Lüttich - Harsche Kritik an den Rissreaktoren: „Was muss denn noch passieren“

Harsche Kritik an den Rissreaktoren: „Was muss denn noch passieren“

Von: Madeleine Gullert
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Erst vor wenigen Tagen war Tihange 2 wiederangefahren worden, trotz Kritik aus der Region. Symbolbild: Andreas Steindl Foto: Andreas Steindl

Lüttich. Die nordrhein-westfälische Landesregierung fordert das Aus für das belgische Pannen-AKW Tihange. „Merkel und das Bundesumweltministerium müssen jetzt Abschaltgespräche mit Belgien aufnehmen“, forderte NRW-Umweltminister Johannes Remmel am Samstag im Kurznachrichtendienst Twitter.

Er wolle die dauerhafte Abschaltung erreichen, teilte das Ministerium unserer Zeitung auf Anfrage mit. „Das Land NRW hat seine rechtlichen und politischen Möglichkeiten ausgeschöpft. Jetzt muss es darum gehen, den politischen Druck auf die Regierung Belgiens zu erhöhen“, sagte Remmel laut Ministerium.

Anlass war ein erneuter Zwischenfall in dem Atomkraftwerk bei Lüttich, das nur 60 Kilometer von Aachen und 90 Kilometer von Düren und Jülich entfernt liegt. Im Reaktorblock 1 brannte es Freitag am späten Abend im nicht-nuklearen Bereich, wie Anne-Sophie Hugé, Sprecherin des Betreibers Electrabel, auf Anfrage unserer Zeitung mitteilte. Daraufhin habe sich der Block in dem belgischen AKW automatisch abgeschaltet.

„Das ist ein üblicher Vorgang“, sagte Hugé. Gegen 22.35 Uhr habe sich der Vorfall ereignet, der Brand war im Stromschaltkreis entstanden, um 22.55 Uhr habe die Feuerwehr den Brand unter Kontrolle gehabt, wie Hugé erklärte. Der Vorfall habe aber weder auf die Arbeiter in dem AKW noch auf die Bevölkerung oder Umwelt Auswirkungen, hieß es weiter. Electrabel suchte das ganze Wochenende nach der Brandursache. Die Planungen zum Wiederanfahren sind dennoch schon in Gang.

Zeitgleich zum Brand erlitt am Freitagabend ein Angestellter im AKW Tihange einen Stromschlag, wie Hugé sagte. Der Vorfall habe laut Electrabel aber nichts mit dem Brand in Tihange 1 zu tun. Der Unfall sei auf einer anderen Etage passiert. Laut Electrabel habe der Arbeiter ein Kribbeln gespürt, sei dann ins Krankenhaus eingeliefert worden, weil das Protokoll dies so vorsehe. Der Mitarbeiter habe schnell wieder nach Hause gekonnt, sagte Hugé.

Es ist nicht der erste Vorfall in Tihange. Am 18. September war der Meiler zuletzt wegen technischer Probleme abgeschaltet worden. Die automatische Abschaltung erfolgte damals aufgrund eines Problems an einer Wasserpumpe im Reaktorblock 1. Der Reaktor war damals erst wenige Tage zuvor wieder in Betrieb genommen worden. 2014 musste Reaktorblock 3 wegen eines Brandes heruntergefahren werden.

NRW wäre von unmittelbar nach einem Unfall durch den radioaktiven Fallout bis weit ins Ruhrgebiet betroffen, hieß es weiter. „Seit Jahren nehmen die Probleme in den belgischen Atomkraft-Anlagen zu“, kritisiert Remmel. Die Bundesregierung kenne all diese Missstände und auch die Befürchtungen aus NRW. „Bisher hat die Bundesregierung Nordrhein-Westfalen aber im Stich gelassen“, sagte Remmel. Diese Haltung in Berlin müsse sich ändern. „Frau Merkel darf die Menschen in NRW nicht länger alleine lassen.“ Nun sei eine Kehrtwende in Belgien nötig, „damit endlich die Sicherheitsvorsorge höher gewichtet wird als die schnelle Dividende für den Betreiber“. Auch Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) forderte per Twitter, dass Tihange vom Netz müsse. „Endgültig.“

Am meisten Sorgen aber bereitet Politikern und Umweltaktivisten in Deutschland aber nicht der Brand im Reaktorblock 1, sondern der umstrittene Reaktorblock 2. Er war von März 2014 bis vergangenen Montag wegen Tausender Haarrisse im Reaktordruckbehälter abgeschaltet gewesen. Die belgische Atomaufsichtsbehörde FANC hatte nach monatelanger Prüfung am 17. November aber beschlossen, dass Tihange 2 und Doel 3, der sogar noch mehr Risse aufweist, wieder ans Netz gehen können. Betreiber Electrabel habe zeigen können, dass die Risse in den Reaktorblöcken keinen „inakzeptablen Einfluss“ auf die Sicherheit hätten. Tihange 2 läuft nun seit einer Woche wieder.

Auch die Vorbereitungen für das Wiederanfahren von Doel 3 bei Antwerpen, etwa 150 Kilometer von Aachen entfernt, hatten laut Electrabel etwas länger gedauert. Eigentlich hätte Doel 3 vergangenes Wochenende wieder angefahren werden sollen. „Das nun angepeilte Wiederanfahr-Datum ist Montag, der 21. Dezember“, also heute, sagte Anne-Sophie Hugé unserer Zeitung am Wochenende. Man habe sich selbst Transparenz verordnet und informiere offen über alle Vorfälle und Schritte, sagte die Electrabel-Sprecherin weiter.

Eine Bedrohung für die Region

Doch besonders in der Region Aachen, Düren, Heinsberg gibt es harsche Kritik an den Rissreaktoren. Der Dürener Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer (Grüne) setzt sich seit Jahren für ein Abschalten der Pannenmeiler ein. Am Samstag äußerte er sich erneut zu Tihange 2 und Doel 3: „Was muss denn noch passieren, bis dieser Schrott stillgelegt wird“, sagte Krischer, der den Betrieb von Tihange 2 und Doel 3 nicht zum ersten Mal als „russisches Roulette“ bezeichnete. Tihange bedrohe die Menschen in der gesamten Region.

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