Hans Günter Winkler: Der bekannteste deutsche Springreiter

Von: Helga Raue
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Ein Heimspiel für Hans Günter Winkler: Das Aachener Publikum erkannte den früheren Springreiter sofort, als er zur Eröffnungsfeier der Europameisterschaft in der Kutsche ins Stadion fuhr. Foto: Michael Jaspers
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Hans Günter Winkler 1975 mit seiner Wunderstute Halla. Mit ihr gewann er zuletzt 1960 in Rom Gold. Danach wechselte das Pferd in die Zucht. Halla starb 1979 mit 34 Jahren. Foto: sport/Werek

Aachen. Da war dieser Moment bei der Eröffnungsfeier, der den Organisatoren die Schweißperlen auf die Stirn trieb. Kaum hatte der Ordner am Schlagbaum Hans Günter Winkler in der Kutsche erkannt, gab er den Weg auch schon frei. Jenseits des auf die Minute festgelegten Protokolls.

Das Aachener Publikum erkannte seinen Helden sofort, es gab Standing Ovations, bevor der Sprecher Winkler auch nur vorstellen konnte. Der 89-Jährige ist immer noch der bekannteste deutsche Springreiter.

„Das war eine sehr schöne Feier, gekonnt gemacht“, freute sich Hans Günter Winkler, der mit seinem Patenkind in der Kutsche saß – Dressur-Olympiasiegerin Nadine Capellmann. „Es war sehr schön, mit ihr gemeinsam einzufahren, schließlich war ich mit ihrem Vater Kurt eng befreundet, habe während des Aachener Turniers quasi ein lebenslanges Wohnrecht auf Gut Heidchen.“ Hier am Stadtrand zwischen Aachen und Würselen ist der frühere Springreiter immer zu Gast, wenn er beim Turnier weilt.

So wie auch in dieser Woche wieder, denn die Heim-EM lässt sich der 89-Jährige natürlich nicht entgehen, für die Springprüfungen ist er in die Soers zurückgekehrt. Hans Günter Winkler und seine besondere Beziehung zu Aachen. „Aachen ist doch mein zweites Zuhause, das habe ich immer so gesagt und gemeint“, so Winkler. Ganz klar, dass er hier auch seine Karriere beendete. 1986 wurde er im Rahmen der WM verabschiedet – und ist unvergessen.

„Wenn ich heute mit Wagen komme, werde ich gleich von den Ordnern begrüßt. Nach Aachen zu kommen, ist immer, als wenn man einen Freund besuchen würde.“ Ein lieb gewonnener Pflichtbesuch für Winkler: „Ich muss lange überlegen, aber ich glaube, dass ich noch nie ein Turnier verpasst habe, auch nicht, als ich nach einem Sturz am Stock unterwegs war.“ Komplimente aus seinem Mund wiegen schwer. „Keine Veranstaltung in der Welt ist wie Aachen. Ich kenne sie alle. Ich bin überall gefeiert worden, weil ich überall schon gewonnen habe“, sagt Winkler zwinkernd, wohl wissend, dass dieser Aussage die Titulierung als immer noch „erfolgreichster Springreiter der Welt“ – gemessen an olympischen Medaillen – folgen muss.

Zwischen 1956 und 1976 gewann Winkler fünf Mal Olympia-Gold sowie je eine Silber- und Bronzemedaille. Hinzu kommen im Einzel zwei Mal WM- und einmal EM-Gold sowie eine Silber- und drei Bronzemedaillen. „Ich habe mit sieben verschiedenen Pferden Edelmetall geholt“, betont er mit berechtigtem Stolz.

Neben all seinen Erfolgen war es vor allem ein Ritt, der ihn weltberühmt und zu einer lebenden Legende machte – 1956 bei den Olympischen Spielen in Stockholm: Im ersten Umlauf riss Winkler sich einen Muskel in der Leiste, konnte nur mit schmerzstillenden Mitteln zurück in den Sattel. „Bei jedem Sprung schrie Winkler vor Schmerzen. Halla fühlte, was los war und sprang ohne Hilfe ihres Reiters, der sich nur mit Mühe im Sattel halten konnte“, wird überall in den Annalen geschildert. „Ein wenig mehr, als ihr nur den Weg zu weisen, musste ich schon tun“, sagt Winkler heute schmunzelnd.

In Aachen feierte der frühere Springreiter große Erfolge: 1955 wurde er in der Soers Weltmeister auf Orient, musste sich hier bei den EM 1958 und 1961 aber jeweils mit Einzel-Bronze auf Halla beziehungsweise Romanus zufrieden geben. 1958, da war der damalige Titelverteidiger von seinem Teamkollegen Fritz Thiedemann auf Meteor geschlagen worden. „Wir waren Freunde, wie Pat und Patachon. Während ich immer Offizier sein wollte, spielte Fritz den Landwirt“, blickt Winkler schmunzelnd zurück und setzt zwinkernd hinzu: „Er hatte immer die offene Tribüne, das Volk, hinter sich, ich die überdachte Tribüne, die Herrschaften mit Kragen, hinter mir...“

Die EM 2015, zumal erstmals in fünf Pferdesportdisziplinen an einem Ort, ist ein großes Event. Doch als so groß empfindet Winkler den Unterschied zu seinen Erfolgsjahren gar nicht. „Man muss das Championat im Rahmen seiner Zeit betrachten, Ende der 50er Jahre war die EM der Springreiter ebenfalls ein großes Event“, so der 89-Jährige, der auch den Hype um seine Person richtig einzuschätzen weiß. „Damals waren die Springreiter große Persönlichkeiten und überall bekannt. Heute gibt es viel mehr Springreiter, und auch die Spitze ist breiter geworden. Viele sind populär, aber sie ragen nicht so als Persönlichkeiten heraus.“

112 Springreiter aus 28 Nationen sind gemeldet – da ist die Frage nach den Favoriten selbst für den ausgewiesenen Fachmann schwierig zu beantworten. „Heute können alle guten Reiter, die ein gutes Pferd haben, gewinnen. Mir fallen sicherlich zehn Favoriten ein“, sagt Winkler, der den deutschen Springreitern gute Chancen einräumt. „Das sind vier Reiter und vier Pferde, die jeden Großen Preis und jeden Nationenpreis in der Welt gewinnen können. Von der Qualität her können sie an einem guten Tag die EM gewinnen.“ Morgen wird einer seiner Nachfolger in der Soers zum Einzel-Europameister gekürt – doch ob auch der in 50 Jahren noch auf den Turnierplätzen erkannt und bejubelt wird?

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