„Hallo erstmal...“: Comedy ohne erhobenen Zeigefinger

Von: Patrick Nowicki
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„Ich weiß nicht, ob sie‘s schon wussten“: Der Comedian Rüdiger Hoffmann würde gerne mal einen Psychopathen in einem „Tatort“ spielen. Foto: dpa

Aachen. Ganz entspannt, so wie man ihn auch auf Bühnen kennt, sinniert Rüdiger Hoffmann über sein aktuelles Berufsleben als Comedian. Der 52-Jährige kennt die Höhen und Tiefen des Geschäfts. Er spielte vor einer Handvoll Menschen in Kulturzentren und erlebte den Comedy-Boom in den 90er Jahren, als er plötzlich vor 80.000 Menschen im Stadion sprach.

Zwei Sätze sind bis heute, 30 Jahre nach dem Debüt des Paderborners, geblieben: „Ich weiß nicht, ob sie‘s schon wussten“ und natürlich der Beginn jedes Auftritts mit „Hallo erstmal“. Im Interview mit unserer Zeitung beschreibt er, warum er sich in seinem neuen Programm „Ich hab‘s nur gut gemeint“ selbst zitiert und 20 Jahre alte Passagen für ihn aktueller sind denn je.

Wie beginnen wir unser Gespräch? Hallo erstmal?

Hoffmann: (lacht) Ja, können wir gerne machen. Das ist schon einmal vorgekommen.

Diese Frage stellt wahrscheinlich jeder. Stört es Sie?

Hoffmann: Überhaupt nicht. Ich finde es eher erstaunlich, dass ich immer wieder danach gefragt werde. Warum soll mich das nerven? Ich komme auf die Bühne, sage diesen Satz und die Leute freuen sich, weil sie das kennen. Wer hat schon so einen etablierten Einstieg? Da besteht noch „Nabend allerseits“ von Heribert Faßbender. Helmut Karasek hat einmal gesagt, dass es „Hallo erstmal“ und „ich weiß nicht, ob sie es wussten“ in den deutschen Sprachgebrauch geschafft haben. Ich werde natürlich von Leuten auch auf der Straße oft so angesprochen. Aber das ist doch eine nette Art, ins Gespräch zu kommen.

Haben Sie in der Vergangenheit einmal einen anderen Anfang ihres Programms versucht?

Hoffmann: Nee, dieser Anfang war eigentlich vor 30 Jahren als Anti-Anfang geplant. Bei meinen ersten Auftritten wollte ich die Leute zunächst verunsichern. Ich war ja neu und fand es lustig, die Leute zu irritieren, wenn ich mit diesen Sätzen auf die Bühne komme. Am Anfang war noch Tumult und irgendwann haben sie verstanden, dass das meine Art ist. Als nach zehn Jahren mein Durchbruch kam, war es dann plötzlich der Kultanfang.

Wie viel vom Menschen Rüdiger Hoffmann steckt denn in der Bühnenfigur Rüdiger Hoffmann?

Hoffmann: Ich überzeichne schon, denke ich. Wenn ich komplett so wäre, wäre das schon schrecklich. Als ob ich beim Chinesen ständig nachzählen würde, ob es wirklich acht Kostbarkeiten sind oder nur sieben?!

Haben Sie eigentlich mal nachgezählt?

Hoffmann: (lacht) Das vielleicht schon, aber ich würde nicht die Bedienung darauf ansprechen. Es steckt also schon ein wenig in mir drin, aber kontrolliert.

Hält sich nach 30 Jahren auf der Bühne die Vorfreude auf den nächsten Auftritt nicht irgendwann in Grenzen?

Hoffmann: Witzigerweise überhaupt nicht. Je länger ich das mache, desto mehr Spaß macht mir das. Wenn man das so lange macht und die Zeiten erlebt hat, unglaublich viel vor unglaublich vielen Leuten in großen Hallen aufzutreten, dann genießt man es immer mehr. Dies spüren die Leute auch.

