Herzinfarkt: Im akuten Notfall keine Zeit verlieren

Von: Annika Kasties
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Herzkatheterlabor: Bei Herzrhythmusstörungen werden hier unter Kontrolle Katheder durch eine Vene in das Herz geleitet. Mit elektrischer Stimulation können Störungen behoben werden. Foto: Imago/Jochen Tack

Aachen. Die Menschen in der Region sind im Falle eines Herzinfarkts gut versorgt – sofern sie rechtzeitig in das richtige Krankenhaus eingeliefert werden. Diese Meinung vertritt Jörg Christian Brokmann, Leiter der Notaufnahme der Uniklinik Aachen, und relativiert damit eine Studie der AOK.

Diese legt nahe, dass viele Herzinfarkt-Patienten in Deutschland nicht optimal versorgt werden. Der Grund sei, dass Rettungsdienste nicht ausreichend in die Notversorgungskette eingebunden seien, kritisiert Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes. „Der Rettungswagen sollte nicht das nächste, sondern das am besten geeignete Krankenhaus ansteuern, das den Patienten optimal versorgen kann.“ Dadurch würden sich meist noch nicht einmal die Transportwege verlängern.

Fünf Labors in der Region

Nach dem Qualitätsmonitor des Wissenschaftlichen Instituts der AOK und des Vereins Gesundheitsstadt Berlin verfügten etwa 40 Prozent der Krankenhäuser, die im Jahr 2014 Herzinfarkte behandelten, nicht über ein Herzkatheterlabor. Hochgerechnet bekommen dadurch knapp „22.000 Patienten pro Jahr keine optimale Versorgung, obwohl es in Deutschland sicher keinen Mangel an Herzkatheterlabors gibt“, erklärt Thomas Mansky von der Technischen Universität (TU) Berlin, einer der Autoren des Berichts.

Quer durch unsere Region gibt es solche Labors an fünf Krankenhäusern: Uniklinik Aachen, St.-Antonius-Hospital Eschweiler, Krankenhaus Düren, Hermann-Josef-Krankenhaus in Erkelenz und Medizinisches Zentrum der Städteregion Aachen in Würselen, wo es seit September 2016 ein Herzkatheterlabor gibt.

Für die Versorgung akuter Infarkte sollte die Untersuchung in einem Herzkatheterlabor Standard sein, sagen die Verfasser der AOK-Studie. Bei einem Herzinfarkt kommt es zu einem plötzlichen vollständigen Verschluss eines Herzkranz­gefäßes. Schnelles Handeln ist dann entscheidend. Denn das Gefäß muss innerhalb weniger Stunden wieder geöffnet werden. Dies geschieht in einem Herzkatheterlabor mit Hilfe eines Katheters, das ist ein dünner, biegsamer Kunststoffschlauch, der über die Ader eingeführt wird.

Nach Ansicht von Jörg Christian Brokmann ist die Dichte an Herzkatheterlabors in der Region „sehr gut“. Innerhalb von unter 45 Minuten sei eine Klinik mit einem entsprechenden Labor zu erreichen. An mehr Standorten seien diese auch nicht erforderlich, findet Brokmann. Schließlich sei neben der technischen Ausrüstung vor allem wichtig, dass die behandelnden Ärzte über die entsprechende Erfahrung verfügen. „Man braucht ein hohes Maß an Übung.“

Die Uniklinik Aachen und das St. Antonius Hospital Eschweiler sind zudem als sogenannte Chest Pain Units (CPU) – zu deutsch: Brustschmerz-Einheit – durch die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) zertifiziert. Das heißt, dass sie bestimmten räumlichen und diagnostischen Kriterien der DGK entsprechen und über spezielle Geräte zur Behandlung von Herzkrankheiten verfügen. Die Kriterien wurden erstmals 2008 publiziert.

Laut dem Qualitätsmonitor der AOK wurden 2014 in der Region insgesamt 4150 Herzinfarkte behandelt. 3083 oder 74 Prozent davon wurden an einem der fünf Krankenhäuser, die über ein Herzkatheterlabor verfügen, behandelt: 1102 an der Uniklinik Aachen, 839 in Eschweiler, 498 in Erkelenz, 345 am Krankenhaus Düren und 299 am Medizinischen Zentrum in Würselen.

Die Angaben wurden den Qualitätsberichten der Krankenhäuser von 2014 entnommen. Aktuellere Zahlen liegen nicht vor. Die wenigsten Behandlungsfälle weisen das Franziskushospital Aachen und die St.-Antonius-Klinik Wegberg mit jeweils 24 auf.

Von einer „nicht optimalen“ Versorgung von Herzinfarkt-Patienten an den restlichen zwölf Krankenhäusern in der Region dürfe man dennoch nicht ausgehen, teilt Helmut Schroeter von der AOK Rheinland/Hamburg mit. Denn Krankenhäuser, die selbst über kein Herzkatheterlabor verfügen, kooperieren bei der Versorgung ihrer Patienten eng mit anderen Kliniken.

So arbeitet zum Beispiel das Bethlehem-Gesundheitszentrum Stolberg mit dem St.-Antonius-Hospital in Eschweiler zusammen. Nach Angaben der AOK wurden in Stolberg im Jahr 2014 93 Herzinfarkt-Patienten versorgt. Untersucht und behandelt wurden diese jedoch laut der Sprecherin des Stolberger Krankenhauses am Krankenhaus in Eschweiler.

Das Stolberger Krankenhaus nehme zwar das Equipment in Eschweiler in Anspruch, die Untersuchung und Behandlung werde jedoch von dem eigenen Kardiologen aus Stolberg vorgenommen, sagt die Sprecherin Heike Eisenmenger. Ein ähnliches Modell besteht auch zwischen dem St.-Elisabeth-Krankenhaus in Geilenkirchen und dem Hermann-Josef-Krankenhaus in Erkelenz.

Längst etablierte Praxis

Der zentralen Forderung des AOK-Bundesverbands nach einer vernünftig organisierten Rettungskette stimmt Brokmann zu. Gefährlich werde es dann, wenn Patienten, bei denen der Verdacht auf einen Herzinfarkt bestehe, zur Diagnostik zunächst in ein Krankenhaus ohne die entsprechende Ausrüstung eingeliefert werden. Durch die anschließende Verlegung in ein anderes Krankenhaus gehe „wertvolle Zeit verloren“.

Brokmann betont jedoch, dass diese Praxis längst etabliert sei. „Der Rettungsdienst muss unabhängig von der regionalen Struktur eine optimale Patientenversorgung gewährleisten“, sagt Brokmann, der selbst jahrelang in Würselen im Rettungshubschrauber seinen Dienst leistete. „Bestimmte Krankenhäuser, die bestimmte Merkmale nicht erfüllen, sind für die Notfallversorgung sicher ungeeignet.“ Und das wüssten die Notärzte in der Regel auch.

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