Kerkrade - Hart wie Stahl: Die Holländer küren ihren Stärksten

Hart wie Stahl: Die Holländer küren ihren Stärksten

Von: Jan Mönch
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Das Metall biegt sich unter der Last, ein echter „Strongman” nicht: Auf dem Marktplatz von Kerkrade machten zwölf Qualifizierte unter sich aus, wer der stärkste Niederländer ist. Foto: Dolf Conraads

Kerkrade. Muskeln. Gewaltige, riesengroße Muskeln. Sie bilden gigantische Oberschenkel, deren Innenseiten sich beim Gehen aneinander vorbeizwängen müssen. Die Schenkel gehen über in kolossale Pobacken, groß wie zwei iberische Schinken.

Dann ein Kreuz wie ein Kleiderschrank, zwei Arme, die in Bärenpranken enden, und schließlich der berühmte Stiernacken. Diese Muskeln gehören Jarno Harms, der von sich behauptet, der stärkste Mann der Niederlande zu sein.

Unter anderen Umständen würde man Jarno Harms diese Behauptung ohne Zaudern abkaufen. Hier aber, auf dem Marktplatz von Kerkrade, stiefeln am Samstag noch elf weitere Niederländer von sehr ähnlicher Statur herum. Sie wollen Jarno Harms den Titel „Sterkste Man van Nederland” streitig machen. Die Veranstaltung hat nichts mit Bodybuilding zu tun, was schon durch die stattlichen Plauzen deutlich wird, die fast alle Teilnehmer mit wiegenden Schritten vor sich her schieben. In Kerkrade geht es um Kraft. Um rohe, brutale Kraft.

Shirts spannen trotz Übergröße über grotesk überdimensionierten Schultern, manche der Sportler brauchen Hilfe, um die Träger ihrer Kraftraumkluft darüber zu ziehen. Würde man Italiens Nationalstürmer Mario Balotelli seine berühmte Siegerpose aus dem Deutschlandspiel hier aufführen lassen - er stünde da wie ein Hänfling.

Erwartet hatten die Veranstalter rund 1000 Zuschauer - ein Soll, das zumindest über den Tag verteilt sicher erfüllt wird. Auf den Banden, die den Austragungsort des Spektakels einrahmen, wird für Proteinshakes und, tatsächlich, für Bandenwerbung geworben, vor Ort ist auch der niederländische Privatsender RTL 7. In den Pausen gibts Techno bei trommelfellzerfetzender Lautstärke.

So viel vorweg: Jarno Harms wird den Titel „Sterkste Man van Nederland” auch weiterhin auf seine Visitenkarte schreiben dürfen. In insgesamt sechs Disziplinen scheitern seine Widersacher, zum Beispiel dem „Log Lift”, in deutschsprachigen Fachkreisen auch als Baumstammheben bekannt. Der Baumstamm ist zwar aus Metall und nicht aus Holz, wesentlich ist aber das Gewicht. Mit 120 Kilo steigen die zwölf Niederländer ein, was verglichen mit den anderen Disziplinen ziemlich wenig ist. Allerdings wollen die 140 Kilo, die sich Runde für Runde in Zehnerschritten erhöhen, auch bis über den Kopf gestemmt werden. Bei 160 Kilo beginnen sich die Rücken unter den Stämmen zu biegen, die Beine zu zittern. Nicht alle schaffen es, und lassen die Last auf zwei Autoreifen niedersausen. Der Tagesrekord liegt bei 170 Kilogramm.

Der Blick gilt der Stoppuhr

Unglaubliche 420 Kilo bringt der Reifen auf die Waage, den die Kraftmeier später aufrichten und wieder umkippen. Hier geht um Zeit: Sieger in dieser Disziplin ist, wer den Reifen am schnellsten acht Mal hochgewuchtet hat. 420 Kilogramm wollen auch bei einer weiteren Kategorie bezwungen werden, bei der Yokerace: Hier hievt der Muskelprotz ein metallbeschwertes Gestell empor und legt damit 25 Meter zurück. Auch hier gilt der Blick des Schiedsrichters der Stoppuhr.

