Hereinspaziert, wir feiern unseren Tag der Einheit

Von: Christopher Gerards
Letzte Aktualisierung:
10086106.jpg
Erinnerungsaustausch: Das sind Elvira und Volkmar Gutsche aus Strauch in Sachsen und Agnes und Hubert Breuer (v.l.) aus Strauch in der Eifel. Foto: Christopher Gerards
10086113.jpg
Sie besuchen einander seit 1990. Foto: Christopher Gerards
10086108.jpg
Beim ersten Mal ist Hubert Breuer noch mit dem Auto gefahren, inzwischen nimmt er das Rad. Foto: Christopher Gerards

Strauch. Am Tag, als Deutschland wiedervereinigt wurde, hat Hubert Breuer in Simmerath-Strauch zwei Bäume gepflanzt, eine Buche und eine Eiche, und spätestens da ist Breuer ein Mann geworden, der die deutsche Einheit vorangebracht hat, zumindest ein ganz kleines bisschen.

Es gibt ein Bild von Breuer und den Bäumen, erschienen in unserer Zeitung, 4. Oktober 1990. Breuer, in Knickerbockern und Wandersocken, hält einen der Bäume fest, der Ortsvorsteher Arthur Johnen steht neben ihm und schaufelt Erde auf die Wurzeln. Unter dem Bild steht: „Bäume sollen in Strauch für die Einheit wachsen“.

Deutsche Einheit: Man kann nicht behaupten, dass die Republik ihre jüngere Historie zu wenig würdigte, besonders nicht in der ersten Oktoberwoche eines Jahres, die Umfrageinstitute vermessen dann ja gern den Stand der Einheit. Die Wiedervereinigung? Finden die meisten gut. Das Verhältnis der West- und Ostdeutschen? Nunja. Allensbach hat 2012 herausgefunden, dass 40 Prozent der Ostdeutschen die Westdeutschen geldgierig finden, arrogant, oberflächlich. Leser der Online-Ausgabe der „Mopo“ erfuhren ein Jahr später, dass „Wessis denken: Ossis heißen häufig Mandy, Cindy oder Enrico“. Und die Deutsche Welle sah 2013 „Mauern in den Köpfen – immer noch.“

Ein großes Wort, klein gestickt

Kann es sein, dass man in Strauch ein bisschen was lernen kann: wie deutsche Einheit funktioniert – und der Umgang mit Fremdem und Fremden ganz grundsätzlich?

Hubert Breuer ist etwas grau geworden in den vergangenen 25 Jahren, eine Hauptperson ist er geblieben. Samstag vor drei Tagen, die Wiese von damals, Breuer schleicht über das Gras und baut sich vor einem Halbkreis aus Menschen auf. Er ruft: „Liebe Straucher, liebe Gäste, wir stehen hier an einem historischen Ort.“

Die Bewohner von Strauch in der Eifel haben 1989 erfahren, dass es auch ein Strauch in Sachsen gibt. Sie treffen sich jetzt alle zwei Jahre, die Eifeler fahren nach Sachsen, die Sachsen in die Eifel, sie schlafen beieinander, sie machen Ausflüge, sie feiern Feste. So ist es auch an diesem Wochenende, 46 Menschen sind aus Sachsen gekommen, 34 mit dem Bus, 11 mit dem Auto und einer mit dem Fahrrad. Breuer wird gleich eine Tafel enthüllen, die an die „Partnerschaft“ erinnern soll. Die Menschen stehen im Halbkreis vor ihm, manche tragen dunkelblaue Kappen, goldene Buchstaben formen ein „Strauch/Strauch. Freundschaft seit 1989“. Man hat die Buchstaben klein sticken müssen, Freundschaft ist ja nicht nur ein großes, sondern auch ein langes Wort. Die Bäume verdinglichen diese Freundschaft, seit dem 3. Oktober 1990: eine Buche für 52152 Strauch, Gemeinde Simmerath, knapp 1200 Einwohner; eine Eiche für 01561 Strauch, Stadt Großenhain, 315 Einwohner. Die Buche und die Eiche sind gewachsen seither, nicht ineinander, aber ihre Äste berühren sich. Was für eine Symbolik.

Breuers Theorie ist, dass so eine Freundschaft von unten wachsen muss, wie die Bäume, und so ähnlich sagt es auch Klaus Schröder. Schröder sagt: „Es hängt ab von den Akteuren.“ Schröder ist Professor für Politikwissenschaft an der Freien Universität in Berlin und in Fragen der Ost-West-Befindlichkeiten nicht der thesenärmste Mensch. 2010 hat er ein Buch veröffentlicht, „Das neue Deutschland: Warum nicht zusammenwächst, was zusammengehört.“

Natürlich gebe es Vorurteile zwischen allen möglichen Regionen, sagt Schröder, zum Beispiel zwischen den Menschen im Norden und den Menschen im Süden der Republik. Größer als alle anderen seien aber die Unterschiede zwischen Ost und West. Schröder sagt: „Die Westdeutschen gucken von oben herab. Das liegt daran, dass viele Westdeutsche meinen: Weil ihr System erfolgreicher war, wären sie auch als Person besser.“ Die Ostdeutschen hielten die Westdeutschen dagegen oft für Dummschwätzer, für geldgierig und für eiskalt, sie fühlten sich zu kurz gekommen, obwohl diese Annahme mit Wirtschaftsdaten nicht zu erklären sei. Alter DDR-Witz: Warum gehen die Wessis 13 Jahre statt 12 zur Schule? Weil sie ein Jahr Schauspielunterricht nehmen. Haha. Es ist auch nicht so, sagt Schröder, dass sich die Vorurteile bald überleben, „die Vorurteile haben sich eher verfestigt“. Was kann man tun? Nun ja, sagt Schröder, „das löst sich dann erst auf, wenn die Leute etwas zusammen machen.“

