung eingereicht werden müssen“, sagt Münter. Und das Ergebnis ist oft, dass Klienten nochmals die Schule besuchen oder Teile eines Studiums nachholen müssen.

Ein großes Angebot an Weiterbildungs- und Aufstockungsmöglichkeiten bietet unter anderem die Handwerkskammer an. Die Aachener IHK hat jetzt dazu aufgerufen, junge Flüchtlinge durch Praktika als ersten Schritt hin zu einer Ausbildung zu integrieren.

Sowohl Kommunen als auch Arbeitgeber verlangen mit Nachdruck weitere Erleichterungen für Flüchtlinge beim Zugang auf den Arbeitsmarkt – aus Gründen der schnelleren Integration respektive zur Eindämmung des akuten Fachkräftemangels.

Mangel an Deutschkursen

Unbedingte Grundvoraussetzung: Deutschkenntnisse. An entsprechenden Kursen jedoch mangelt es immer noch. Die Asylbewerber von ihrem Taschengeld (143 Euro monatlich) selbst bezahlen müssen. Erst anerkannte Asylberechtigte haben Anspruch auf einen Integrationskurs des Bundes, in dem auch Deutsch gelehrt wird.

Wer ohne Anerkennungsstempel auf den Zeugnissen einen Job findet, werde häufig mit miserablen Arbeitsverträgen abgespeist. Anne Münter schildert den Fall eines jungen Mannes aus dem Kosovo, der bei einer Zeitarbeitsfirma angestellt war. Er lebte alleine in einem viel zu teuren Zimmer, sollte ständig auf Abruf sein, wurde aber nur für tatsächliche Einsätze entlohnt. Anwaltliche Hilfe geschweige denn eine Rechtsschutzversicherung konnte er sich nicht leisten.

Ganze Bandbreite

„In meinem Job treffe ich eben auf alles“, sagt Münter: „Die verschiedensten Formen des Aufenthaltsstatus, auf prekäre Lebensverhältnisse, aber auch auf gut Ausgebildete, die nur ein wenig Orientierung brauchen. Das macht die Sache sehr spannend.“ Und erfüllend, wenn sie erfährt, dass Klienten ihren Weg gemacht haben. Wie der 24-jährige Andrej Adamkovic aus der Slowakei.

Einen Bachelor-Abschluss als Sozialarbeiter hatte er von der St. Elizabeth University of Health and Social Science in Bratislava mitgebracht. Ein Jahr lang arbeitete er in einem Dürener Schnellrestaurant, bis sein berufliches Anerkennungsverfahren endlich durchlaufen war. Nun ist er stolz und glücklich, wie er bekundet: Seit Mitte Juli ist er als Betreuer für Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung bei der Lebenshilfe in Düren tätig.

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