Hambacher Forst: Wo der Wald zum Kampfgebiet erklärt wird

Von: Marlon Gego
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Gerodeter Wald vor rauchendem Kraftwerksschornstein am Rande des Tagebaus Hambach: Dieser Teil des Hambacher Forsts wurde in den vergangenen Tagen und Wochen gerodet. RWE pocht auf sein Recht, die nordrhein-westfälische Landesregierung hat dem Konzern zuletzt erneut den Rücken gestärkt. Die Regierung sieht für die kommenden Jahrzehnte noch Bedarf für die Braunkohle. Foto: M. Gego
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Das ist Clumsy, Anarchist aus Österreich, der seit 2012 im Hambacher Forst in einem Baumhaus lebt. Foto: Gego
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Ein Foto wie im Bürgerkrieg: Aktivisten haben eine Zufahrt zum Tagebau Hambach verbarrikadiert und die Barrikade in Brand gesteckt.
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Die Rodungsarbeiten im Hambacher Forst werden nach Angaben des NRW-Innenministeriums täglich von bis zu 400 Polizisten geschützt. Foto: C. Rose
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Das Wiesencamp bei Merzenich-Morschenich aus der Luft: Dort leben die meisten Aktivisten, die für den und im Hambacher Forst kämpfen. Foto: Kistermann

Merzenich. An einem Morgen Anfang Dezember sondiert Clumsy wie immer zuerst die Lage, aus seinem Baumhaus heraus zählt er die Polizeiautos, die durch den Hambacher Forst fahren, schätzt, wie viele Polizisten wo im Einsatz sind, wo gerodet wird, wo er sich an diesem Tag wird bewegen können und wo nicht.

Die RWE-Arbeiter zerlegen an diesem Tag das westliche Ende des Waldes, die Kettensägen kreischen, Bäume fallen, manchmal vibriert der Boden. Die Motoren der Rückemaschinen, die die gefällten Bäume abtransportieren, dröhnen monoton, manchmal bis in die Nacht. Clumsy zieht seinen Tarnparka über, schnallt seinen Klettergürtel an und seilt sich ab. Ein neuer Tag im Hambacher Forst beginnt.

Die Reste des Hambacher Forsts am südlichen Rand des Tagebaus Hambach sind seit 2012 Kampfgebiet, es tobt ein Kampf der Ideologien: Umweltschutz gegen Braunkohleabbau, aber auch der Kampf von Mensch gegen Mensch und Mensch gegen Staat. Der Hambacher Forst ist europaweit zum Symbol einerseits für den Braunkohlewiderstand geworden, andererseits für die totale Machtlosigkeit einfacher Menschen gegen den Schulterschluss zwischen Konzernen und der Politik.

Die Aktivisten argumentieren mit dem Weltklima und der Zukunft des Planeten, die Politik mit Energieversorgung und Arbeitsplatzerhalt, der RWE-Konzern argumentiert mit geltendem Recht. Ein Szenario, in dem jeder auf seine Weise Recht hat und in dem es deshalb keinen Kompromiss gibt, jedenfalls bislang nicht.

Gekommen, um zu kämpfen

Clumsy, ein 28 Jahre alter Anarchist aus Österreich, war im April 2012 einer der ersten, die den Hambacher Forst als politisches Aktivitätsfeld entdeckten. Er zog mit ein paar anderen Menschen aus der alternativen Szene in den Wald, sie bauten Hütten, einen Tunnel und machten durch kleine Sabotageaktionen dem Tagebaubetreiber RWE die Arbeit etwas schwerer. Als Ende 2012 der Wald geräumt wurde, erlaubte ihnen ein Steuerberater aus Kerpen, auf seiner Wiese am Rand des Hambacher Forsts ein Camp zu errichten.

Noch immer glaubte die Kommunalpolitik an ein temporäres Phänomen, dem mit Polizeieinsätzen und einer Räumungsverfügung beizukommen sei; doch da war es schon zu spät. Die Aktivisten waren gekommen, um zu bleiben, vor allem um zu kämpfen.

Wer zu Clumsys Baumhaus will, muss durch das Wiesencamp bei Merzenich-Morschenich in den Wald, erst rechts, dann geht es links vorbei an der „Matratze“. Über Trampelpfade weiter zum „Jesus Point“, über einen mit Ästen markierten Weg nach „Beechtown“ und weiter nach „Oaktown“. Der Hambacher Forst ist in Abschnitte unterteilt wie ein militärischer Einsatzbereich, wie ein Kriegsgebiet, und spätestens seit vergangenem Jahr ist der Wald ziemlich genau das: ein Kriegsgebiet. Und Clumsy ist so etwas wie ein Soldat, der darin kämpft.

