Höchstdeutsch, oder dat und wat? Drei Formen der Alltagssprache

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Georg Cornelissen: „Das Kind, das selbst nur Regiolekt und Hochdeutsch spricht, vermisst das Platt nicht. Aber die Oma, die niemanden mehr hat, mit dem sie in ihrer Mundart kommunizieren kann, die vermisst das Platt.“
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Profunder Kenner der Dialekte unserer Region: Georg Cornelissen. Foto: Franz-Josef Antwerpes

Bonn. Was passiert, wenn einer der berüchtigtsten Langsamsprecher des Rheinlands, unser Interviewer Franz-Josef Antwerpes, auf einen der profundesten Kenner der rheinischen Dialekte trifft, auf Georg Cornelissen? Ein amüsantes Streitgespräch zweier sympathischer Dickköpfe.

Herr Cornelissen, warum können die Rheinländer kein richtiges „sch“ sprechen und haben Schwierigkeiten mit dem Dativ?

Cornelissen: Das liegt in aller Regel an den Eltern der Rheinländer. Dieses „sch“ ist ja oft ein verunglücktes „ch“. Bis ins 19. Jahrhundert konnte jeder Rheinländer sein „ch“ wie in „ech“ oder „mech“, dann kam vom Süden her aus Mainz und Koblenz das „sch“ an dessen Stelle. Das hat sich bis heute gehalten.

Und was ist mit dem Dativ?

Cornelissen: Das mit dem Dativ ist den Niederländern zu verdanken. Vor 1000 Jahren hatten wir noch vier Fälle. Dann entwickelte sich im Westen des Deutschen Reiches, in den Niederlanden, eine Tendenz, Fälle zusammenzufassen. Statt Dativ und Akkusativ gab es nur noch einen Einheitsfall, auch heute noch im Niederländischen. Im benachbarten Rheinland sprach man dann nur noch den Akkusativ, statt „mir und mich“ nur noch „mich“. Das ist bis heute geblieben.

Wenn man in Aachen oder Köln vornehm sein will, sagt man statt „vierzich“ „vierzik“. Woher kommt das?

Cornelissen: Dort, wo wir am Ende eines Wortes „g“ schreiben, müssen wir im Hochdeutschen ein „k“ sprechen, zum Beispiel „Tag“. Es gibt nur eine Ausnahme, nämlich wenn dem „g“ ein „i“ vorangeht, dann muss ein „ch“ gesprochen werden, Beispiel „ewig“ gleich „ewich“ und „König“ gleich „Könich“. Das gilt natürlich auch für zwanzig, dreißig und so weiter. Der Rheinländer, der diese Regel nicht beherrscht, will es genau so richtig machen wie bei „Tag“ und macht es falsch. Er will damit gewissermaßen seine höchste Sprachkompetenz demonstrieren. Der Bayer macht es grundsätzlich umgekehrt: „Könik“, „ewik“.

Sie haben unlängst Nordrhein-Westfälisch als Muttersprache charakterisiert. Wenn Sie die paar gemeinsamen Ausdrücke als Beweis ansehen, dass Leute in Aachen und Porta Westfalica sprachliche Gemeinsamkeiten haben, ist das nicht ein bisschen an den Haaren herbeigezogen?

Cornelissen: Ich würde sagen, das ist an der „Pläte“ herbeigezogen. Es gibt eine ganze Reihe von gemeinsamen Wörtern, beispielsweise „Pläte“. Die Leute können kaum noch Platt, also tritt an dessen Stelle der Regiolekt, kurzum die „Dat-und-wat-Sprache“. Die führt dann zu vielen gemeinsamen Ausdrücken sowohl im Rheinland wie auch in Westfalen. Das Wort „Männeken“ kommt aus Westfalen und vom Niederrhein, ist aber auch vom Rheinland übernommen worden.

Warum sprechen Rheinländer wesentlich langsamer als zum Beispiel Hessen? Sind sie nicht genügend konzentriert, oder messen sie ihren Sätzen eine größere Bedeutung bei?

