„Home Treatment“: Magersüchtige Patienten bekommen Hilfe ins Haus

Von: Sabine Rother
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Hinter ihr steht ein großes Team: Professor Beate Herpertz-Dahlmann (rechts), Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters in der Uniklinik, setzt mit „Home Treatment“ ein neues Behandlungskonzept um. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Wie kann die Behandlung magersüchtiger Mädchen und Jungen verbessert werden? Wie vermeidet man Rückfälle und sorgt dafür, dass die Jugendlichen für ihr Leben stark werden? Fragen, die Professor Beate Herpertz-Dahlmann, Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Uniklinik Aachen, ihr gesamtes berufliches Leben lang als Forschungsschwerpunkt begleiten.

 Jetzt startete sie, in deren Klinik zurzeit 14 betroffene Jugendliche behandelt werden, ein, wie die Ärztin betont, „bundesweit einmaliges ambulantes Behandlungskonzept“. In langwieriger Planungsarbeit ist es ihr gelungen, alle Kostenträger und das Land NRW von dem Konzept zu überzeugen, bei dem die Betroffenen lediglich in der akut gefährlichen Phase stationär behandelt werden müssen.

Hohe Rückfallrate

Sobald wie möglich soll greifen, was unter dem Begriff „Home Treatment“ – also einer Behandlung zu Hause – alle Lebensbereiche der jungen Leute betrifft. Im Einsatz sind Ärzte, Psychologen, Ernährungsberater, Ergotherapeuten und Experten des Pflegedienstes, die den Patienten bereits aus der Klinik bekannt sind und nun den Außendienst übernehmen. Alle verfügen über eine spezielle Ausbildung und haben Erfahrung mit essgestörten Jugendlichen.

„Die Rückfallrate bei diesem Krankheitsbild ist mit etwa 50 Prozent erschreckend hoch“, berichtet die Klinikleiterin, die auf längere Sicht „Home Treatment“ auch bei anderen psychischen Erkrankungen einsetzen will. „Bei der Magersucht steigen die Zahlen, die Kinder werden immer jünger, elfjährige Mädchen sind keine Seltenheit mehr.“

Magersucht gilt als psychische Erkrankung mit der höchsten Todesrate – Infektionen und Multiorganversagen sind als Folgen des Hungerns keine Seltenheit. Durch die Gründung der Tagesklinik ist es gelungen, die Rückfallrate im Klinikum Aachen auf 20 Prozent zu senken. „Das ist aber noch nicht genug“, betont die Ärztin.

Lange Krankenhausaufenthalte, Heimweh, der Verlust von Kontakten und die Isolation verschlechtern bei diesen Patienten, die ohnehin sozial eher ängstlich sind und Gemeinschaft meiden, die Heilungschancen. Die Aussteigerrate ist bei den unter 15-Jährigen hoch.

Nach dem Klinikaufenthalt haben daheim die Eltern – meist die Mütter – die Sorge, etwas falsch zu machen, besonders beim Essen. Rasch baut sich deshalb Spannung und Unsicherheit auf, wo Gelassenheit nötig wäre. Dort setzt „Home Treatment“ an. Die Mitarbeiter des siebenköpfigen Klinik-Teams gehen einzeln in die Familie. Bis zu vier Einsätze pro Woche werden von der Krankenkasse finanziert. Bei den Treffen spricht der „Home Treatment“-Mitarbeiter mit dem Jugendlichen und den Eltern, unter anderem über das Essen und den Balanceakt zwischen dem Wunsch, dass das Kind zunimmt, und der Tatsache, dass man es nicht durch große Portionen bedrängen darf. Der Essensplan wird je nach Situation der Familie entworfen, um die gesunden Mengen auf den Tag zu verteilen.

Das ist eine Herausforderung – besonders dann, wenn sich Jugendliche vegan oder vegetarisch ernähren. „Wir gehen mit in die Schule, sprechen mit Lehrern. Viele Patienten haben ein großes Problem damit, in der Schule zu essen“, erläutert Beate Herpertz-Dahlmann. „Home Treatment“ kann ein Einkaufsbummel sein, die Hilfe, eine Kaffee-Einladung für Freunde vorzubereiten oder ein Blick auf das Lebensumfeld – wenn etwa zu viele Spiegel in der Wohnung hängen. Die Mitglieder des Teams, die nicht im weißen Kittel anreisen, lassen sich je nach Notwendigkeit etwas einfallen. „Die Eltern der Jugendlichen brauchen Unterstützung, sie leiden sehr“, versichert Beate Herpertz-Dahlmann. „Zugleich sind Eltern für uns die besten Therapeuten.“

Jugendliche im Alter zwischen elf und 18 Jahren können gegenwärtig in dieser Form behandelt werden. Das Projekt wird – finanziert vom Land NRW – wissenschaftlich begleitet, um Erfahrungswerte zu sammeln und noch präziser festzustellen, für wen „Home Treatment geeignet ist. „Es könnte ja auch sein, dass Eltern die Begleitung als Belastung empfinden“, sagt die Ärztin.

Zum Auftakt besuchte die NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) am Dienstag die Klinik. Erste Ergebnisse sollen bereits Ende 2017 vorliegen.

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