Aachen - Ground Zero: Ein emotional aufgeladener Ort

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Ground Zero: Ein emotional aufgeladener Ort

Von: Laura Beemelmanns
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Das One World Trade Center ist ein Bürokomplex und das höchste Gebäude der Stadt. Es wurde nach den Anschlägen erbaut. Die weiteren Gebäude wurden durchnummeriert. So gibt es auch das Two WTC und Three WTC. Foto: Robert Mehl
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Er hat den Blick für besondere Bauten: Der Aachener Architekt und Fotograf Robert Mehl. Foto: Harald Krömer

Aachen. Jeder Mensch, der ein gewisses Alter hat, weiß, was er am 11. September 2001 gemacht hat, wo er den Tag verbrachte, mit wem er zusammen war. Auch der Aachener Architekturfotograf Robert Mehl weiß das. Fast so, als wäre es erst gestern gewesen.

„Ich saß in meinem Atelier und habe Radio gehört und es lief ein Interview mit dem Musiker Farin Urlaub. Das wurde dann unterbrochen für eine kurze Nachricht. Danach lief das Interview weiter“, sagt er. „Es war ein Dienstag.“

Aus den kurzen Meldungen wurden dann aber längere. Irgendwann wurde das Programm sogar unterbrochen. Mehl schaltete den Fernseher ein und saß ab dann gebannt vor den Bildern, die um die ganze Welt gingen.

Am 11. September 2001 wurden drei Flugzeuge von jeweils fünf, eines von vier Tätern, zwischen 8.13 Uhr und etwa 9.30 Uhr Ortszeit entführt. Die Täter lenkten zwei der Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers (WTC) in New York City und eines in das Pentagon in Arlington, Virginia. Das vierte Flugzeug, das wahrscheinlich ein Regierungsgebäude in Washington treffen sollte, wurde nach Kämpfen mit Passagieren vom Piloten der Entführer bei Shanksville, Pennsylvania, zum Absturz gebracht. Durch die Anschläge wurden etwa 3000 Menschen in den Tod gerissen.

„Was Architektur leisten kann“

Robert Mehl hat sich nun – 15 Jahre später – auf den Weg nach New York gemacht. Anfang Juni diesen Jahres war das. Die Reise hatte er langfristig geplant. Denn er arbeitet jedes Jahr an dem Jahrbuch „Beton Bauteile“ mit und wollte sich den Ort, der immer noch großflächig umgestaltet wird, genauestens ansehen. Wie der Name des Jahrbuchs schon sagt, suchte er dort nach Betonbauteilen, um sie zu analysieren, zu dokumentieren und in dem Buch zu beschreiben. Tatsächlich gefunden hat er weniger Beton, dafür mehr Bronze und Granit. Aber auch einen Ort, der „emotional aufgeladen“ ist, wie Mehl sagt. „Es ist beeindruckend zu sehen, was Architektur leisten kann“, sagt er.

Nach den Anschlägen ist im World Trade Center Areal nichts mehr so, wie es einmal war. Die Twin Towers (Zwillingstürme), die einstürzten, mussten als Büroflächen ersetzt werden. Auch die umliegenden Gebäude wurden stark beschädigt und mussten abgerissen werden, sagt Mehl. Viel Geschäftsfläche, die verloren ging.

In erster Linie widmete man die Aufmerksamkeit jedoch dem Entstehen eines Ortes, der an das Schicksal der Toten erinnern sollte. Dort, wo einst die Türme standen, wurden daher riesige Wasserbecken mit Wasserfällen erbaut. Sie sollten die „Fußspuren“ der Türme darstellen. Am Rand der Becken wurden die Namen der Opfer auf Bronzeplatten eingraviert. Auf die Namen der Täter verzichtete man. Neun Meter sind sie tief und damit die größten von Menschen geschaffenen Wasserfälle der USA. Sie dienen heute als Erinnerungsstätte. Sie und der gesamte Bereich drumherum.