Herr Minsel ist auf Schalke

Am Tag, bevor der Besuch aus Sachsen kommt, hat Hubert Breuer in seinem Esszimmer Platz genommen. Er hat renoviert, die Fotos von früher liegen jetzt im Keller, aber „ich hab‘ das alles noch im Kopp“. Breuer, 71, drahtig, Kinnbart, gehört zu den Menschen, die schnell unterschätzt werden, er sagt „dat“ und „weiß der Deuvel wat“, er spricht zudem sehr variantenreich über Bierkonsum. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Breuer wirklich alles im Kopp hat, er glaubt sogar zu wissen, welcher Sturm im Februar 1990 wütete: Sturm Wiebke. Dass Breuer von 1997 bis 2009 der Bürgermeister von Simmerath gewesen ist, erwähnt er nebenbei, ihn interessiert jetzt mehr das Jahr 1989. Hansi Minsel, sagt Breuer, den müsse man fragen, wie alles anfing. Aber Hansi Minsel kann man nicht fragen, wie alles anfing, Hansi Minsel ist auf Schalke, als man fragen möchte, Bundesliga schauen. Also: Hubert Breuer.

Er versinkt in seinem Esszimmerstuhl und krallt sich an den Lehnen fest. Da war also dieser Luftballon-Wettbewerb in Niederzier, sagt Breuer, ein Luftballon flog nach Strauch in Sachsen, zu Hansi Minsel. Hansi Minsel ist nach der Wende nach Niederzier gekommen, und weil Niederzier nicht weit von Strauch liegt, hat Hansi Minsel aus Strauch in Sachsen das Ortsschild von Strauch in der Eifel fotografiert. Ein Telefonat, dann beschlossen sie, aus der Eifel nach Drüben zu fahren, Ende Februar 1990 ist das gewesen, da gab es noch ein Drüben. Es fuhren, in einem weißen VW: Arthur Johnen, Bruno Löhrer, Raimund Löhrer und Hubert Breuer.

Zeitungsberichte, ein paar Fotos

Breuer hat einen Ordner vor sich ausgebreitet. Alte Zeitungsberichte, ein paar Fotos: Menschen in Daunenjacken, Trabis, Daten. 91, 93, 95. Berichte über seinen Sohn, der in Sachsen seine Frau kennengelernt hat. Berichte über Fahrradtouren, seit 1995 fahren ja ein paar Leute aus der Eifel die 720 Kilometer mit dem Rad nach Sachsen. Breuer blättert, Breuer liest, dann seufzt er: „Junge, Junge, Junge.“

Zum Programm an diesen Tagen gehört auch ein Rundgang durchs Dorf, Siegfried Lehmann hat ihn gerade beendet und steht im Pfarrheim von Strauch, auf seinem Kopf eine dieser „Freundschaft“-Kappen. Lehmann, 56, gehört nicht zu den der Welt verschlossenen Menschen, er hat sogar schon ziemlich viel gesehen von ihr. Im Juni ist er aufgebrochen, mit seinem Fahrrad, 22 500 Kilometer von Strauch in Sachsen bis nach Neuseeland. Lehmann sagt: „Joa, machen doch jetzt viele.“ In die Eifel ist er ein Stück mit der Bahn und mit dem Bus gefahren, aber zurück will er ausschließlich das Fahrrad nehmen, Ehrensache. Er wohnt das Wochenende über bei Dieter Herzog, 52, die beiden stehen jetzt um einen Tisch und trinken Pils aus der Flasche.

Das System, die Menschen

„Wir haben da gestern drüber gesprochen“, sagt Herzog, „und ich kann es bald nicht mehr hören: die Leute, die sich die Mauer zurückwünschen – das ist doch Quatsch.“

„War halt neu alles“, sagt Lehmann. „Der eine war euphorischer, der andere zurückhaltender. Irgendwie hatten die Leute sich eingerichtet, unser System war ja anders.“

Ja, sagt Herzog, „das System war anders, aber die Menschen an sich nicht.“

Dann trinken die beiden weiter ihr Pils.

Am Abend dann, beim Dorffest im Pfarrheim spielt der Trommler- und Pfeiferkorps, der Chor singt „Marmor, Stein und Eisen bricht“, und DJ Walter Offermann legt den Hitmix auf, Lou Bega, KC and the Sunshine Band, solche Sachen. Es wird gegessen, gelacht und geflirtet. Die Gäste aus Sachsen haben ein Geschenk mitgebracht, ein Luftbild ihres Ortes, sie überreichen es auf der Bühne. Und dann sagt jemand, dass die Menschen aus Strauch in der Eifel wieder nach Strauch in Sachsen eingeladen sind, an Fronleichnam in zwei Jahren.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert