Aachen - Historiker: Europa hatte für Karl keine Bedeutung

Historiker: Europa hatte für Karl keine Bedeutung

Von: Elke Silberer, dpa
Letzte Aktualisierung:
Johannes Fried
Johannes Fried ist emeritierter Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Frankfurt. Seine aktuellen Forschungsschwerpunkte sind Karl der Große und Schule im Mittelalter. Zum Jubiläumsjahr ist von ihm eine große Karlsbiografie erschienen. Foto: dpa

Aachen. Dem Frankenherrscher Karl der Große haftet noch immer der Mythos des ersten Europäers an. Tatsächlich erstreckte sich sein Reich von der Elbe bis zum Ebro. Dennoch war Europa für Karl kein Thema, wie der Historiker Johannes Fried im Interview der Nachrichtenagentur dpa sagte. Europa sei für Karl höchstens ein Kontinent gewesen. Am 28. Januar vor 1200 Jahren starb Karl der Große in Aachen, vermutlich an den Folgen einer Lungenentzündung.

Was macht Karl zu einem Großen der Weltgeschichte?

Erstens ist er ein großer Eroberer, langfristiger wirksam scheint mir seine Bildungsreform zu sein, seine Sorge für das intellektuelle Leben im Frankenreich. Die Erneuerung antiken Wissens im Frankenreich. Die Einübung des Lateins als Wissenschaftssprache schlechthin. Das sind Leistungen, die für die Welt von grundlegender Bedeutung geworden sind.

Karl selbst konnte aber nicht schreiben.

Die Zeit damals hat Lesen und Schreiben getrennt. Schreiben war Handwerk und keine freie Kunst. Lesen gehörte zur freien Kunst. Dass Karl der Große im reiferen Alter versucht hat, schreiben zu lernen, zeigt seine unbändige Neugier. Er will alles austesten, alles kennenlernen, was für seine Kultur von Bedeutung ist. Normalerweise hat man für das Schreiben seine Notare.

Karl wird immer noch als Europäer verstanden.

Europa hat für Karl den Großen keine Bedeutung. Es ist ein Kontinent, dessen Grenzen vage sind. Er kennt die nicht einmal ganz. Es ist ein antiker Kontinentalbegriff und der wird als Bildungswissen weitergegeben, nicht als politischer Handlungsrahmen.

Dennoch wird der Aachener Karlspreis in Anlehnung an Karl den Großen jedes Jahr für besondere Verdienste um die Einigung Europa verliehen.

Alle solche Preisnennungen sind in ihrer eigenen politischen Gegenwart entstanden. Dieser Karlspreis ist am Ende der 40er Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und in der Euphorie einer europäischen Einigung formuliert worden und darf für die damalige Zeit durchaus als legitimes Bemühen gelten. Von heute aus betrachtet ist das anders. Kaum ein Historiker der jüngeren Generation würde Karl noch in dieser Weise mit Europa in Verbindung bringen. Das sind überholte Konzepte. Die Bedeutung der Bildungsreform Karls des Großen für die europäische Zivilisation ist weiterhin gültig.

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