Überbleibsel aus Stahl

Er ist bekannt als „National September 11 Memorial and Museum“ und befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen WTC im Süden Manhattans, der nach den Anschlägen auch als Ground Zero bekannt wurde. Umrandet sind die Wasserbecken von einer Vielzahl von Bäumen. „Es ist ein offener, freundlicher und sehr grüner Bereich“, sagt Mehl.

Es gibt zudem ein unterirdisches Museum, in dem unter anderem Überbleibsel aus Stahl und mit Asche überzogene Kleidung ausgestellt wird. Zudem wurde ein kleiner Park errichtet, der den würdigen Namen „Liberty Parc“ (Park der Freiheit) trägt. Dort stand vor 15 Jahren das Deutsche-Bank-Hochhaus, das durch den Trümmerfall der Türme so sehr beschädigt wurde, dass es abgerissen werden musste.

Ebenso neu errichtet wurde der Bahnhof „Oculus“, der mit seinen weißen Stahlbalken an eine Friedenstaube erinnern soll. „Man versteht es, muss es aber begreifen“, sagt Mehl. Denn auf den ersten Blick sehe der Bahnhof aus wie ein großes, weißes Stahlkonstrukt, dessen Bedeutung man nicht sofort verstehe. Der von Architekt Santiago Calatrava gestaltete Bahnhof gilt als teuerster der Welt. „Amerikaner haben einen Hang zum Bombastischen“, sagt Mehl. Dort gebe es kaum Beschränkungen – vor allem nicht im Preis.

Eröffnet wurde der Bahnhof erst in diesem Jahr. Geschäfte gibt es darin nur sehr wenige bislang. Dabei, so sagt Mehl, solle es eine unterirdische Shopping-Mall werden. Aber auch dieses Gebäude hatte – wie nahezu alles am Ground Zero – eine sehr lange Bauzeit.

Mehl hat eine Woche in New York verbracht. War täglich mehrmals dort, wo vor 15 Jahren die beiden Türme standen. Er hat sich alles genau angesehen, viele Bilder zu verschiedenen Tageszeiten gemacht und mit Architekten gesprochen. Es ist eben ein besonderer Ort, der Trauer, Andenken und Hoffnung vereinen soll. Es gibt verschiedene Gebäude, viel Grün, Gedenktafeln, ein Museum und vor allem die großen Wasserfälle. Alles hat eine Bedeutung, erzählt eine eigene Geschichte. Es gibt viel, das man ansehen und verarbeiten muss. „Man erwartet einfach eine bestimmte Atmosphäre“, sagt Mehl. Schließlich ist das gesamte Areal ein Zufluchtsort für die Angehörigen. Ein Ort der großen Emotionen. Und obwohl der Bereich in Teilen immer noch eine Baustelle ist, hat auch Mehl diese Atmosphäre gespürt.

Deutscher Beton

Den Beton, den er suchte, hat er dann aber auch noch gefunden. Im Liberty Park. Dort wurde sogar deutscher, weißer Architekturbeton verarbeitet. Auf ihm ist recyceltes Teakholz als Sitzfläche angebracht. Der Park ist Teil des neuen World Trade Center Komplexes und gespickt mit zahlreichen, historisch bedeutenden Pflanzen, Skulpturen und Gebäuden. Mehl beschreibt ihn als eine Art Gedenkgarten. Rechts neben den grünen „Betonschiffchen“, wie Mehl sie nennt, entsteht der Saint Nicholas National Shrine, der die bei den Anschlägen zerstörte griechisch-orthodoxe Saint-Nicholas Kirche ersetzen soll.

Der Bau ist jedoch längst noch nicht fertig. Wie so vieles. „Man hört immer, dass jetzt dies eröffnet wird oder das fertiggestellt wurde, aber es ist immer noch eine große Baustelle“, sagt Mehl. Insbesondere die Kirche. Der Bau stockt. „Da wird immer wieder auf Sponsorengelder gewartet“, sagt Mehl. Wenn sie eines Tages fertig ist, soll auch sie weiß sein. In gewisser Weise wird sie dem Oculus ähneln.

