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Großer Irrtum: Ein SEK-Einsatz und seine traumatischen Folgen

Von: Udo Stüßer
Letzte Aktualisierung:
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„Dann riefen sie ‚Hände hoch!‘ Ich musste mich im Flur auf den Boden knien, und ich wurde mit Kabelbinder gefesselt“: Kai Schönen hat die Fesselszene im Hausflur nachgestellt. Foto: Udo Stüsser
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Der 63-jährige Bruno Stasch zeigt die Tür, die bei dem SEK-Einsatz zu Schaden kam. Foto: Stüsser

Geilenkirchen. „Mein Mann weint nun jeden Abend. Sein ganzes Leben lang hat er sich nie etwas zu Schulden kommen lassen. Und dann passiert so etwas.“ Der Schrecken steht Gisela Stasch auch heute noch im Gesicht geschrieben. Gemeinsam mit ihrem Mann Bruno (63) und ihrem Sohn Markus (37) schildert die 62-Jährige die für sie unfassbaren Ereignisse. Durch einen Irrtum wurden die unbescholtenen Geilenkirchener Bürger am Dienstagabend zum Ziel eines SEK-Einsatzes.

Gegen 16.30 Uhr waren drei maskierte Täter im Geilenkirchener Ortsteil Teveren in eine Wohnung eingedrungen, hatten die in der Wohnung Anwesenden mit Waffen bedroht und einen 42-Jährigen niedergestochen. Dann flüchteten die Täter aus dem in der Hochstraße gelegenen Haus, stiegen in ein Auto ein und verschwanden.

Genau zu jenem Zeitpunkt macht sich Bruno Stasch aus dem Geilenkirchener Hartbaumpfad mit seinem silberfarbenen Mercedes auf den Weg, um in eben jener Teverener Hochstraße eine Beileidskarte einzuwerfen. „Ich warf die Karte ein, fuhr noch 200 Meter weiter, wendete das Auto und fuhr dann sehr langsam zurück, weil sich dort eine Baustelle befindet. Am Straßenrand sah ich noch zwei Frauen stehen“, schildert Bruno Stasch die Ereignisse. Um 16.45 Uhr erreicht er wieder sein Haus im Hartbaumpfad.

Dreieinhalb Stunden später tritt Gisela Stasch vor das Haus, um nach ihrer Enkelin Gina Ausschau zu halten. Die 15-Jährige war in der Stadt unterwegs und wollte bis 20 Uhr zu Hause sein. Die Großeltern und Markus Stasch, Vater von Gina, machen sich Sorgen, weil das Mädchen ansonsten pünktlich und zuverlässig ist.

Als sich Gisela Stasch auf dem Bürgersteig befindet, sieht sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite plötzlich einen SEK-Polizisten. „Er hat mich aufgefordert zu ihm zu kommen, da sah ich in der gegenüberliegenden Garage jede Menge Polizisten. Ich war so erschrocken, dass ich vor Aufregung gestürzt bin. Ich konnte nicht mehr aufstehen, deshalb haben mich zwei Polizisten hochgehoben und in die Garage gebracht“, berichtet sie. Die 62-Jährige fragt nach dem Grund des Einsatzes und schildert ihre Sorge um die Enkelin. „Die ist in Sicherheit, wurde mir nur gesagt.“

Wie die 15-Jährige später ihrem Vater und den Großeltern schildert, wurde sie von der Polizei, die die Straße weiträumig abgesperrt hatte, auf dem Heimweg abgefangen und zur Polizeiwache nach Geilenkirchen gebracht. Dort wurde sie vernommen, zum Aufenthalt der Familie, zu deren Aussehen und zu dem Mercedes befragt. „Anschließend hat die Polizei mit der Mutter von Ginas Freundin telefoniert und gefragt, ob Gina da über Nacht bleiben könne. Dann hat man das Mädchen gehen lassen. Gegen 21.30 Uhr ist das Kind dann ziemlich verstört Freundin gegangen“, sagen sie.

Die Ereignisse im Hartbaumpfad

Zurück zu den Ereignissen im Hartbaumpfad: Während Gisela Stasch sich in der Garage in Polizeigewahrsam befindet, sitzen Bruno und Markus Stasch vor dem Fernseher: Auch Markus tritt, nur mit kurzer Hose und T-Shirt bekleidet, vor die Haustür, die zu dem Zeitpunkt offen steht. Jemand spricht ihn aus dem Dunkeln heraus mit „Markus“ an. Er erkennt die Stimme eines ihm bekannten Polizisten. „Ich bin ganz langsam hinkend zu ihm hingegangen“, berichtet Markus Stasch. Normalerweise geht der 37-jährige Frührentner, der unter einem Gehirntumor, einem zweifachen Hüftschaden, einem Bandscheibenvorfall und Epilepsie leidet, mit einem Rollator. Der Polizeibeamte fasst Markus an den Arm und führt ihn in die Garage. „Den Grund nannte man mir nicht. Es wurde mir nur mitgeteilt, dass sich Gina in der Polizeiwache befindet. Man forderte mich auf, meinen Vater anzurufen und ihn aufzufordern, mit allen Schlüsseln aus dem Haus zu kommen.“ Auch Bruno Stasch wird in die Garage geführt. „Nach einer Minute trat ein Polizist auf mich zu, drehte mir den Arm auf den Rücken, warf mich auf den Boden und legt mir Handschellen an. Ich bin mit dem Kopf auf den Garagenboden geknallt“, zeigt er auf Abschürfungen und auf eine Beule am Kopf. „Ich habe gebrüllt: ‚Was soll das?‘. Da lag ich auch schon auf dem Boden“, schildert Markus. Und Gisela Stasch berichtet weiter: „Ich sagte, das ist ein schwerkranker Mann. Aber man antwortete mir nur: Wenn Sie nicht still sind, liegen Sie auch da.“