Sie haben in den 90er Jahren im Vorprogramm der Rolling Stones vor 80000 Menschen auf der Bühne gestanden. Waren Sie damit der Wegbereiter für heutige Comedians wie Mario Barth, Bülent Ceylan und Kaya Yanar, die heute Stadien füllen?

Hoffmann: Das kann man schon so sagen, auch wenn es blöd ist, wenn man das selbst über sich sagt. Aber sie haben ja gefragt. (lacht) Also Ingo Appelt hat dies sehr nett in seiner Sendung ausgedrückt, was mich sehr gefreut hat. Er sagte: Ohne Rüdiger wären wir alle nicht da, wo wir derzeit sind, er hat gezeigt, dass Comedy auch Rock ‚n‘ Roll sein kann.

Ihre ruhige Art hätte ich wenig mit Rock-Musik in Verbindung gebracht…

Hoffmann: Wenn man das in den großen Hallen erlebt hat, würde ich das dann als Rock ‚n‘ Roll bezeichnen im Gegensatz zum Kabarett, wie es früher einmal war.

Gibt es eigentlich Neid und Konkurrenzkampf unter Comedians und Kabarettisten?

Hoffmann: Wahrscheinlich schon. Irgendwie gönnt man manchem in seinem tiefsten Inneren den Erfolg nicht ganz so. Aber das hält sich in Grenzen. Wenn ich an Mario Barth denke, der ein Stadion füllt, dann hat das Gründe. Er kann die Leute unterhalten und sie sind nicht enttäuscht, wenn sie anschließend nach Hause gehen. Ich habe auch die großen Sachen erlebt und weiß, in welchem Hype man drinsteckt. Und dieser ist unglaublich anstrengend. Dafür zahlen Künstler wie Mario Barth auch einen Preis. Ich gönne wirklich jedem seinen Erfolg. Ich kenne niemanden, den ich ausschließen würde.

Das erspart mir eine spannende Nachfrage. Sie schreiben viele Ihrer Texte selbst, fürchten Sie nicht, dass Ihnen irgendwann die Ideen ausgehen?

Hoffmann: Nein. Das neue Programm ist nach vielen Jahren wieder eines, das ich komplett selbst geschrieben habe. Bei den Vorgängerprogrammen habe ich mit Co-Autoren wie Oliver Welke und Micky Beisenherz zusammengearbeitet. Die Leute in meiner Umgebung sagen mir, man würde deutlich spüren, dass es komplett aus meiner Feder stamme. Das Publikum bestätigt dies. Das ist jetzt 100 Prozent Rüdiger Hoffmann.

Dies bedeutet also, Sie ziehen nach wie vor Ihre Ideen aus dem Alltag. Warum?

Hoffmann: Weil ich dies am spannendsten finde. Vor allem im Zwischenmenschlichen spiegelt sich viel Komik wider. Wobei ich im neuen Programm auch zwei ältere Nummern integriert habe, weil sie wieder aktuell sind. Ich habe die Passagen vor 20 Jahren geschrieben, als in Deutschland Flüchtlingsheime brannten. Ich bin damals mit Jürgen Becker aufgetreten.

Sie haben das Thema Toleranz am Zusammenleben von Westfalen und Rheinländern aufgearbeitet…

Hoffmann: Es ist furchtbar, aber es geht. Genauso hieß auch das Programm. Fremde Kulturen können zusammenleben, ohne sich den Kopf einzuschlagen. Damals sind in meinem Programm die „anonymen Ausländerfeinde“ und der „Ausländerfreund“ entstanden, die ich im aktuellen Programm eingebaut habe. Ich habe an einer Stelle nur einen CDU-Politiker gegen einen AfD-Politiker ausgetauscht und die Pegida eingebaut - es funktioniert 100-prozentig. Dass man das so einfach austauschen kann, zeigt, was die AfD der CDU am konservativen Spektrum abgenommen hat.

Die grundsätzliche Geschichte bleibt also bestehen?

