Hätte verurteilter Vergewaltiger eine Fußfessel tragen müssen?

Von: Angela Delonge, Wilfried Goebels und Jonas-Erik Schmid
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Flucht aus dem „Früh“: In diesem Kölner Brauhaus nahe des Doms waren der Flüchtige und seine beiden Bewacher zu einem Mittagessen eingekehrt. Beim Gang auf die Toilette konnte der wegen mehrfacher Vergewaltigung verurteilte Straftäter am Mittwoch entkommen. Foto: dpa

Aachen/Köln. Der Mann, nach dem alle suchen, hatte sich den Ausflug in ein Kölner Brauhaus gewünscht. So erzählt es Reina Blikslager, Leiterin der Justizvollzugsanstalt Aachen. Warum ausgerechnet Köln? „Naja, er ist gebürtiger Kölner“, sagt Blikslager über den verurteilten Vergewaltiger, der schon seit Jahren in der JVA in Sicherungsverwahrung sitzt.

Ausflüge nach Aachen oder Würselen habe es schon gegeben. Da habe er sich immer tadellos verhalten. Am Mittwoch allerdings gelingt dem 58-jährigen Sexualstraftäter B. die Flucht, er entkommt bei einem Toilettengang. Die Szene spielt sich im Brauhaus „Früh“ ganz in der Nähe des Kölner Doms ab. Das bestätigt die Polizei, die sofort eine Großfahndung einleitet und die Bevölkerung warnt. Nach Lage der Dinge hat der Mann seine beiden Aufpasser von der JVA Aachen schlicht übertölpelt. Es ist eine Geschichte, von der nicht ganz klar ist, ob sie in die Kategorie der Skandale gehört oder eine tragische Kuriosität ist.

Die Flucht soll ersten Ermittlungen zufolge so abgelaufen sein: Bewacht von zwei Justizvollzugsbeamten aus Aachen bricht B. zu einer seiner sogenannten Ausführungen nach Köln auf. Vier pro Jahr stehen ihm gesetzlich zu, insgesamt acht hatte er bereits. Am Mittag kehrt die Gruppe im Brauhaus am Dom ein. Einer der beiden Aufpasser begleitet ihn irgendwann zur Toilette. Der Mann, der auf Fahndungsfotos einen Schnauzbart und nach hinten gekämmtes Haar trägt, geht dort in eine Kabine.

Der Beamte erleichtert sich auch

Dann geschieht wohl der entscheidende Fehler: Der Beamte stellt sich an ein Urinal und nutzt die Pause ebenfalls, um sich zu erleichtern. Nach Angaben der JVA dreht er der Kabine dabei den Rücken zu – und B. macht sich flugs davon, wohl durch das verwinkelte Brauhaus.

„Das hätte so nicht passieren dürfen“, sagt JVA-Leiterin Blikslager auf Anfrage unserer Zeitung. Es hätte mehrere Möglichkeiten gegeben in so einer Situation: zum Beispiel das kurzzeitige Anlegen einer Fußfessel für den Fall, dass die Toilettentür denn geschlossen sein sollte. Die Tür hätte zur Beobachtung auch einen Spalt offen bleiben können.

Eine elektronische Fußfessel, derer man sich im übrigen schnell entledigen könne, gehöre nicht zu den vollzuglichen Maßnahmen bei einer solchen Ausführung, sagt Blikslager und widerspricht damit Medienberichten, B. habe bei früheren Ausführungen Fußfesseln getragen. Eine Fußfessel umschließe beide Beine mit einer kurzen Kette, das sei bei einer Ausführung, die einen Spaziergang in einer Stadt beinhalte, nicht angebracht, sagt Blikslager und außerdem „hielten wir ihn nicht für so hochgradig fluchtgefährdet“. B. habe bei keiner seiner vorherigen Ausführungen Anlass zu dem Verdacht gegeben, dass er eine Flucht plane.

Das Justizministerium prüft derzeit, ob die Flucht durch „menschliches Versagen“ der beiden Sicherheitskräfte möglich wurde. „Das hätte so nicht passieren dürfen“, sagte Justizsprecher Detlef Feige. Disziplinarische Maßnahmen gegen die Justizbediensteten sind nicht ausgeschlossen.

CDU-Rechtsexperte Jens Kamieth forderte eine lückenlose Aufklärung durch das Ministerium. Für „befremdlich“ hält es Kamieth, dass ein Kellner im Früh erklärt hatte, dass der Häftling ohne Bewachung zur Toilette gegangen sei. Dagegen haben die Bewacher betont, dass ein Sicherheitsmann zeitgleich mit B. die Toilette aufgesucht habe. Beides wäre ein Verstoß gegen Sicherheitsauflagen.

Fest steht: Dem Mann steht ein Ausflug wie der nach Köln unter der Aufsicht von mindestens zwei Justizvollzugsbediensteten unter bestimmten Umständen zu. Nach dem Gesetz in NRW können Gefangene in Sicherungsverwahrung vier Ausführungen pro Jahr machen. „Solche Ausführungen sollen motivieren, an therapeutischen Maßnahmen teilzunehmen“, sagt JVA-Leiterin Blikslager. B. habe sich allerdings bisher allen therapeutischen Behandlungen verweigert. Trotzdem steht für die JVA-Leiterin fest: „Auch dann haben Straftäter ein Anrecht auf die vollzuglichen Maßnahmen – auch Sexualstraftäter.“

Das NRW-Justizministerium berichtet, der Mann sei einst wegen Raub, Vergewaltigung und sexueller Nötigung verurteilt worden. Seit 1999 saß er in Sicherungsverwahrung. Sie soll die Allgemeinheit vor Tätern schützen, die ihre Strafe zwar verbüßt haben, aber noch als gefährlich gelten. Gutachter müssen das stets aufs Neue bestätigen. In der JVA soll B. unauffällig gewesen sein. Er habe in der Kammer der JVA gearbeitet und etwa geholfen, die Wäsche dort zu verwalten, sagt Blikslager. Zu einer Therapie sei er allerdings bislang nicht bereit gewesen.

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