Große Debatten bei großem Schützenfest

Von: Marlon Gego
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„Ein bisschen chaotisch war es schon“: Egidius Heutz von den St.Josef-Schützen Heinsberg-Laffeld, an der Kerkrader Rodahaller, in der am Wochenende das Bundesfest der historischen Schützen Deutschlands stattfand.

Kerkrade. Als der Festzug endlich beginnt, ist Heinzgerd Dewies‘ Gesicht so grau wie der Himmel, die Strapazen vom Samstagabend sind ihm noch anzusehen. Seit er 2012 Morddrohungen bekommen hat, ist er ein bisschen anfälliger geworden, es geht ihm nicht so gut.

Eine Schützenbruderschaft aus dem Erzbistum Paderborn marschiert an der Ehrentribüne vor dem Kerkrader Rathaus vorbei und salutiert, aber Bundesschützenmeister Dewies winkt nur müde zurück. 2012 Morddrohungen wegen des schwulen Schützenkönigs, 2014 Diskussionen um einen muslimischen Schützenkönig, und überhaupt: Dewies versteht die Welt nicht mehr.

Am Wochenende fand in Kerkrade das Bundesfest der historischen Schützen statt, und dass der Bund der historischen deutschen Schützen (BHDS) irgendwie an einem Scheideweg angekommen ist, war das ganze Wochenende über Thema. Am Freitag beim Großen Zapfenstreich ebenso wie beim Festumzug am Sonntagmittag.

Vielleicht weniger bei den rund 10.000 Schützen, die aus dem ganzen Westen der Republik des guten nachbarschaftlichen Verhältnisses wegen dieses Jahr eben mal nach Holland gekommen sind, dafür umso mehr bei Heinzgerd Dewies und seinen BHDS-Präsidiumskollegen. Im November, so einigte sich der Vorstand am Samstag, soll es eine Grundsatzdiskussion darüber geben, ob das denn alles noch zeitgemäß ist, was der BHDS im 21. Jahrhundert seinen 400.000 Mitgliedern so alles vorschreibt.

Die historischen Schützen sind ja mehr als Sport- und andere Schützen der katholischen Kirche verbunden. Mitglied sein darf nur, wer katholisch ist. Geschiedene haben es bei den historischen Schützen ebenso schwer wie in der Kirche, wer geschieden ist, darf weder Schützenkönig werden noch führende Positionen in den Bruderschaften übernehmen. Beim BHDS herrscht ein strenges Regiment, der Leitspruch lautet „Für Glaube, Sitte und Heimat!“. Rolf Nieborg, wie Dewies Präsidiumsmitglied im BHDS, sagt: „Unsere Mitglieder schätzen eine gewisse Ordnung.“

Im Sommer wurde im westfälischen Sönnern ein Muslim Schützenkönig, da war es nach Ansicht führender Funktionäre im BHDS mit der Ordnung vorbei. Mithat Gedik, so heißt der Schützenkönig, solle seine Königskette wieder rausrücken, überhaupt hätte er gar nicht antreten dürfen. Wenn Muslime als Mitglieder aufgenommen würden, hieß es in einer Pressemitteilung des BHDS, „bedeutete dies letztendlich, (...) die Bindung zur katholischen Kirche aufzugeben“. Deutschland lachte über den BHDS, genau wie zwei Jahre zuvor, als der damalige Kölner Weihbischof und heutige Bischof von Dresden-Meißen, Heiner Koch, den BHDS nachhaltig blamierte.

In Münster wurde im Frühjahr 2012 ein Homosexueller Schützenkönig, beim Festzug marschierte sein Mann neben ihm. Das rief Heiner Koch auf den Plan, damals Bundespräses des BHDS. Koch erklärte, beim anstehenden Bezirksschützenfest dürfe es nicht noch einmal vorkommen, dass der Mann des Schützenkönigs neben demselben marschiere. Er dürfe zwar am Festzug teilnehmen, müsse aber einige Meter hinter seinem Gatten laufen, basta. Deutschlandweit wurde über Koch und den BHDS diskutiert, die Zahl derer, die Verständnis für Koch äußerten, hielt sich in Grenzen. Dass er und Heinzgerd Dewies Morddrohungen erhielten, war natürlich trotzdem erschütternd.

Dem lieben Gott ist‘s egal

Dewies sitzt auf der Ehrentribüne vor dem Kerkrader Rathaus und sagt, er wisse schon, dass es dem lieben Gott wahrscheinlich ziemlich egal ist, ob Christen gemeinsam mit Muslimen oder mit Juden oder mit Buddhisten auf Holzvögel schießen. „Aber denken Sie doch um Himmels Willen an das Bodenpersonal der Kirche“, sagt Dewies, hebt die Hände, und lässt sie auf die Knie fallen. „Wozu gibt es denn Traditionen und Regeln?“

An ihm vorbei marschiert Ralf Raschke von der St.-Laurentius-Bruderschaft Thüle/Paderborn, der am Samstag neuer Bundesschützenkönig geworden ist. Dewies winkt und lächelt kurz, es war wohl das letzte Mal, dass ein Bundeskönig vor ihm salutiert hat. Bis Januar macht Dewies noch, dann hört er auf, 15 Jahre im Bundespräsidium des BHDS reichen ihm. Sollen andere die neue Zeit einläuten, wenn sie wollen.

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