Aachen/Stade - Heilpraktiker-Treffen: Anklage wegen Drogenexzess steht bevor

Heilpraktiker-Treffen: Anklage wegen Drogenexzess steht bevor

Von: Angela Delonge
Letzte Aktualisierung:
12924697.jpg
Rettungseinsatz vor einem Jahr: Bei einem Heilpraktikerseminar in Handeloh war es zu einer Massenvergiftung gekommen. Foto: dpa

Aachen/Stade. Ein Jahr ist es jetzt her, dass sich im niedersächsischen Örtchen Handeloh bei einem Heilpraktiker-Treffen ein Drogenexzess ereignete, der bundesweit für Aufsehen sorgte.

Gegen die beiden Organisatoren des Seminars, den Psychologen Stefan S. und seine Lebensgefährtin, die Heilpraktikerin Anja W., die beide aus Roetgen stammen, könnte die Staatsanwaltschaft Stade nun Anklage zu erheben. Das teilte Oberstaatsanwalt Kai Thomas Breas am Freitag auf Anfrage unserer Zeitung mit.

Den beiden Therapeuten wird ein Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz sowie gefährliche Körperverletzung in 25 Fällen vorgeworfen. Die Frist für eine Stellungnahme der Verteidiger der beiden Beschuldigten sei am 31. August verstrichen, sagte Breas: „Wir beabsichtigen, in den nächsten Wochen Anklage zu erheben.“

Am 4. September 2015 nahmen die 25 Teilnehmer des Seminars die verbotene, amphetaminähnliche Psychodroge 2C-E (Aquarust) ein, die sollen Stefan S. und Anja W. als Organisatoren eines Heilpraktikertreffens im Örtchen Handeloh in der Lüneburger Heide den 25 Teilnehmern verabreicht und damit ausgelöst haben, bei dem es zu Wahnvorstellungen, Krämpfen, Luftnot und Herzrasen kam. 160 Rettungskräfte waren damals im Einsatz.

Das Heilpraktikertreffen hatte in einem Tagungszentrum mit dem Namen „Tanzheimat Inzmühlen“ in Handeloh stattgefunden. Dessen Geschäftsführerin hatte gegenüber Medien berichtet, dass die 24- bis 56-jährigen Seminarteilnehmer sich schreiend auf dem Boden gewälzt und sich übergeben hätten. Gleichzeitig hatte die Frau jeglichen Zusammenhang des Vorfalls mit den Grundsätzen ihres Hauses von sich gewiesen.

Die anschließenden Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft konzentrierten sich schnell auf das Therapeuten-Paar aus der Nordeifel, ihr Haus in Roetgen wurde durchsucht, ebenso ihre Praxen in Aachen. Es wurde Beweismaterial sichergestellt.

Der Verband Unabhängiger Heilpraktiker hatte sich umgehend von dem Vorfall distanziert. Bei dem Drogenexzess in Handeloh habe es sich weder um eine offizielle Heilpraktiker-Tagung, noch um ein Heilpraktiker-Seminar eines seriösen Verbandes, auch nicht um eine legitime Heilpraktiker-Veranstaltung gehandelt, sondern um eine zweifelhafte Randgruppen-Tagung. „Unserer Meinung nach hat hier unter dem Deckmantel der therapeutischen Prüfung der Versuch stattgefunden, Drogenkonsum zu legalisieren.“ Dem Vorgehen einer seriösen Studie sei hier zweifellos nicht entsprochen worden.

Stefan S. war viele Jahre in Aachen als Psychologe tätig, bis vor anderthalb Jahren betrieb er eine Praxis in einem ehemaligen Gutshaus an der Passstraße, in dem verschiedene therapeutische und medizinische Angebote zu finden sind. Auch Anja W.s Heilpraktiker-Praxis war unter dieser Adresse zu finden.

Stefan S. und Anja W. waren wohl keine unbeschriebenen Blätter, wenn es um bewusstseinserweiternde Drogen im Therapieeinsatz ging. Im Oktober vergangenen Jahres berichtete Reinhold Beckmann in seiner Reportagereihe „#Beckmann“ über die Hintergründe des Vorfalls in Handeloh.

Demnach weist das Paar seit Jahren auffällige Verbindungen zum umstrittenen Schweizer Arzt Samuel Widmer und der von ihm gegründeten, dem Schamanismus nahestehenden, „Kirschblütengemeinschaft“ auf. Widmer gilt als Verfechter der umstrittenen Psycholyse, bei der bewusstseinsverändernde Substanzen zu Therapiezwecken eingesetzt werden. Die „Kirschblütengemeinschaft“ wird von der evangelischen Kirche als „problematisch“ eingestuft, Kritiker stellen sie mit einer Sekte gleich.

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde stellt klar, dass „Psycholyse nichts mit Psychotherapie und Medizin“ zu tun hat. Präsidentin Iris Hauth sagt: „Wenn jemand zu diesem Zweck illegale Drogen verabreicht, ist das eine Straftat. Außerdem wird dabei dem Machtmissbrauch durch den Therapeuten Tür und Tor geöffnet.“

Samuel Widmer selbst hat Stefan S. in seinem 2013 erschienenen autobiografischen Buch „Bis dass der Tod uns scheidet – Psycholyse“ als seinen „Nachfolger“ für die Ausbildung von psycholytischer Psychotherapeuten in Deutschland bezeichnet. Zudem – so Beckmann – war der Roetgener vor rund zehn Jahren Schüler in Samuel Widmers „Meisterausbildung“, zusammen mit dem Berliner Arzt Garri R., der auch Heilpraktiker ausgebildet und 2009 für Schlagzeilen gesorgt hatte: R. hatte bei einer Therapiesitzung in Berlin illegale Drogen verabreicht – zwei Teilnehmer starben, sechs kollabierten.

Auch damals gab es eine Verbindung nach Aachen. Heilpraktikerin Regina K., wie S. und W. mit ehemaligen Praxisräumen an der Aachener Passtraße und heute in Roetgen tätig, hatte zwischen 1994 und 1997 Ausbildungsseminare bei dem Berliner Arzt besucht und diesen gegenüber der „Berliner Morgenpost“ damals als „superkorrekt“ bezeichnet. Garri R. wurde 2011 zu fast fünf Jahren Haft und lebenslangem Berufsverbot verurteilt.

Leserkommentare

Leserkommentare (2)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert