Hans Schefczyk: Vom Traum des Ex-Fußballers

Von: Andrea Zuleger
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Ein Mannschaftsfoto aus alten Tagen bei der Alemannia: Ganz vorne links sitzt Hans Schefczyk. Unten links auf dem Schwarz-Weiß-Foto ist Hans Schefczyk heute zu sehen. Foto: Alemannia
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So sieht Hans Schefczyk heute aus. Foto: Transit Verlag

Region. „Der Bomber, der aus der Kneipe kam“, titelte die Bildzeitung mal über Hans Schefczyk, als er in den 70ern quasi aus dem Stand Stürmer in der Zweiten Bundesliga wurde. Bei Alemannia Aachen spielte der gebürtige Kölner auch.

Seit fast 20 Jahren lebt der 63-Jährige in Südfrankreich in der Nähe von Pau 100 Kilometer von der Atlantikküste entfernt in der Heimat seiner französischen Freundin und schreibt. Meistens Drehbücher, deren filmische Umsetzung ihm hinterher nie gefällt, aber auch mal was Journalistisches, wenn es bezahlt wird, und hin und wieder etwas ganz Eigenes.

„Ich schreibe, wofür ich bezahlt werde. Ein Arbeiter kann sich auch nicht aussuchen, was er gerade macht“, zeigt sich Hans Schefczyk klassenbewusst. Gerade ist sein zweiter Roman erschienen: „Das Ding drehn“, ein Krimi im bunten Berliner Transit Verlag.

Und das ist dann schon etwas Besonderes für den ehemaligen Fußballprofi. Schließlich entstand die Idee zu dem Buch, in dem es um den letzten großen Coup einer in der Auflösung begriffenen linksterroristischen Vereinigung geht, schon vor ungefähr sieben Jahren. „Es hat halt seine Zeit gebraucht“, sagt Hans Schefczyk dazu. Aber dafür sei „dieses Ding“ eben jetzt auch genau so, wie er sich das vorgestellt habe: „Ich stehe hinter jedem Wort, das da drin steht.“

Wenn Hans Schefczyk in irgendetwas wirklich Profi ist, dann darin, dem Leben überraschende Wendungen zu geben. Eigentlich hat er fast alles schon mal gemacht: Neben Fußballer war er Hobby-Boxer, hat als Türsteher und Barmann sein Geld verdient, hat Soziologie, Politik und Sport studiert und ist „zwischendurch in den 90ern mal so durch die Zeit getrudelt“, wie er es nennt. „Nur Taxifahrer war ich nie.“ Außerdem hat er ein Sport-Diplom in der Tasche, aber ausgerechnet in dem Beruf hat er nie gearbeitet. Als das mit der Fußballkarriere nicht wirklich erfolgreich zu werden versprach, hat er es mit dem Schreiben versucht. „Das mochte ich auch gerne“, sagt Schefczyk.

Dabei war das Fußballspielen eigentlich sein großer Traum. „Ich war ein unheimlich talentierter Junge – den ganzen Tag auf der Straße“, erinnert sich Hans Schefczyk. Doch dann kam der Bruch mitten in der Pubertät. Mit 15 Jahren hat er aufgehört zu spielen. „Ein riesengroßer Fehler“, sagt Schefczyk heute. Vielleicht der Fehler seines Lebens. „Wenn ich heute die Spiele des 1. FC Köln anschaue, dann würde ich meine Seele dafür hergeben, dort einmal mit auflaufen zu können. Ich weiß, ich hätte das Zeug dazu gehabt“, sagt er mit ziemlich viel Wehmut in der Stimme.

Er hat dann doch wieder angefangen: mit 22 Jahren, als ihn ein Kumpel für eine Thekenmannschaft angeheuert hat. Aus der Kneipenkickerei wurde schnell mehr. Hans Schefczyk wurde Torschützenkönig in der Amateurliga. Fußballvereine wurden auf ihn aufmerksam. So wie die Alemannia, die ihn in der Saison 77/78 holte. Aber so richtig Fuß gefasst hat Hans Schefczyk trotzdem nicht mehr in seinem Traumsport. „Ich war total naiv. Ich kannte den Sport als Vergnügen und als so eine solidarische Männerbündelei. Mit dem harten Konkurrenzkampf unter Spielern kam ich nicht zurecht“, sagt der Autor heute.

