Handarbeit: Die Kunst des selbst Produzierens

Von: Gudrun Klinkhammer
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Aus alten Gebetsbüchern: Mehr als 1000 dieser Engel in verschiedenen Größen hat Therese Schiffmann schon gebastelt. Auch solche Figuren wie rechts zu sehen werden in Düren-Birkesdorf angefertigt.
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Stricken, häkeln oder Papierengel falten: Therese Schiffmann aus Düren-Birkesdorf bastelt mit anderen Frauen seit mehr als 40 Jahren für einen guten Zweck. Foto: Gudrun Klinkhammer

Düren. Wurde anfangs noch in der Pfarre gebastelt, finden diese Treffen seit 1990 inzwischen privat bei Therese Schiffmann statt. Montags sitzen heute noch einige Frauen beisammen, doch wird bei den Treffen eher geredet als gearbeitet.

Auf die Frage, wie viele Papierengel Therese Schiffmann in den vergangenen Jahren gefaltet und zusammengeleimt hat, sagt sie zunächst lachend: „Och, Jott weiß wie viele.“ Dann allerdings holt sie ein Blatt Papier, auf dem sie vieles aufgezeichnet hat, aus dem Schrank.

Unter anderem steht da die exakte Anzahl der Engel drauf. Mehr als 1000 Stück verließen bereits ihr Wohnzimmer, das gleichzeitig als Bastelzimmer dient. 514 kleine, 327 mittlere und 225 große Exemplare wurden gefalten, geklebt und mit einer Holzkugel versehen, die auf Kordel gezogen wird. Damit die Holzkugel nicht schnell „wieder flöten geht“, also von der Kordel herunterrutscht, wird das Loch in der Mitte der Kugel, durch das die Kordel läuft, mit Watte ausgestopft.

Motorisch gesehen handelt es sich dabei um echte Feinarbeit, denn nur mit der Spitze etwa einer ganz dünnen Häkelnadel und gezielten Mini-Bewegungen ist das Ausstopfen des Kugelkanals mit Nadel und Watte möglich. Therese Schiffmann ist 77 Jahre alt und gehört zu einem immer seltener werdenden Menschenschlag: „So, wie unsere Generation basteln und handarbeiten kann, das können beziehungsweise möchten die jungen Leute heutzutage gar nicht mehr. Das wird ihnen ja auch nicht mehr beigebracht.“

Von der Mutter gelernt

Die verheiratete Mutter von zwei Kindern und einer Pflegetochter lebte immer schon im Dürener Ortsteil Birkesdorf. Die ersten Handarbeiten schaute sie von ihrer eigenen Mutter Agnes Scholl ab, da war sie gerade mal fünf Jahre alt. Für ihre drei Töchter nähte Agnes Scholl viel, änderte die Anziehsachen immer wieder um und machte sie passend. Therese Schiffmann: „Mit fünf Jahren konnte ich stricken.“

1972 fand sich an St. Peter in Birkesdorf ein Handarbeitskreis zusammen. Da für Projekte im Ort Jaboticaba in der Region Bahia in Brasilien gebastelt wurde, nannte sich der Kreis „Jaboticaba-Kreis“. Rund 30 Frauen, erinnert sich Therese Schiffmann, strickten, nähten und häkelten zunächst Decken, Pullover, Jacken und Hosen, die sie dann nach Südamerika verschickten. Doch irgendwann wurde das Porto zu teuer. Da kamen die Jaboticaba-Frauen auf die Idee, einen Basar in Birkesdorf ins Leben zu rufen. Dort verkauften sie ihre Arbeiten und schickten fortan den Erlös auf die weite Reise.

Auch wurde der Jaboticaba-Kreis längst in den Arbeitskreis „Eine Welt“ der Pfarre St. Peter Birkesdorf integriert. Dafür arbeitet Therese Schiffmann, wie noch zwei weitere Frauen ebenfalls, rund ums Jahr zu Hause unermüdlich.

Nimmt sie eine Bastelarbeit wie die Papierengel in Angriff, dann setzt sie sich auf den Stuhl am Esstisch. Häkelt oder strickt sie, dann wird der weiche Sessel zur gemütlichen Arbeitsecke. Zu trinken gibt es Wasser oder Tee. Sekt kommt nicht in Frage: „Das gibt nachher schiefe Engel.“

Weggeschmissen wird nichts, Bekannte werden um Spenden, etwa Wollspenden oder Perlchen, gebeten. Schenkt der Betrachter den plissierten Papierengeln einen genaueren Blick, dann kommt er aus dem Staunen nicht mehr heraus, denn es handelt sich um Gebetbuchseiten, die da einer neuen Funktion zugeführt wurden. Ende 2013 wurde neue „Gotteslob“ in den katholischen Kirchen offiziell eingeführt, die alten Bücher wurden unbrauchbar und mussten entsorgt werden. Da kam Susanne Reuvekamp, Tochter von Handarbeiterin Christel Hensch, auf die Idee, die Seiten der alten Bücher herauszutrennen, sie wie eine Ziehharmonika zu falten und zu Engeln auszugestalten. Diese Arbeiten, die pro Stück zwischen einem und 2,50 Euro kosten, finden reißenden Absatz.

Immer haben die Bastelfrauen ein waches Auge, geht es um Tipps und Trends. Sie schauen sich permanent um, auch im Internet. Nichts wird weggeworfen, ohne nicht auf eine weitere Verwertbarkeit hin geprüft worden zu sein. So entstanden etwa auch Schirmtaschen. Geht das Gestänge eines Schirms kaputt, dann wird der Stoff einfach abmontiert und zu einer Tragetasche umfunktioniert.

Trends und Kosten

Besonders findig ist in dieser Beziehung Agnes Steinbüschel, die ihren Kolleginnen schon sehr viel Neues beibrachte. Häkelclowns, dekorierte Holzbrettchen, Mini-Sparstrümpfe, mal ist es „Old School“, also Arbeiten nach älteren Techniken, mal sind es ganz zeitgemäße Sachen wie mit Serviettentechnik beklebte Dachpfannen. „Jedoch“, sagt die Fachfrau: „Die aktuellen Trends sind oft sehr kostenintensiv. Aber Dachpfannen und Socken in allen Größen, das geht eigentlich immer.“ Überlegt wird ständig, was die Arbeiten kosten dürfen.

In der Regel sind es nur wenige Euro, die die Handarbeiterinnen veranschlagen. Der Materialwert wird möglichst gering gehalten, ihre Arbeitszeit rechnen die fleißigen Frauen nicht. Schiffmann: „Die Zeit darf man nicht rechnen, und auch das Geld, das wir manchmal in die Werke stecken, rechnen wir nicht auf, das sehen wir als Spende.“ In der heutigen gewinnorientierten Zeit sei das natürlich eine Frage der Sichtweise.

Doch sehen die Jaboticaba-Frauen auch einen Vorteil: „Man muss sich konzentrieren, das hält fit, und man hat immer etwas zu tun.“ Der Erfolg schwankt, auch daran haben sich die Frauen gewöhnt. Mal gibt es gute, mal magere Jahre. Unter dem Strich kommt jedoch immer noch etwas dabei für den guten Zweck heraus.

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