Wenn er durch den Wald geht, geht er nicht einfach nur, er beobachtet, erfasst, patrouilliert. Schaut, wie er an der Polizei vorbeikommt, um nicht in eine Personenkontrolle zu geraten. Schaut, dass er dem RWE-Sicherheitsdienst aus dem Weg geht. Die Polizei hingegen versucht, die Bewegungen der im Wald und im Wiesencamp lebenden Aktivisten zu registrieren, um vorbereitet zu sein, falls die Aktivisten etwas tun, das sie nicht tun dürfen. „Eine Aktion machen“, wie Clumsy es nennt. Ein sich täglich wiederholendes Katz-und-Maus-Spiel.

Doch Clumsy sagt: „Ein Spiel ist das schon lange nicht mehr.“

Seit der vergangenen Rodungssaison zwischen Herbst 2015 und Frühjahr 2016 eskalierte die Gewalt im Hambacher Forst, die Aktivisten warfen erstmals Brandsätze und schossen mit Steinschleudern, die das Gesetz als Waffen klassifiziert. Ein RWE-Mitarbeiter fuhr mit einem Pick-up auf einen Aktivisten los und verletzte ihn, die Staatsanwaltschaft ermittelt in mehreren Fällen wegen gefährlicher Körperverletzung.

Und auch in dieser Rodungssaison, die seit November läuft, bleibt die Lage angespannt bis kritisch. Bislang gab es brennende Barrikaden, Steinwürfe, ein vermutlich nach einem Angriff von der Straße abgekommenes RWE-Auto, verletzte Aktivisten, verletzte Polizisten, verletzte RWE-Mitarbeiter. Kein Frieden in Sicht.

An einem Vormittag Ende November versammeln sich einige Menschen im evangelischen Gemeindehaus in Kerpen-Buir, die Bürgerinitiative „Buirer für Buir“ hat Medienvertreter zum Gespräch eingeladen. Es gibt Brezeln, Brötchen und Apfelschorle, Andreas Büttgen, Vorstand der Initiative, hat eine Powerpoint-Präsentation vorbereitet. Der Vorstand hat einen Plan ausgearbeitet, wie man das Gebiet zwischen der alten und der neuen A 4-Trasse alternativ nutzen könnte.

Eigentlich gehört dieses Gebiet, in dem der Hambacher Forst, viele Felder und die Orte Morschenich und Manheim liegen, dem Energiekonzern RWE. Nach den Planungen von RWE wird dieses Gebiet zum Tagebau Hambach, es wird also weggebaggert. Doch Büttgen spricht von Ateliers, Museen und neuen Wohngebieten, die dort entstehen könnten. RWE solle sich schnell am Strukturwandel beteiligen anstatt weiter Braunkohle abzubauen, sagt Büttgen.

Die Waffe Aktivist

Aus Büttgen spricht nicht nur der um die Umwelt besorgte Bürger, sondern auch der betroffene Anwohner. Würde RWE seine Planungen für die nächsten Jahrzehnte umsetzen, käme der Tagebau relativ schnell auf Büttgens Haus zu: der Schmutz, der Lärm, der Staub. Büttgen vertritt also vor allem eigene Interessen, und er ist nicht allein. Der Steuerberater, auf dessen Wiese das Wiesencamp steht, der nicht möchte, dass RWE die Wiese wegbaggert. Die Landwirte, die ihre Felder behalten wollen anstatt irgendwo Ausgleichsflächen zu bekommen. Die Anwohner, die nicht aus ihrer Heimat vertrieben werden oder am Tagebau leben möchten.

Die vielen Menschen, die ihre partikularen Interessen gegen RWE durchsetzen wollen, haben seit 2012 nicht mehr nur Argumente, die sie ins Feld führen können. Sie haben nun etwas, das sie vorher nicht hatten: eine Waffe. Diese Waffe sind die Aktivisten im Hambacher Forst.

Seit 2013 sind nach Angaben des Innenministeriums etwa 1000 Anzeigen wegen Straftaten im oder am Hambacher Forst gestellt worden, im Durchschnitt fast eine Anzeige pro Tag. Doch nur in Einzelfällen kam es zu Verurteilungen, weil Polizei und Staatsanwaltschaft die Straftaten nicht verfolgen können. Entweder sind die Straftäter vermummt und werden nicht erkannt. Oder sie können festgenommen, aber nicht identifiziert werden, weil sie keine Ausweise bei sich tragen und sich die Fingerkuppen verätzt haben, so dass die Polizei keine Fingerabdrücke nehmen kann. Oder sie werden identifiziert, verlassen aber das Land. Dass so schwere Straftaten begangen werden, dass ein Haftbefehl erlassen wird, ist die Ausnahme.