Außerdem war sein Körper das Pensum durch die lange Pause nicht gewohnt. Er war dauernd verletzt: „Letztlich habe ich dann nur vier Pflichtspiele bei der Alemannia absolviert.“ An Aachen denkt er dennoch gerne zurück und guckt auch heute noch – neben seinem Herz- und Heimatverein, den Kölnern – immer mal wieder im Internet, was die Alemannia so treibt. „Denn die Fans warensuper nett in Aachen, nur der Verein war nicht in Ordnung“, sagt Hans Schefczyk. Als er von der Insolvenz las, habe ihn das schon getroffen. „Aber als FC-Fan ist man ja Kummer gewohnt“, sagt er und lacht.

Aus der Traum: In den 80ern wurde Schefczyk Redakteur der Kölner Stadtrevue, dann war er auch mal freier Journalist für Zeitungen („Aber da verdient man nichts“), zwischendurch hat er fürs Fernsehen gearbeitet („In das Milieu passte ich aber nicht rein“), dann kam das Drehbuchschreiben dazu.

Dass Schefczyk beim Schreiben Bilder im Kopf hat, merkt man seinem Stil an. Kurze, schnelle Schnitte, kaum Details zu den Biografien seiner Hauptfiguren, das Augenmerk liegt auf einer packenden Story, nicht auf dem Warum. Der Titel „Das Ding drehn“ ist einem Rio-Reiser-Song entlehnt („Lass uns das Ding drehn“, 1986) und lässt einen umgangssprachlichen Straßenjargon vermuten.

Aber es ist gerade nicht der „Sound der Jugend“, wie die Berliner Tageszeitung über Schefczyks Buch schreibt, der sich hier zeigt. Dessen Stil ist bewusst hochsprachlich gehalten, aber so zurückhaltend, dass er eigentlich kaum auffällt und viel Raum für den Plot lässt – und auch für hintergründigen Witz.

Überhaupt hat Hans Schefczyk die Rezension aus der „taz“ geärgert: „Da wird mir mangelnde Distanz zu den Figuren vorgeworfen. Aber ich bin ja kein Journalist. Ich will meinen Figuren nahekommen und mich gerade nicht von ihnen distanzieren“, erklärt er.

Aber den Leser interessiert bei so einem Thema natürlich, wie er zum linken Terrorismus der 70er Jahre und zur RAF steht. „Ich bin kein Anarchist und war es auch nie. Im Gegenteil: Ich glaube, dass ein handlungsfähiger, demokratischer Staat wichtig ist, um die zerstörerischen Kräfte der Märkte zu zähmen. Und ich war auch nie ein Sympathisant der RAF“, betont Schefczyk. Dennoch hat die Geschichte auch viel mit dem Leben des Autors zu tun: „Ich bin in einem naziverseuchten Deutschland groß geworden. Die Jüngeren können sich nicht mehr vorstellen, was der Kulturbruch der 68er bedeutete.“

Und dem unterhaltsamen und gut gelaunten Schefczyk merkt man an, wie die Erinnerung ihn berührt. In seiner Kindheit sei er einmal sehr lange krank gewesen. „Im Krankenhaus wurde ich damals mit Riemen ans Bett gefesselt, meine Eltern durften nicht zu mir. Das dauerte fast ein Jahr lang“, erzählt Hans Schefczyk mit stockender Stimme.

An der Schule waren die Zeiten kaum besser gewesen: „An meinem humanistischen Gymnasium waren Prügel an der Tagesordnung. Einmal war mein Auge 14 Tage blutunterlaufen, weil ich so geohrfeigt worden war“, sagt er leise. Als dann plötzlich die Studenten angefangen haben, Rabatz zu machen, hätten sie das als Befreiung erlebt: „Die Studenten haben uns geholfen, dass das Prügeln an der Schule binnen fünf Monate aufhörte.“

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