Region - Herbergen im Wandel: Zimmer mit Aussicht statt Gemeinschaftsduschen

Herbergen im Wandel: Zimmer mit Aussicht statt Gemeinschaftsduschen

Von: André Schaefer
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Frisch renoviert: Die Jugendherberge im belgischen Eupen von außen. Foto: André Schaefer
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Sprichwörtliche Weitsicht ermöglicht dieses Zimmer der Jugendherberge Eupen. Foto: Harald Krömer
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Modernes Mobiliar, frische Farben: In Eupen und Nideggen gehört eine altmodische Ausstattung bereits der Vergangenheit an. Vielmehr könne man mit hippen City-Hotels konkurrieren, sind sich die Betreiber sicher. Foto: André Schaefer
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In der Jugendherberge in Nideggen fühlen sie sich wohl Meike Hamann, Emilia, Peter Lorke, Milla, Ralf Grossek (von links). Dafür sorgt Herbergsmutter Eva Friedrich. Sie ist der Meinung, dass die Anforderungen an Jugendherbergen erheblich gestiegen sind.

Region. Alexander Grosjean schaut lieber noch ein zweites Mal auf seine Getränkekarte. Ein kurzes Runzeln mit der Stirn, dann blickt er wieder hoch. „Hagebuttentee?“, fragt er. „Nein, den haben wir leider nicht.“

Für einen kurzen Moment ist es dem 43-Jährigen fast schon ein wenig peinlich – war er doch überzeugt davon, den Gästen seiner Jugendherberge so ziemlich jedes Getränk anbieten zu können. Noch einmal fragt er: „Warum ausgerechnet Hagebuttentee?“ Die Antwort auf die Frage gibt er sich wenige Sekunden später selbst. Er beginnt zu lachen, winkt ab und sagt: „Das sind doch alte Klischees.“

Recht hat er: Wer in heutigen Jugendherbergen nach Hagebuttentee fragt, um den auch noch im Stockbett zu trinken, geht überwiegend leer aus. Altmodische, oft spartanische Unterkünfte, das war einmal. Die Jugendherberge von heute befindet sich im Aufwind. Jugendherbergen 2.0 nennt man so etwas wohl.

Wer auf der Suche ist nach solch einer modernen Einrichtung, der landet früher oder später in Eupen. Schon von außen signalisiert das frisch renovierte Haus, dass Jugendherbergs-Klischees und Realität weit auseinander liegen. Moderne Fassade, top-isolierte Fenster und ein einladender Eingangsbereich. Und in dem steht Alexander Grosjean an diesem Vormittag ein wenig so, als begrüße er täglich jeden einzelnen Gast an der Eingangstür persönlich. Grosjean ist der Leiter der Jugendherberge, Herbergsvater hätte man ihn früher genannt. „Heute bin ich mehr so etwas wie ein Hotelmanager“, sagt er. Dann grinst er, holt eine weiße Karte aus seiner Hosentasche und öffnet die Tür. „Alles elektronisch“, sagt er. „Hier ist alles auf dem modernsten Stand.“

Vier Jahre lang war die Einrichtung in Eupen geschlossen. Für 2,6 Millionen Euro wurde sie in dieser Zeit kernsaniert, ehe sie vor wenigen Wochen ihre Neueröffnung feierte. Vorgesehen war, dass schon viel früher die ersten Gäste dort übernachten konnten. „Leider hat es etwas länger gedauert“, sagt Grosjean. Mittlerweile stört er sich nicht mehr an der Verzögerung der Eröffnung. „Hauptsache, es geht jetzt richtig los“, sagt er. Viel ist davon allerdings an diesem Tag nicht zu sehen, Gäste sucht man vergeblich. Der Speisesaal ist leer, die Betten unbenutzt. Grosjean hingegen bleibt gelassen, er sagt: „Es läuft jetzt allmählich an. Für die kommenden Wochen habe ich viele Buchungen.“

Insgesamt 104 Besucher finden Platz in der Eupener Jugendherberge, verteilt auf 28 Zimmer. Der Großteil von ihnen ist mit einem eigenen Badezimmer samt Toilette ausgestattet, Gemeinschaftsduschen gibt es nur noch auf einem bestimmten Flurtrakt. Wer alleine reist, erhält ein Einzelzimmer, zu zweit gibt es ein Doppelzimmer. Und das sieht fast schon ein wenig so aus wie in einem Mittelklassehotel. „Der Anspruch ist gestiegen, auch in Jugendherbergen“, sagt Grosjean.

Kostenloses W-Lan, behindertengerechte Zimmer, Tagungsräume und einen Aufzug für alle Etagen: Die Jugendherbergen, die in Belgien unter dem Oberbegriff Gîtes d’Etape zusammengefasst sind, müssen sich oft nicht hinter der Hotelbranche verstecken. Grosjean weiß das, er sagt: „Vieles hat sich im Bereich der Jugendherbergen getan. Aber einige Dinge sind auch geblieben.“

Wer verstehen will, was der 43-jährige Herbergsleiter damit meint, der muss nur einen Fuß in Zimmer 211 setzen. Dort angekommen, fühlt man sich tatsächlich ein wenig in alte Zeiten zurückversetzt. Drei Betten stehen unten, drei befinden sich jeweils darüber. Da ist es also, das gute alte Mehrbettzimmer, das an längst vergesse Erlebnisse erinnert. Für die meisten war sie damals aufregend, die erste Klassenfahrt. Alleine unterwegs, ganz ohne die Eltern. Der Reiz, auch noch am späten Abend heimlich und bloß unentdeckt von den Lehrern über den Flur zu schleichen. „All das soll es ja auch heute noch geben“, sagt Grosjean mit einem Lächeln im Gesicht. „Schulklassen sind und bleiben eine wichtige Zielgruppe für uns.“