Verhör auf der Wache

In getrennten Einsatzwagen werden sie schließlich zur Polizei nach Heinsberg gebracht und verhört. Sowohl Bruno als auch Markus Stasch wird zum Vorwurf gemacht, in Teveren die drei maskierten Männer in dem Mercedes aufgenommen zu haben. Um Mitternacht werden sie wieder nach Hause gebracht. Das Auto hatte die Polizei zu weiteren Untersuchungen nach Heinsberg transportieren lassen, nachdem man vorher die Reifen zerstochen hatte. Als Familie Stasch gegen Mitternacht zu Hause ist, stellt sie fest, dass das ganze Haus durchsucht wurde. Eine Speichertür hatte das SEK eingetreten, die Tür eines Kleiderschrankes herausgerissen.

Diesen Teil des SEK-Einsatzes erlebt der 24-jährige Kai Schönen teilweise mit, der mit seiner 23-jährigen Freundin die Wohnung im ersten Stock gemietet hat. Das junge Paar sitzt gegen 21 Uhr gemütlich vor dem Fernseher, als im Hausflur Licht angeht. „Ich hörte eine Stimme rufen: ‚Herr Stasch, kommen Sie raus!‘ Ich öffnete die Tür, sah jede Menge Polizisten mit Schutzschildern im Flur, und da hatte ich schon einen Ballermann am Kopf“, erklärt er die Geschehnisse. „Dann riefen sie ‚Hände hoch!‘ Ich musste mich im Flur auf den Boden knien, und ich wurde mit Kabelbinder gefesselt. Während meine Freundin im Wohnzimmer bleiben durfte, wurde unsere Wohnung durchsucht.“

Später darf auch der 24-Jährige in seine Wohnung zurück, wo das junge Paar befragt wird, unter anderem ob ihm bekannt sei, ob die Familie Stasch etwas mit Drogen zu tun habe. Schließlich darf das Paar die Wohnung verlassen. „Wir fuhren zu meinen Eltern, die uns geraten haben, die Wohnung zu kündigen“, erzählt Kai Schönen. Lediglich durch Nachfrage erfährt die Familie am Mittwoch, dass die Sache für sie „erledigt“ sei. Am Donnerstag erhielten sie ihr Auto zurück. Mit neuen Reifen. Und für die eingetretene Tür dürfen sie nun einen Kostenvoranschlag bei der Kreispolizei Heinsberg einreichen.

Die ganze Straße abgesperrt

„Als normaler Bürger empfinde ich einen solchen Einsatz als maßlos übertrieben. Die ganze Straße wurde abgesperrt, keiner mehr durchgelassen. Warum hat die Polizei bei den Staschs nicht einfach geklingelt“, sagt Nachbarin Roswitha Voß. „Das war schon ein bedrückendes Gefühl.“

„Selbstverständlich wird die Polizei mit der Familie in Kontakt treten und alles Weitere mit ihr besprechen“, erklärt dazu Karl-Heinz Frenken, Pressesprecher der Kreispolizei Heinsberg. Auch wie es zu diesem Irrtum kommen konnte, erläutert er: „Zum entscheidungserheblichen Zeitpunkt lag eine glaubhafte Zeugenaussage hinsichtlich des Fluchtfahrzeuges vor. Der beschriebene Pkw wurde im Rahmen der Fahndung im Stadtgebiet Geilenkirchen festgestellt, so dass die Polizei entsprechende Maßnahmen treffen musste. Da die Ermittlungen in diesem Fall andauern, dürfen wir zurzeit noch keine weiteren Angaben machen.“

Den SEK-Einsatz begründet er ebenfalls: „Die bisher unbekannten Personen drangen mit Messer und Pistole bewaffnet in die Wohnung des 42-jährigen Mannes ein. Dort bedrohten sie die Anwesenden und stachen schließlich mit einem Messer auf den Wohnungsinhaber ein. Dabei fügten sie ihm schwere Verletzungen zu. Dies ließ für die Polizei nur den Schluss zu, dass es sich bei den Tätern um gewalttätige und rücksichtslose Personen handelte. Deshalb wurden mit den Festnahmen der möglichen Täter speziell ausgebildete Beamte betraut.“

Übrigens: Von den wahren Tätern fehlt bis heute jede Spur . . .

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