Wie solche Leistungen menschenmöglich sind, weiß Marcel Mostert. Früher schaffte er selbst beim Bankdrücken 200 Kilo, heute ist er Direktor der „Strongman Champions League”. Wer im Kraftsport auf das Niveau kommen möchte, das auf dem Kerkrader Marktplatz zu sehen ist, der müsse natürlich täglich trainieren, sagt Mostert. Und außerdem jede Menge essen. Erst bei 6000 Kilokalorien sollte sich das Sättigungsgefühl gegen den Willen durchsetzen - eine Menge, die man zum Beispiel dann vor sich hat, wenn man bei Burger King 20 Cheeseburger bestellt und mit Extraschinken belegen lässt. Wer ein echter Kraftsportler werden will, erfüllt das Quantum natürlich eher mit Nudeln, Reis, Eiern und Hühnchen. Wer schön sein will, muss leiden, wer stark sein will, muss essen.

„Total nette Kerle”

Doch nicht aus jedem Körper lässt sich ein echter Strongman formen, sagt Marcel Mostert. „Es ist wie in jedem Sport: Jeder kann auf ein gutes Niveau kommen, aber für die Spitze brauchst du natürlich großes Talent.” Dann lässt sich der Sport sogar professionell betreiben. So wie von dem aktuellen Ranglistenersten, Zydrunas Savickas, der aus Litauen stammt. Die Plätze zwei und drei werden von einem Iraner und einem Serben gehalten, nämlich von Laurence Shahlaei und Ervin Katona.

In Deutschland stoße sein Sport auf geringeres Interesse als in seiner Heimat, sagt Mostert. Während es in den den Niederlanden wöchentliche Fernsehübertragungen gebe, schaffe es das Gewichte-bolzen nur selten auf deutsche Bildschirme, schon gar nicht regelmäßig. Dementsprechend belegt Jarno Hams, der alte und neue stärkste Niederländer, in der Weltrangliste den siebten Platz, während der beste Deutsche Patrick Babaumian heißt und nur auf Platz 17 steht.

Ungesund sei die extreme Belastung für den Körper jedenfalls nicht, beteuert Marcel Mostert. Da sei extremer Kraftsport nicht anders als extremer Ausdauersport: „Wenn du untrainiert bei einem Marathon mitläufst, endest du im Krankenhaus. Wenn du trainiert bist, nicht. So ist es auch im Kraftsport.” Seit fast einem Vierteljahrhundert ist er in der Szene unterwegs. Was ihn dort hält? Auch die angenehme Atmosphäre. „Alles total nette und freundliche Kerle hier.”

Als Außenstehender ist das schwer zu beurteilen. Hält man sich im VIP-Bereich auf, ist es für normalgewichtige Mitbürger jedenfalls ratsam, nicht im Weg zu stehen. Starke Kerle brauchen zum Passieren Platz und verlassen sich dabei ganz auf die Verdrängungswirkung ihrer Körper. „Wat moet je?”, was willst du, blafft ein Glatzkopf im Kleiderschrankformat, als ein niederländischer Fotografenkollege die Kamera zückt. War das jetzt Spaß? Der Kollege ist sich da nicht ganz sicher, hakt aber nicht weiter nach. Besser man lebt in Unwissenheit, als überhaupt nicht mehr.

Vor dem Rathaus hat sich die Zuschauermenge, die das Testosteronspektakel verfolgt, mittlerweile deutlich gelichtet. Schuld daran ist ein plötzlicher Wolkenbruch. Nach einer längeren Pause - auch Männer aus Stahl mögen keine Erkältung - wuchten die zwölf Titelaspiranten nun Bierfässer und zusammengerollte Teppiche auf einen Anhänger.

An die Belastungsgrenze

Die Fässer bollern, die starken Männer gehen endgültig an die Belastungsgrenze. Bei manchen sind die Köpfe so rot, als wären sie Feuerwerkskörper, die jeden Augenblick explodieren. Es ist die letzte Runde, anschließend steht Jarno Harms als Sieger fest. Er hat sich auch für die internationalen Wettbewerbe der Strongman Champions League qualifiziert. Vielleicht wird er ja mal der Stärkste der Welt.
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