Schinveld/Heerlen - Hat ehemaliger Arbeitsplatz dutzende Niederländer krank gemacht?

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Hat ehemaliger Arbeitsplatz dutzende Niederländer krank gemacht?

Von: Christopher Gerards
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Spurensuche: 2013 hat Henk Coort an seinem alten Arbeitsplatz Warnschilder fotografiert. Foto: C. Gerards, stock/Christian Thiel
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Als Mechaniker hatte er dort auch an M1-Abrams-Panzern gearbeitet. Foto: C. Gerards, stock/Christian Thiel
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Wo die ehemalige Militäreinrichtung in Brunssum liegt, erscheinen bei Google Maps viele Pixel. Foto: C. Gerards, stock/Christian Thiel

Schinveld/Heerlen. Um zu verdeutlichen, was bei ihm den Krebs ausgelöst haben könnte und warum das Verteidigungsministerium der Niederlande ihn entschädigen soll, hat Henk Coort einen Laptop auf seinen Terrassentisch gestellt.

Er klickt einige Fotos an, und auf dem Bildschirm erscheint sein ehemaliger Arbeitsplatz, eine Militäreinrichtung in Brunssum, gelegen an der Grenze zu Deutschland, betrieben bis 2004. Warnschilder sind zu sehen, „ein Sperrgebiet“, sagt Coort, die Fotos hat er 2013 aufgenommen. Es war die Zeit, als seine Krebsdiagnose drei Jahre zurücklag, Coort zunehmend von verstorbenen oder erkrankten ehemaligen Kollegen erfuhr und er letztlich beschloss zu klagen.

Panzer aus den Golf-Kriegen

Dutzende Ex-Mitarbeiter des niederländischen Verteidigungsministeriums, die an heute geschlossenen Militäreinrichtungen der Nato in den Niederlanden eingesetzt waren, klagen darüber, bei ihrer Arbeit giftigen Stoffen ausgesetzt gewesen und dadurch schwer erkrankt zu sein. Bei Rob Bedaux, Anwalt aus Heerlen, haben sich 61 Menschen gemeldet, 21 wollen klagen, auch Henk Coort.

Der Anwalt Yme Drost aus Hengelo schrieb am Montag auf Twitter von 30 Meldungen. Die Menschen leiden nach Aussage der Anwälte unter Krebserkrankungen, Schleimhautentzündungen, starker Müdigkeit, Kurzatmigkeit, Autoimmunerkrankungen oder ausgefallenen Zähnen und Nägeln.

Nach Darstellung niederländischer Medien geht es um fünf inzwischen geschlossene Nato-Depots: in Vriezenveen, Ter Apel und Coevorden im Nordosten der Niederlande sowie in Brunssum und Eygelshoven in Limburg.

Seit den 80er Jahren seien dort US-amerikanische Panzerdivisionen stationiert gewesen; es war die Zeit des Kalten Krieges, die Panzer sollten schnell nach Osten vorrücken können. Über Jahrzehnte warteten Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums dort außerdem US-Militärfahrzeuge, die in den Golf-Kriegen, in Afghanistan und auf dem Balkan zum Einsatz kamen.

Henk Coort, 56, hat von 1984 bis 2004 in Brunssum und von 2004 bis 2006 in Eygelshoven gearbeitet, als Mechaniker. Er habe dabei auch Filter ausgebaut, die die Besatzung der Panzer vor nuklearen, biologischen und chemischen Waffen schützen sollten. „Die Fahrzeuge waren im Krieg. Ich weiß nicht, was mit denen passiert ist“, sagt Coort.

Zudem habe er an den Militärfahrzeugen geschweißt, geschliffen und gebohrt. Bei den Arbeiten habe er lediglich einen Overall getragen, keine Handschuhe und in der Regel keinen Mundschutz. Er hält es für möglich, mit abgereichertem Uran, Benzin, Asbest oder Chrom(VI)-oxid in Kontakt gekommen zu sein. 2010 wurde bei ihm Speiseröhrenkrebs diagnostiziert, „und ich glaube, das kommt von der Arbeit an den Fahrzeugen“.

Andere Mitarbeiter sollen die Panzer mit einer Farbe besprüht haben, in der Chrom(VI) enthalten gewesen sei – „einer der wenigen Stoffe, von dem wir sicher wissen, dass er bei Menschen Krebs verursacht“, wie der Toxikologe Martin van den Berg in einem Fernsehbeitrag erläuterte.

Zwar hätten sie beim Färben einen Overall, Handschuhe und Schutzmasken getragen, sagte in demselben Beitrag ein ehemaliger Beschäftigter aus dem Depot in Brunssum, der heute an einer Autoimmunkrankheit leidet. Doch sei die Farbe durch die Maske gedrungen und habe den Arbeitern nach einer halben Stunde um den Mund geklebt.

„Da war nichts“

So wie Henk Coort es darstellt, ignorierten die Vorgesetzten Bedenken, die Mitarbeiter äußerten. „Wir haben immer wieder gesagt: Gebt uns Messgeräte. Aber die Antwort war: ‚Wir haben das schon geprüft: Da war nichts.‘“ Tatsächlich hätten 1999, 2001 und 2002 Untersuchungen auf den Depots stattgefunden, sagt Anwalt Bedaux, dem Kopien darüber vorliegen.

Dabei seien allerdings Chrom(VI)-Werte festgestellt worden, die deutlich über der gültigen Norm gelegen hätten. Bedaux geht davon aus, dass das Verteidigungsministerium als Arbeitgeber über die Gefahren Bescheid wusste. Denn Kopien der Gutachten seien dem Verteidigungs- und dem Gesundheitsministerium zugegangen. Am Schutz der Mitarbeiter habe sich indes nichts geändert.

Das niederländische Verteidigungsministerium untersucht die Sache zurzeit, wie eine Sprecherin am Mittwoch auf Anfrage unserer Zeitung erklärte. Es gebe bislang aber keine konkreten Hinweise dafür, dass die Mitarbeiter „strukturell gefährlichen Stoffen in Konzentrationen über der gesetzlichen Norm ausgesetzt wurden“. Fragen zu den Arbeitsbedingungen beantwortete die Sprecherin unter Verweis auf die laufende Untersuchung nicht.

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