Hambacher Forst: Hat das kleine Waldstück eine Zukunft?

Von: Marlon Gego
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Der Tagebau Hambach bewegt sich auf die Reste des Hambacher Forsts zu. Foto: Benjamin Jansen
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Auf der anderen Seite des Forsts liegt das Wiesencamp, dessen Bewohner für den Erhalt des Waldes kämpfen. Foto: Benjamin Jansen

Aachen/Morschenich. Ins Wiesencamp am Hambacher Forst ist Dirk Weinspach vergangenes Wochenende nicht gegangen, er war nicht erwünscht, aber immerhin kam er mit einer Wiesencamp-Bewohnerin ins Gespräch.

Sie, die Aktivistin, sagte Weinspach, dem Aachener Polizeipräsidenten, im Camp hielten sich einige von Polizeieinsätzen traumatisierte Menschen auf, er möge Verständnis dafür haben, dass diese Menschen ihn nicht im Camp sehen wollten. Weinspach hatte Verständnis und machte einen Bogen um das Wiesencamp in Merzenich-Morschenich, über das seit Jahren so viel und so kontrovers diskutiert wird, und sprach trotzdem noch mit anderen Aktivisten, sogar mit Vermummten.

Die drei Interessenlagen

Am Wochenende beginnt im Wiesencamp wieder das sogenannte Skill-sharing-Camp, bei dem junge Aktivisten von erfahreneren konkrete Formen des Protests lernen sollen. Es geht um das Leben im Wald, um politische Bildung, um Widerstand gegen den Staat und Protest gegen RWE, den Betreiber des Tagebaus Hambach, an dessen Rand das Wiesencamp liegt. Die für den Tagebau Hambach und das Wiesencamp zuständige Aachener Polizei rechnet mit bis zu 120 Aktivisten, die täglich ins zwei Wochen dauernde Skill-sharing-Camp kommen werden.

Das diesjährige Skill-sharing-Camp findet zu einem Zeitpunkt statt, an dem so viel über den Hambacher Forst, die Aktivisten im Wiesencamp und den Tagebau Hambach diskutiert wird wie lange nicht, vielleicht sogar so viel wie noch nie zuvor. RWE spricht mit den Aktivisten, die Aktivisten sprechen mit der Polizei, die Polizei spricht mit RWE. Über den Inhalt der Gespräche ist Stillschweigen vereinbart worden, an das sich die Beteiligten tatsächlich auch halten. Die Interessenlagen sind jedoch auch ohne detaillierte Auskünfte relativ klar:

Die Aktivistenund ihre Sympathisanten möchten, dass mindestens der Hambacher Wald stehen bleibt und nicht für den Tagebaubetrieb gerodet wird.

RWE möchte ungestört den Tagebau betreiben und sicherstellen, dass Mitarbeiter nicht von Aktivisten angegriffen werden.

Die Polizei möchte, dass der Protest friedlich bleibt und weder RWE-Mitarbeiter noch Aktivisten gewalttätig werden und Straftaten begehen.

Das ist die Gemengelage, innerhalb der im Moment nach Kompromissen gesucht wird. Ein auch aufgrund der jahrelangen Auseinandersetzungen zwischen den Aktivisten und RWE kompliziertes Vorhaben. Letztlich geht es vor allem darum, einen tiefen emotionalen Konflikt zu überwinden und Wege für eine Annäherung zu suchen, die für beide Seiten gesichtswahrend sind.

Innerhalb der letzten Tage wurden drei offene Briefe veröffentlicht, zwei an RWE, einer an Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD). In allen wurde mehr oder weniger deutlich die Bitte formuliert, den Erhalt der letzten Reste des Hambacher Forsts zu ermöglichen. Die bevorstehende Rodungssaison solle ausgesetzt werden, um ein Jahr lang Zeit zu gewinnen, nach Lösungen für den Erhalt des Hambacher Waldes zu suchen. Noch haben diese Briefe nicht zum gewünschten Erfolg geführt, doch sie sind ein Indikator dafür, dass der Druck auf Politik und RWE steigt.

Dass RWE keine schnellen Zugeständnisse macht, ist aus Sicht des Konzerns verständlich, der für Zehntausende Arbeitnehmer verantwortlich ist. Arbeitnehmer, die zum Teil Bergbaudynastien entstammen, denen ihr Arbeitsplatz sehr viel mehr bedeutet als die Sicherung ihres Lebensunterhalts. Bergbau war und ist auch Identitätsstifter, zumindest in Bergbauregionen wie der nordöstlich von Aachen. Dennoch hat RWE auch aufgrund der wirtschaftlichen Misere, in der sich der Konzern befindet, begriffen, dass es nicht weitergehen kann wie bisher. Die teure Werbekampagne der RWE-Tochter Innogy, in der erneuerbare Energien „zum Wohle unserer Kinder“ propagiert werden, ist ein überdeutliches Zeichen dafür, dass bei RWE ein Umdenken begonnen hat. „Erneuerbare Energien sind die Zukunft“, heißt es auf der Innogy-Homepage. Die Firma soll demnächst an die Börse gehen.

Auf Anfrage unserer Zeitung erklärte RWE am Donnerstag abermals, aus betriebstechnischen Gründen sei es nicht möglich, die Rodung des Hambacher Forsts auszusetzen. Doch auf die Frage, ob RWE grundsätzlich bereit wäre, Zugeständnisse gegenüber den Aktivisten zu machen, antwortete RWE-Sprecher Guido Steffen: „Wir sind offen für Gespräche. Mehr möchte ich im Moment dazu nicht sagen.“

Ein Satz, der Hoffnung macht.

Während der vergangenen Rodungssaison waren die Auseinandersetzungen zwischen RWE-Personal und Aktivisten eskaliert, doch mehren sich die Anzeichen dafür, dass der Zenit der Auseinandersetzungen überschritten sein könnte. Nicht nur Michael Zobel, der seit zwei Jahren Besuchergruppen durch den Hambacher Forst führt, hatte sich im Gespräch mit unserer Zeitung erstmals öffentlich von jeglicher Form der Gewalt im Hambacher Forst distanziert. Auch innerhalb des Wiesencamps wird seit vergangenem Winter darüber diskutiert, ob der Gebrauch von Molotowcocktails, Fallen, Wurf- und anderen Geschossen wirklich eine angemessene Form des Widerstandes ist.

Staunen in Garzweiler

Wer Polizeipräsident Weinspach vergangenes Wochenende während einer von Zobels Führungen im Hambacher Forst oder Ende August beim Klimacamp am Tagebau Garzweiler beobachtet hat, konnte durchaus erstaunt sein. Immer wieder sprach Weinspach mit Aktivisten und ihren Sympathisanten, hörte zu, erklärte, stellte sich auch teils harscher Kritik. Am Ende dieser Gespräche waren manche Aktivisten sogar dazu bereit, Weins-pach die Hand zu geben. Wer ihn so sah, konnte den Eindruck gewinnen, es sei ihm ein Anliegen sicherzustellen, dass der friedliche Protest gegen die Braunkohleverstromung weiterhin stattfinden kann.

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