Heißer Herbst an der Tagebaukante: Kampf um jeden Meter Wald

Von: Elke Silberer, dpa
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Die Polizei spricht von Feindseligkeit und Hass, die ihnen entgegenschlagen. Foto: Carsten Rose

Aachen. Noch kreischen die Motorsägen nicht im Hambacher Wald. Obwohl die Rodungssaison schon am 1. Oktober begonnen hat. Der Energiekonzern RWE wartet noch eine Gerichtsverhandlung ab. Der Bund für Umwelt und Naturschutz hat gegen den Braunkohletagebau geklagt, will so die Braunkohlebagger stoppen und den Wald retten.

Eine der letzten Chancen für den Wald. Es ist eine trügerische Stille, wie im Gespräch mit dem Aachener Polizeipräsident Dirk Weinspach deutlich wird.

Wenn die Sägen wieder aufheulen, werden immer mehr Bäume im Kerngebiet des uralten und seit Jahren umkämpften Waldes krachend fallen. „Danach ist von dem Wald, wie er mal war, nichts mehr übrig”, sagt Weinspach. Das wissen die rund 150 Waldbesetzer in ihren Baumhäusern, das wissen aber auch Bürger aus Kerpen-Buir, die seit vielen Jahren mit legalen Mitteln für den Wald kämpfen. „Das wird in der Rodungssaison eine Auseinandersetzung um jeden Meter und darauf stellen wir uns ein”, sagt Weinspach.

Als die Aachener Behörde im vergangenen Jahr für das Rheinische Tagebaugebiet zuständig wurde, gab es solche Szenen häufiger: Molotow-Cocktails gegen RWE-Mitarbeiter, vermummte Gestalten, die plötzlich bedrohlich auftauchten, Steine gegen Polizeifahrzeuge. Die Aachener Polizei setzte auf Deeskalation, Gespräche, Transparenz und Kontaktbeamte. Die Strategie griff, die Zahl der Straftaten ging zuletzt auch zurück.

Das war gestern. Die Szene der Waldbesetzer hat sich verändert, beobachtet die Polizei. Ihre Ansprechpartner sind nicht mehr da. Die neuen Waldbesetzer sprechen in ihrem Blog eine klare Sprache: „Wir wollen keinerlei Polizisten im Hambacher Forst. Keine Kontaktpolizisten, kein Räumungsteam und keine Zivil-Spitzel.” Die Polizei spricht von Feindseligkeit und Hass, die ihnen jetzt entgegenschlagen: Wieder fliegen Steine und andere Gegenstände, sogar Pyrotechnik gegen Polizisten.

„Im Wald selbst haben wir durchaus eine gewaltbereite und gewaltorientierte Anarcho-Szene”, gibt Weinspach die vorläufigen Einschätzungen der Polizei wieder. Denen gehe es nicht um den Wald, das dahinterliegende Motiv sei Anarchie.

Die Leute in den Baumhäusern und Zelten setzten ihre eigenen Regeln durch. Weinspach schildert die Situation eines Journalisten, der sich unlängst in Begleitung eines Kontaktbeamten ein Bild von der Lage im Wald machen möchte. Beeindruckt vom bedrohlichen Auftreten und der nachdrücklichen Forderung löschte der Journalist schließlich die Fotos auf seiner Kamera.

Immer neue Barrikaden im Wald tauchen nach seiner Darstellung auf, immer neue Baumhäuser, es wird nach Erkenntnissen unterirdisch gegraben. Man könnte an Aufrüstung denken. „Die nennen das gallische Dörfer: Das ist jeder Meter irgendwie gesichert, mit Zelten belegt, mit Materiallagern”, sagt der Polizeipräsident.

In dieser Situation haben Aktionsbündnisse zum Welt-Klimagipfel im Hambacher Forst ein Camp für 2000 Teilnehmer (3.11.-6.11.) geplant. „Wir können auch November!” schreibt das Aktionsbündnis „Ende Gelände” in seinem Aufruf. „Wir lassen uns beim Kampf gegen die Klimazerstörung von ein bisschen Jahreszeit nicht abhalten.”

Die Polizei prüft nach eigenen Angaben einen möglichen Missbrauch des Versammlungsrechts: Bei Protesten im August hatten Tausende von einem Camp aus den Tagebaubetrieb Garzweiler mit Blockaden gestört. „Es gibt in Teilen der Szene die Einschätzung, dass man im August weit hinter dem zurückgeblieben ist, was man wollte”, sagt Weinspach. Nun wolle man „das eine oder andere” nachholen.

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