„Historische Graffiti” unter dem Gebälk

Von: Stephan Vallata
Letzte Aktualisierung:
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Rosetten, Pentagramme, Hämmer in digitaler Nachbearbeitung: Handwerker des späten 15. Jahrhunderts haben allerlei Zeichnungen in eine Wand des ehemaligen Nonnenklosters geritzt. Sie sind ein Zeugnis mittelalterlicher Alltagswelt.

Wenau. Der Putz bröckelt kein bisschen. So sieht echte Qualitätsarbeit aus. Made im Mittelalter. Dr. Ulrike Heckner spricht ganz gerne von Graffiti, wenn sie das beschreiben will, was in die Wand im Dachstuhl des ehemaligen Nonnenklosters eingeritzt wurde.

Natürlich weiß die Konservatorin des LVR-Amtes für Denkmalpflege im Rheinland, dass es sich nicht wirklich um Graffiti handelt.

Vor 500 Jahren hatte jenes anonyme Ausdrucksmittel urbaner Subkultur noch nicht seinen Siegeszug angetreten - schon gar nicht unter dem Kirchendach von St. Katharina. Wohl auch deshalb umgibt eine Aura des Rätselhaften den historischen Fund.

Ulrike Heckner und ihr Team haben längst schon Licht ins Dunkel gebracht und zwar im buchstäblichen Sinn: Jahrhundertelang überdauerten die Zeichnungen unentdeckt unter dem Gebälk des Gotteshauses.

Entstanden sind sie bei einer spätgotischen Baumaßnahme, wie die Denkmalpfleger nach intensiver Recherche herausgefunden haben. Die Wenauer Klosterkirche aus dem 12. Jahrhundert wurde unter der von 1492 bis 1506 amtierenden Magistra Margarete von Fleck - einer Art Äbtissin - umgebaut.

Dabei verschwand eine alte Außenwand unter dem neu errichteten Dachstuhl. Auf einer Fläche von 14 Meter Breite und bis zu 2,20 Meter Höhe hinterließen die beteiligten Handwerker Zeugnisse ihrer Tätigkeit, indem sie scheinbar nach Herzenslust Formen in den Putz ritzten: mit dem Zirkel konstruierte oder freihand gezeichnete Rosetten, Pentagramme, Hämmer und auch die ein oder andere „phallusartige Darstellung”.

Nach Meinung von Ulrike Heckner dienten die Zeichnungen einerseits wohl dem Zeitvertreib, andererseits waren sie aber auch Teil der Lehrlingsausbildung. „Das Überraschendste sind die mehr als 40 Hämmer”, findet die Konservatorin. Diese seien derart realistisch gestaltet, dass man sie als Zimmermanns-, Maurer und Schieferhämmer einzelnen Gewerken zuordnen könne.
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