Cornelissen: Ihre These ist wissenschaftlich überhaupt nicht untermauert. Den von Ihnen genannten Unterschied herauszufinden, wäre natürlich spannend.

Habe mal gelesen, dass der Deutsche nur sechs Silben pro Sekunde spricht, der Spanier und der Japaner aber acht Silben, ohne dass Letztere mehr Inhalt bringen.

Cornelissen: Man müsste mal 100 Rheinländer und 100 Hessen testen, um Ihre absurden Schlussfolgerungen zu untermauern. Aber lassen Sie mich noch einwerfen: Es gibt Leute, die sprechen ganz langsam, und es ist alles Quatsch. Und es gibt welche, die sprechen ganz schnell und Sie würden Ihnen gerne weiter zuhören.

Ich kann keine Schnellsprecher ab, dann höre ich mir lieber den Quatsch an. Das strengt mich weniger an. Sie haben mir doch von vielen Tonbändern erzählt, die Sie aufgenommen haben und die voller Dialekt sind. Da können Sie doch mal die Silben zählen lassen.

Cornelissen: Eine interessante Anregung. Der Sache gehe ich nach, ich verspreche es Ihnen.

Man sagt, man kann dem Rheinländer zwei Mal eine Freude machen: erstens versprechen und zweitens halten. Denken Sie bitte daran! Ich lasse aber nicht vom Thema ab. Als Laie, aber auch als Viersener, also vom Niederrhein stammend, kann ich mir sozusagen als Schiedsrichter das Urteil erlauben, dass die Aachener noch wesentlich langsamer sprechen als die Kölner. Böse Zungen behaupten, die Eupener sprächen noch gemächlicher. Haben Sie wenigstens dazu Erkenntnisse, die meine Vorurteile bestätigen?

Cornelissen: Ich kann Ihre Vorurteile überhaupt nicht entkräften. Wir haben keine Kenntnisse dazu. Ich bin die Tage in Eupen, da werde ich mal genau hinhören.

Also, wenn ich einen Aachener sprechen höre, dann denke ich an Ulla Schmidt. Die spricht wirklich langsam. Gut, kann eine Ausnahme sein, aber denken Sie an den Südtiroler Konrad Beikircher. Der kann wie kaum ein Zweiter den Aachener Dialekt nachahmen, und den spricht er auch ziemlich langsam.

Cornelissen: Wenn Sie Ihre ganzen Vorurteile auf Ulla Schmidt und Konrad Beikircher konzentrieren, mögen Sie Recht haben, aber wissenschaftlich ist das nicht.

Was ist das für eine Wissenschaft, die nur schmale Erkenntnisse hat und die Hypothesen Dritter vermaledeit? Sie sitzen im Rheinland und wissen nicht alles. Ist das nicht eine Schande?

Cornelissen: Stellen Sie mir die richtigen Fragen! Dann könnte ich Ihnen mein Wissen beweisen.

Was reden die Leute eigentlich heute für eine Sprache? Wo wird noch reiner Dialekt gesprochen und von wem?

Cornelissen: Wir können heute bei den Rheinländern drei Sprachlagen unterscheiden. Die lokalste Sprache ist Platt oder Dialekt oder Mundart. Das ist dasselbe. Der Dialekt wird fast nur noch von älteren Leuten gesprochen. Am anderen Ende des Sprachrepertoires steht „Höchstdeutsch“. Höchstdeutsch ist, wenn jemand gelernt hat, alle Regeln, die ihm die Schule beigebracht hat, anzuwenden, zum Beispiel bei einem Vorstellungsgespräch. Hat er die Stelle bekommen, trifft er sich mit seinen Freunden und spricht „dat“ und „wat“, den Regiolekt. Beispiel dieser Sprachform ist: „Dat hab isch nisch gesacht.“ Man hat also drei Sprachoptionen, und es gibt Studien, die beschreiben, wann er welche Sprache wählt.

Wo und wann wird so gesprochen?