Hoffmann: Ja, in der Passage „Ausländerfreund“ beschreibe ich, wie jemand aus einem Haus ziehen muss, weil vor drei Generationen auch ein Franzose zu seiner Familie gehörte. Ich steigere mich dann so da rein, dass der Ein-Achtel-Franzose prophylaktisch angezeigt wird und aus dem Haus fliegt, obwohl er nichts gemacht hat, aber er steht ja wahrscheinlich kurz davor. In dieser Nummer kann ich wunderbar Ausländerfeindlichkeit darstellen. Sie zeigt im Grunde, wie Rassismus funktioniert, ohne dass ich den Zeigefinger erheben muss. An dieser Stelle bleibt dem Publikum schon manchmal das Lachen im Hals stecken.

Glauben Sie, dass Sie so auch die Leute erreichen, die rassistisch denken?

Hoffmann: Ich glaube, dass ich mehr erreichen kann, wenn ich in eine Rolle schlüpfe, als wenn ich von außen über ein Thema rede. So habe ich auch das Thema Wohnungsnot aufgearbeitet. Ich finde es dann interessanter zu erzählen, wie ich vergeblich eine Wohnung gesucht habe und dann in einer Speisekammer gelandet bin, anstatt zu sagen: Wohnungsnot ist schon blöd und da sollen die Politiker mal was machen. Andersrum erreicht man mehr, davon bin ich felsenfest überzeugt.

Sie haben einmal gesagt, dass sie bewusst kein Kabarettist sein wollen. Kann man heutzutage diese Grenze zwischen Kabarett und Comedy überhaupt noch so klar ziehen?

Hoffmann: Nein, das finde ich nicht. Dies war am Anfang meiner Karriere auch mein Problem. Dieses typische Kabarettpublikum konnte damals mit meinem Programm nicht viel anfangen. Es war ihm nicht politisch genug, es war ihm zu vordergründig. Comedy gab es einfach in dieser Form in Deutschland noch nicht. Ich habe das damals als Alltagstypen-Kabarett überschrieben, damit die Leute einen Begriff davon hatten, was sie erwartet. Nach zehn Jahren kamen dann im Fernsehen Sendungen wie „RTL Samstag Nacht“ auf, die genau das zeigten, was ich schon lange gemacht habe. In Amerika bestand so ein Format schon, aber das wusste ich nicht. Dazu hätte ich in eine Bibliothek gehen müssen, weil das Internet noch nicht existierte.

Worüber können Sie selbst denn lachen?

Hoffmann: Ich habe jetzt meinen Sohn Jonas eine Begebenheit erzählt. Ich hatte einen Mitschüler, der bis zum Abitur geglaubt hat, dass Ernie und Bert eigentlich Ernie und Bernd heißen. Dies ist erst durch Zufall rausgekommen. Darüber kann ich mein ganzes Leben lachen.

Sie haben mal den Wunsch geäußert, in einem „Tatort“ als Psychopath mitzuspielen oder eine eigene Comedy-Sendung zu moderieren. Wie weit sind Sie nun mit Ihren Plänen?

Hoffmann: Ach, die Sache mit der Comedy-Sendung würde ich mir wirklich wünschen, aber irgendwie scheint im Moment der Markt im Fernsehen gesättigt. Da bin ich auf jeden Fall noch nicht weitergekommen. Vielleicht kommt ja jemand auf mich zu. Es muss auch keine spektakuläre Sendung sein, sondern ich wäre einfach nur Gastgeber und die Gäste würden gute Wortbeiträge liefern. Ich fände gut, wenn so etwas auch aus Westfalen mal kommt, weil ich den Eindruck habe, dass das Rheinland im Fernsehen sehr stark repräsentiert ist.

Ein „Tatort“ aus Westfalen wird ja bereits auf ARD gezeigt, ist die Psychopathen-Rolle also wahrscheinlicher?

Hoffmann: Diese Rolle müsste man mir auch zunächst anbieten. Aber es stimmt, mit den beiden Ermittlern aus Münster würde es gut passen.

Als Westfale geht es für Sie am 8. Dezember ins rheinische Eschweiler. Wie Sie Ihr Programm beginnen, wissen wir. Aber wie endet es?

Hoffmann: Hm, indem ich auf der Bühne Sirtaki tanze und das Publikum mitklatscht.

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