Gleich neben dem Park hat Mehl dann aber den „totalen Unort“ gefunden: das Vehicular Security Center. Es ist ein bombensicherer, unterirdischer Bunker, wie Mehl sagt. Dort werden Lkw-Lieferungen für das World Trade Center entgegengenommen. Wie es im Innern aussieht, konnte Mehl nicht feststellen. „Das ist top secret“, sagt er. Fasziniert war er von diesem Ort dennoch. „Man sieht die Lkw anfahren und dann einfach verschwinden.“

Trümmerteile im Museum

All diese Bauwerke, ob öffentlich oder nicht, unterirdisch oder sichtbar, wurden durch Wettbewerbsausschreibungen an viele verschiedene Architekten vergeben. Mehl sagt zwar, dass dieser Ort sehr emotional sei, aber dies vor allem wegen seiner Geschichte. Weniger wegen der einzelnen Bauten. Er nennt ein Beispiel: „Mir lagen Pläne vor, die zeigten, dass man die Wasserfälle vom unterirdischen Museum aus sehen kann.“ Als er das Museum besuchte, stellte er aber fest, dass von den Becken nur deren dunkle, äußere Hülle zu sehen war. Die Exponate zeigten Trümmerteile, Stahlgehäuse, in die die Flugzeuge geflogen sein sollen. Von den Becken und dem Wasser, das laut Mehl draußen „unglaublich laut rauscht“ und beeindruckend sei, sei drinnen nichts zu hören oder zu sehen. Die Pläne wurden immer wieder überarbeitet. Für Mehl eine Enttäuschung.

Er hatte sich vor seiner Reise ausgiebig mit der Entstehung der gesamten Architektur beschäftigt und auch die Entwicklung der Becken genauestens unter die Lupe genommen. Michael Arad, der damals als Architekt für die Stadt New York tätig war, zeichnete ein Denkmal für die Opfer von 9/11: Er stellte sich zwei leere Becken im Hudson River vor, exakt so groß wie die Grundflächen der Twin Towers. Als der Wettbewerb für das Memorial drei Jahre später ausgeschrieben wurde, präsentierte Arad seine Idee.

Trotz aller Kontroversen über die Zukunft von Ground Zero konnten sich damals alle darauf einigen, dass der Grund, auf dem die Türme gestanden hatten, unbebaut bleiben sollte. Arad verlegte die Becken im Fluss einfach an den Ort, den sie repräsentieren sollten und gewann den Wettbewerb. Dennoch vergingen zehn Jahre, bis Präsident Barack Obama das Denkmal offiziell eröffnen konnte.

Und dieses lange Entstehungsphase ziehe sich fort. Denn die Bürokomplexe, die rund um den Liberty Parc entstehen sollen, sind bisweilen auch nur in Teilen vorhanden. Die Saint Nicholas Kirche sei ebenfalls noch eine riesige Baustelle.

Für Mehl ist das Areal dennoch sehenswert. Vor allem habe er sich in der Woche kein einziges Mal gelangweilt. Er sagt zwar, dass er das Museum vielleicht nicht noch einmal besuchen würde, doch das eher, weil er dort ja etwas anderes erwartet hatte.

Gesehen hat er das Areal nun von allen Seiten und zu jeder Tageszeit. Am besten gefallen hat es ihm auf der Dachterrasse des World Center Hotels. „Von dort aus kann man auf alles schauen“, sagt Mehl. Sein Tipp: Man müsse ein Zimmer in dem Hotel buchen, um auf die Dachterrasse zu gelangen. Das sei jedoch nicht sehr günstig. Mehl empfiehlt daher, spontan zu schauen und Schnäppchen zu jagen. Er hat das Zimmer zu einem Last-Minute-Preis ergattert.

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