Cornelissen: Wenn jemand mit seinem Chef Höchstdeutsch spricht und zu Hause mit seiner Frau Regio­lekt, ist das eine sehr klare Sprachwahl. Der Regiolekt ist so was wie die Muttersprache, eine Sprache die man früh lernt und zwar nicht in der Schule, eine Sprache, die einem am leichtesten über die Zunge kommt, in der er sich wohlfühlt, eine Sprache, in der er auch schimpft. Beim Höchstdeutschen müssen wir immer den letzten Konsonanten mitsprechen, z. B. „nicht“ statt „nich“, „und“ statt „un“.

Ist der Regiolekt dann so etwas wie eine verkürzte Form des Deutschen?

Cornelissen: Ja, das ist richtig.

Wann wird eigentlich Hochdeutsch gesprochen?

Cornelissen: Natürlich auf der Bühne, im Radio und Fernsehen, bei geschäftlichen Anlässen oder wenn Sie die Leute überzeugen wollen, dass Sie zur Oberschicht gehören. Im Alltag herrscht der Regiolekt vor.

Gibt es auch ein Hochdeutsch mit regionalem Klang?

Cornelissen: Natürlich, das hat mit dem Akzent zu tun. Der kann jede Sprachform begleiten, sowohl das Platt wie auch das Höchstdeutsch.

Welche Auswirkungen haben Fremdwörter auf unseren Wortschatz? Früher waren es französische, heute englische Begriffe, die unseren Wortschatz verändern. Ist das eine Bereicherung oder Überfremdung der deutschen Sprache?

Cornelissen: In der heutigen Zeit der Globalisierung ist eine Sprache ohne Fremdwörter gar nicht denkbar. Es ist richtig, dass früher sehr viele französische Begriffe in unsere Sprache eingegangen sind, heute sind es Anglizismen. Beispiele: Trottoir, Portemonnaie, PC oder downloaden. Änderungen im Wortschatz berühren die Sprache als System nur ganz wenig.

Ich bin platt aufgewachsen und habe erst in der Schule Hochdeutsch gelernt. Habe heute noch Schwierigkeiten, Amsel zu sagen statt Merlenger, Löwenzahn statt Melkstöpp. Verarmt eigentlich die Sprache durch Fehlen des Dialekts?

Cornelissen: Eine Sprache kann nicht verarmen, aber eine Sprachgemeinschaft. Da muss man die Antwort nach Generationen getrennt geben. Das Kind, das eine Oma hat, die Platt spricht, und selbst nur Regiolekt und Hochdeutsch, vermisst das Platt nicht. Aber die Oma, die niemanden mehr hat, mit dem sie in ihrer Mundart kommunizieren kann, die vermisst das Platt.

Was ich nicht verstehe, ist, dass die Schweizer ihren Dialekt ausgesprochen pflegen und die Luxemburger sich verstärkt des Moselfränkischen bedienen, und bei uns wird alles mehr oder weniger zu einem Einheitsdeutsch.

Cornelissen: In der Schweiz und in Luxemburg hat die Gesellschaft dem Dialekt eine gesellschaftliche Funktion zuerkannt und zwar auch als Ausdruck der nationalen Identität. In der Schweiz hat der Dialekt nach dem Weltkrieg zugenommen, weil man sich so von Reichsdeutschland absetzen konnte.

Wie sieht es denn in den Kommunen aus? In Aachen gibt es einen Verein Öcher Platt und einen Mundartpreis. Retten solche Bemühungen auf Dauer unseren Dialekt?

Cornelissen: Die Antwort ist sehr einfach. Wenn der Dialekt zunehmen sollte, dann hören Sie das auf der Straße. Stellen Sie sich an den Elisenbrunnen und hören, dass der Dialekt zunimmt, dann ist der auf einem guten Weg. Haben Sie den Eindruck nicht, dann ist es so, wie es ist. Der Dialekt ist auch ein Kulturerbe, und so sind wir auch verpflichtet, dieses Erbe zu bewahren.

Letzte Frage: Fördert das Einheitsdeutsch nicht die beruflichen Chancen?

Cornelissen: Im Allgemeinen ja, aber es gibt Ausnahmen. Sie mit Ihrer Dativ-Schwäche haben es immerhin zum Regierungspräsidenten gebracht.

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