„Herz und Motor der EU“: Sorge um deutsch-französische Freundschaft

Von: Angela Delonge
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Dürens Bürgermeister Paul Larue sieht Deutschland und Frankreich sowohl als Herz als auch Motor der Europäischen Union. Symbolbild: dpa

Aachen. Es war im Jahr 1959, als die Bürger der nordfranzösischen Stadt Valenciennes den Dürenern die Hände zur Versöhnung reichten. Das Ende des Zweiten Weltkriegs lag 14 Jahre zurück, das Jahr 1963, in dem Bundeskanzler Konrad Adenauer und der französische Staatspräsident Charles de Gaulle den legendären deutsch-französischen Freundschaftsvertrag im Pariser Élysée-Palast unterzeichneten, lag noch in weiter Ferne.

Es ist also nicht ganz von der Hand zu weisen, dass Dürens Stadtoberhaupt Heinrich Spies und sein Kollege Ferdinand Nicaise aus Valenciennes damals, 1959, eine gewisse Vorarbeit zum Élysée-Vertrag geleistet haben. Oder andersherum: Ohne die vielen deutsch-französischen Beziehungen auf bürgerschaftlicher Ebene wäre dieser Vertrag, der die über Jahrhunderte immer wieder aufflammende Feindschaft zwischen Deutschland und Frankreich beendete und Grundlage der heutigen Freundschaft ist, vielleicht niemals zustande gekommen.

Die Historikerin Claudia Hiepel sieht das jedenfalls so. Die Expertin für deutsch-französische Beziehungen an der Uni Duisburg-Essen sagt: „Der Élysée-Vertrag ist nicht der Beginn sondern das Ergebnis der guten Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg.“ Die Städtepartnerschaft zwischen Düren und Valenciennes als erste in der Region könnte also ebenso als Meilenstein bezeichnet werden wie der deutsch-französische Freundschaftsvertrag, der die beiden Länder seither vertraglich in vielerlei Hinsicht aneinander bindet.

„Wir waren sehr dankbar, dass die Franzosen nach der Barbarei im Zweiten Weltkrieg die Initiative ergriffen haben, um die Gräben zwischen unseren Völkern zuzuschütten“, sagt Paul Larue (CDU), der seit 18 Jahren Bürgermeister von Düren ist und die Partnerschaft der beiden Städte immer als äußerst aktive gelebte Gemeinschaft erlebt hat. Vereine, Schulen, Feuerwehrleute – auf allen Ebenen findet Austausch statt, und der ist auch nach fast 60 Jahren immer noch spannend, sagt Larue, der auch Mitglied im Rat der Gemeinden und Regionen Europas (RGRE) ist.

Diese Organisation, in der 60 nationale Kommunalverbände zusammengeschlossen sind, gibt es seit 1951 – gegründet von deutschen und französischen Bürgermeistern als Fortführung der Städtepartnerschaften auf höherer Ebene. Gerade in Krisenzeiten brauche es jedoch auch immer Menschen vor Ort, die für Versöhnung und Frieden sind, sagt Larue.

Völkerverständigung ist eben kein Selbstläufer, sagt auch Claudia Hiepel. Bürgerschaftliches Engagement als Motor der Verständigung findet sie wichtig. Gleichzeitig stellt sie ganz nüchtern und ohne Anflug von Kritik fest: „Städtepartnerschaften sind im Prinzip ein Elitenprojekt – getrieben und getragen von gebildeten Menschen mit Idealismus, die die jeweils andere Sprache sprechen.“

Doch gerade dieser Punkt macht Hiepel gewisse Sorgen. Immer weniger junge Leute haben Interesse an der jeweils anderen Sprache. Fehlt dann nicht irgendwann die Grundlage der so besonderen deutsch-französischen Beziehung, fragt Hiepel. Die Frage treibt auch Angelika Ivens um. In ihrem Leben ist Frankreich eine Konstante. Ivens ist französische Honorarkonsulin für die Region Aachen, Düren, Heinsberg und Euskirchen und leitet seit zwölf Jahren das Institut Français in Aachen. Außerdem kümmert sie sich seit fast 20 Jahren bei der IHK Aachen um eine deutsch-französische kaufmännische Ausbildung, die einmalig ist.

Auch Angelika Ivens muss feststellen: „Französisch ist leider nicht mehr das Lieblingsfach deutscher Schüler.“ Und umgekehrt gilt das fast noch mehr. Die große Frage, wie man trotzdem junge Deutsche für Frankreich interessieren kann, beschäftigt Ivens „täglich“. Sie ist sicher, dass das nur mit Hilfe neuer Kommunikationswege funktionieren wird: „Ich finde seit Jahren, dass wir uns da engagieren müssen“, sagt sie. Vielleicht so wie in Aachens Partnerstadt Reims, wo der Stadtrat gerade beschlossen hat, besondere partnerschaftliche Projekte finanziell besser zu unterstützen.

Dass die Förderung der deutsch-französischen Freundschaft allen so wichtig ist, hat einen Grund: „Deutschland und Frankreich sind sowohl Herz als auch Motor der Europäischen Union, ohne diese Freundschaft wäre Europa am Ende“, glaubt Paul Larue.

Sicher, es gab schon bessere Zeiten im deutsch-französischen Verhältnis. Politisch, wirtschaftlich, auch in der Flüchtlingsfrage gehen die beiden Länder immer öfter verschiedene Wege. Doch von Krise kann keine Rede sein, im Gegenteil. Angelika Ivens sieht sogar ein wachsendes Interesse Frankreichs an Deutschland, gerade wegen dessen wirtschaftlicher Erfolge. „Viele junge Franzosen kommen hierher, wollen Deutsch lernen und hier arbeiten“, sagt sie.

Einen möglichen politischen Richtungswechsel nach der Wahl in Frankreich sieht sie deshalb gelassen. Auch Paul Larue sagt: „Man kann niemandem, der demokratisch gewählt ist, die kalte Schulter zeigen.“ Claudia Hiepel vertraut vor allem auf die Kontakte, die durch den Élysée-Vertrag geregelt sind und „unabhängig von der Couleur einer Regierung gelten“. Es sei unvorstellbar, dass dieser Vertrag einfach ignoriert würde – selbst von Populisten.

Obwohl, mit dem früheren Sozialisten Jean-Luc Mélenchon sei nun noch ein markiger Linkspopulist auf der französischen Bühne aufgetaucht, dessen Reden auch von anti-deutschen Tönen durchsetzt seien, sagt Hiepel. Doch die Historikerin setzt einfach mal auf die Geschichte: „Aus jeder Krise sind die deutsch-französischen Beziehungen immer noch gestärkt hervorgegangen.“

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