„Hausbesuche“ der ganz besonderen Art

Von: Michael Klarmann und Stephan Mohne
Letzte Aktualisierung:
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Einkassiert: Einer der Verdächtigen im Fall einer im „Darknet“ agierenden Aachener Drogenbande ist Timm M., ein Aktivposten der Neonazi-Szene. Er sitzt wie vier weitere Männer nach spektakulären Razzien in Aachen in U-Haft. Foto: Ralf Roeger
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Mit einem Großaufgebot hatte die Polizei zwei Wohnungen gestürmt und diese wie auch Autos durchsucht. Gefunden wurden kiloweise Amphetamine. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Timm M. hat sich passend gekleidet. „Hausbesuche“ prangt in dicken Lettern auf seinem T-Shirt einer bei Rechtsextremen beliebten Marke. Darunter zeigt ein Bild Spezialkräfte im Einsatz. Dass er tatsächlich einen „Hausbesuch“ eines Einsatzkommandos bekommen wird, kann der 34-Jährige natürlich nicht ahnen, als er sich an diesem Tag anzieht – obwohl sich Spezialkräfte und etliche weitere Polizisten zu diesem Zeitpunkt schon auf dem wenige hundert Meter entfernten Gelände des Technischen Hilfswerks in Aachen sammeln.

Und urplötzlich stehen schwer bewaffnete Polizisten in seiner Wohnung. Eine Blendgranate fliegt – und Timm M. ist wie seine Kumpanen, die sich mit ihm in dem Haus an der Ecke Trierer Straße/Eckenerstraße im Aachener Stadtteil Brand aufhalten, ruckzuck schachmatt gesetzt.

Timm M. ist nach Informationen unserer Zeitung einer der drei Männer, die bei dem spektakulären Großeinsatz der Polizei am Mittwochnachmittag im Ermittlungsauftrag der Aachener Staatsanwaltschaft per Haftbefehl einkassiert wurden. Der Verdacht: Die Männer sollen über Jahre einen schwunghaften Handel mit Drogen über das „Darknet“ – einen anonymisierten und nur mittels spezieller Software zugänglichen Teil des Internets – betrieben haben.

Verhaftet wurden überdies ein 23-Jähriger und ein 29-Jähriger. Neben der Wohnung an der Eckenerstraße stürmte die Polizei am Mittwoch in Brand noch eine Wohnung an der Buschstraße. Dort wurde auch ein Auto „auseinandergenommen“. Neben den drei Verhafteten wurden noch drei weitere Männer festgenommen. Gegen zwei von ihnen wurde am Donnerstag vom Haftrichter ebenfalls Haftbefehl erlassen, der dritte durfte nach Hause gehen.

Die Polizei hat mit dem Einsatz indes offenbar gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Denn zumindest Timm M. wird nicht nur verdächtigt, im großen Stil Drogendealer zu sein. Er ist ganz „nebenbei“ auch einer der aktivsten Köpfe der regionalen Neonazi-Szene (siehe Artikel unten). Sollte sich der Verdacht der Ermittler bezüglich des Drogenhandels bestätigen, könnte er bei einem entsprechenden Urteil vermutlich für ein paar Jahre die Neonazi-Szene höchstens von der Gefängniszelle aus beobachten.

Denn es ist offenbar einiges, was die Aachener Kripo da an Beweismitteln gegen die Bande zusammengetragen hat. Seit mehreren Jahren sollen die Männer als Drogendealer im „Darknet“ unterwegs gewesen sein. Dort sollen sie laut Jost Schützeberg, Sprecher der Aachener Staatsanwaltschaft, „verschiedenste Betäubungsmittel“ an Mann und Frau gebracht haben. Zu bezahlen waren die Bestellungen jeweils mit der digitalen Währung Bitcoin. Die Drogen brachten dann „praktischerweise“ Postboten, ohne dass die etwas davon ahnen konnten.

Lange Ermittlungsarbeit

Vor den „Hausbesuchen“ in Brand standen lange Ermittlungen, die 2014 über Europol und Bundeskriminalamt begannen. Die Aachener Kripo, die schließlich übernahm, geht nach ihrer Puzzlearbeit davon aus, dass die Gruppe alleine seit Herbst 2015 mindestens 20 Kilo Amphetamine vertrieben hat. Verkaufswert: minimum 160 000 Euro. Möglicherweise ist das aber nur die Spitze des Eisbergs.

„Das ist die Menge, die wir an Handelsaktivitäten bisher nachweisen konnten“, sagt Schützeberg. Einkassiert wurden bei den „Hausbesuchen“ auch etliche Beweismittel. Darunter laut Schützeberg mehrere Kilogramm Amphetamine, aber auch Computer. Die könnten Aufschluss über das Vorgehen der Verdächtigen im „Dark-net“ und die gesamte Dimension des Drogenhandels geben. Möglicherweise sind dort aber auch noch ganz andere Dinge zu finden.

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