Wer also nach dem Mehrbettzimmer fragt, der bekommt es auch. Im Gegensatz zu damals gibt es das Sechsbettzimmer in Eupen allerdings mit topmoderner Ausstattung. Grosjean formuliert es auch gerne so: „Bei uns gibt es im Haus nicht nur Steckdosen, der Gast hat an seinem Bett auch gleich einen USB-Anschluss für sein Tablet.“

Das Aufbrechen alter Klischees und die steigenden Erwartungen der Gäste: Auch das Deutsche Jugendherbergswerk (DJH) kennt diese Entwicklung. 550 Einrichtungen gehören dem gemeinnützigen Verein bundesweit an. Mit einer Marketingoffensive und einer groß angelegten Sanierung zahlreicher Häuser haben sich in den vergangenen Jahren immer mehr DJH-Einrichtungen zu preiswerten Alternativen zum City-Hotel herauskristallisiert. Eine Nacht mit Frühstück gibt es in der Regel schon für gut 20 Euro. Mehr als zehn Millionen Übernachtungen hat der DJH im vergangenen Jahr gezählt. Die Tendenz ist seit Jahren steigend. Besonders eine Zielgruppe hat die Jugendherberge in den vergangenen Jahren für sich gewinnen können: die Familien.

Meike Hamann, Peter Lorke und ihre siebenjährige Tochter Emilia sind so eine Familie. Zusammen mit Freund Ralf Grossek und seiner Tochter Milla sitzen sie an diesem verregneten Vormittag auf ihrem Fünfbettzimmer, das sie sich gemeinsam für vier Nächte in der Jugendherberge Nideggen in der Eifel teilen. „Tut uns leid, dass nicht aufgeräumt ist“, sagt Peter Lorke. Auf dem Tisch stehen ein paar Getränkeflaschen, auf den Betten liegen wild verteilt Klamotten herum. „Aber wenn wir ehrlich sind“, sagt Lorke“, muss ein Zimmer in einer Jugendherberge doch genau so aussehen. Kennen wir es nicht alle so chaotisch?“, fragt er und lacht.

Die fünfköpfige Gruppe kommt aus Essen, die freien Tage nutzten sie spontan für einen Kurzausflug in den Kreis Düren. Warum sie sich für eine Jugendherberge entschieden haben? „Die Frage ist doch, was der Vorteil an einem Hotel gewesen wäre“, sagt Ralf Grossek. „Eine Jugendherberge hat Charme, sie ist günstiger, man hat selbst hier ein eigenes Bad und fühlt sich nicht bloß als einer von vielen Gästen“, sagt Grossek. Auch das Gemeinschaftsgefühl unter den Gästen sei ein anderes. „Man lernt hier andere Gäste kennen, unternimmt mit ihnen etwas zusammen und hat einfach eine schöne Zeit. Im Hotel gibt es so etwas kaum“, sagt der Familienvater.

Es sind genau solche Aussagen, die bei Eva Friedrich für ein breites Lächeln sorgen. Friedrich ist die Leiterin der Jugendherberge in Nideggen. Auf ihrer Visitenkarte steht ihre Funktion exakt so geschrieben. Und Eva Friedrich legt großen Wert auf diese Bezeichnung. „Ja, die Anforderungen, eine Jugendherberge zu leiten, sind gestiegen“, sagt sie. „Aber als eine Art Managerin bezeichne ich mich deswegen nicht. Ich mag sogar den Begriff der Herbergsmutter. Das hat etwas Traditionelles. Und Tradition mag ich sehr“, sagt sie. Friedrich steht mitten im großen Speisesaal, der mit seinen rot-orangen Farben eine gemütliche Atmosphäre schafft.

Dort, wo zu den Frühstückszeiten oder beim Abendessen meist ein lauter Lärmpegel herrscht, ist es in diesem Moment ganz still. 188 Gäste finden Platz in der Einrichtung am Fuße der Burg Nideggen. „Der Großteil unserer Gäste ist tagsüber unterwegs. Das ist dann der Zeitpunkt, an dem man ein bisschen durchpusten kann“, sagt sie. Die Ansprüche sind auch im kulinarischen Bereich gestiegen. Neben der Übernachtung mit Frühstück bietet Friedrich ihren Gästen auch Vollpension als Verpflegungsmöglichkeit an. „Pizza- oder Grillabende organisieren wir oft. Wir lassen uns immer wieder etwas Neues einfallen“, sagt sie. Auch Firmen, die Tagungen veranstalten, begrüßt die Herbergsleiterin immer öfter.

„Jugendherbergen haben einen extremen Wandel vollzogen. Aber im Kern stehen sie besonders in Bezug auf Kinder und Jugendliche immer noch für eine Einrichtung mit einem pädagogischen Auftrag“, sagt Friedrich. „Wer bei uns einzieht, der erkundet den Wald, geht klettern, hat einfach einen erlebnisorientierten Urlaub in der Gruppe. Das war schon früher so. Und ich finde, das sollte auch in Zukunft so bleiben.“ Wer in der Jugendherberge Nideggen übernachtet, der betritt sozusagen eine Welt zwischen Tradition und Moderne. Eva Friedrich mag diese Mischung – sehr sogar. Der Blick auf die Getränkekarte sorgt daher bei der Verabschiedung auch nur bedingt für eine große Überraschung. Teetrinker gehen angesichts des vielfältigen Angebotes in der Nideggener Einrichtung jedenfalls nicht leer aus. Denn wer ihn möchte, der bekommt ihn hier sogar: den Hagebuttentee.

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