Seit dem Frühjahr gab es immer wieder Gespräche zwischen allen Beteiligten: Bürgerinitiativen, einigen friedlichen Aktivisten, ihren Sympathisanten, Vertretern aus Politik und Kirchen – und RWE. Dass RWE zu Gesprächen bereit war, deren Ziel es sein sollte, den Frieden im Hambacher Forst wiederherzustellen, verdeutlicht, wie groß der gesellschaftliche Druck geworden, wie groß aber vor allem der Druck ist, den die bloße Anwesenheit der Aktivisten im Wald aufbaut.

Eine harte Währung

RWE mag die Hoffnung gehabt haben mag, dass einige der Gesprächsteilnehmer ihrerseits Druck auf die Aktivisten ausüben können. Dass sich so vielleicht der gewaltsame Protest verhindern ließe, dass die Aktivisten vielleicht ganz verschwinden. Doch spätestens seit Anfang November ist klar, dass diese Hoffnung vergebens war. Die Gewalt ist zurück im Hambacher Forst.

Die Polizei ist nicht sicher, ob die Straftäter und die im Wiesencamp lebenden Aktivisten identisch sind, schon weil die Fluktuation im Camp groß ist. Die Bewohner kommen aus ganz Europa, aus Spanien, Finnland, Österreich und Bulgarien, zum Beispiel. Manche sind einige Wochen lang da, andere wie Clumsy fast dauernd. Vielleicht sind es auch Linksextremisten aus Aachen, Köln oder Göttingen, die in den Hambacher Forst kommen und Krawalle machen, so wird es von Sympathisanten gern erzählt.

Doch Clumsy, der Anarchist aus dem Baumhaus, sagt: „Das sind schon wir.“

Nicht jeder einzelne sei ein Straftäter, weil nicht alle physische Gewalt gutheißen. Aber doch einige. Clumsy sagt, die gewalttätigen Aktionen, die das größte Medienecho hervorrufen, würden von kleinen Gruppen geplant, nicht im großen Plenum. Niemand wisse, was der andere plant. Selbst im Camp, sagt er, wisse der eine oft nicht, was der andere tue.

Clumsy stammt aus einem linken Elternhaus, sein Vater ist Politiker in der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ). Als Jugendlicher war Clumsy in der linksextremen „Antifaschistischen Aktion“ (Antifa) aktiv, dann war er Rettungssanitäter, dann begann er zu reisen. Er hat einige Zeit lang Häuser in Bristol besetzt und den politischen Aktivismus gewissermaßen zu seinem Beruf gemacht. Als er vom Hambacher Forst hörte, ist er ins Rheinische Revier gekommen. Er mag etwas sein, das Außenstehende als „Berufsdemonstrant“ bezeichnen, doch in der Sache ist es ihm bitterernst, so hat er es im Elternhaus gelernt. Seine Mutter, sagt Clumsy, sammele in einem Ordner alle Artikel, die mit dem Widerstand im Hambacher Forst zu tun haben. Die Eltern unterstützen, was er tut und wie er lebt.

Die Unterstützung in der Bevölkerung misst Clumsy in Lebensmittel- und anderen Spenden. Er sagt, in diesem Jahr sei so viel gespendet worden wie nie zuvor: Kleidung, Werkzeuge, Hygieneartikel, Guthabenkarten fürs Handy. Clumsy bezieht keine Sozialhilfe, wenn er schon gegen den Staat ist, sagt er, dann will er auch kein Geld von ihm. Seine Krankenversicherung bezahlen die Eltern.

Bei allem Kampf haben die Aktivisten und ihre Sympathisanten in der Sache nichts erreicht, aber eine Aufmerksamkeit bekommen, die der Braunkohlewiderstand selten zuvor hatte. Aufmerksamkeit ist eine harte Währung. Ein Artikel über den Hambacher Forst, den die Deutsche Welle Anfang Dezember für den englischen Sprachraum online stellte, wurde bislang mehr als 30.000 Mal gelesen.

Und was nutzt es?

Der frühere grüne Umweltminister Jürgen Trittin hat vergangene Woche ein Interview gegeben, es ging um die soeben bekanntgewordenen Pläne der Regierungsparteien in NRW, noch Jahrzehnte an der Braunkohle festhalten zu wollen. Trittin sagte: „Vor Wahlen schaut jeder auf seine Klientel. Doch auch wenn Frau Kraft und Herr Laschet jetzt jeden Abend mit ,Glück auf, der Steiger kommt‘ zu Bett gehen, wissen beide, dass die Braunkohle keine Zukunft hat.“

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