Grenzgänger: Wohnen hier, arbeiten dort

Von: Martina Feldhaus
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Grenzgängersprechtag
Grenzgängersprechgang in Herzogenrath: Der Niederländer Willem Gulpen (l.) holt sich bei den Finanzbeamten Kim Geelen und Johannes Schöbben wichtige Infos zu Steuern und Rente in Deutschland. Foto: Heike Lachmann

Region. Willem Gulpen steht noch ein wenig unschlüssig auf dem langen Flur mit blauem Teppich und weißer Tapete. Die Ruhe, sich zu den vielen anderen zu setzen, Tisch an Tisch, hat er nicht. Stattdessen wartet er dort, wo er alles mitbekommt. Und fragt sich: Bin ich hier denn richtig? Unter seinem Arm klemmt eine dicke Ledermappe.

Schlägt er die auf, erscheinen auf der ersten Seite des weißen Zettelstapels viele Fragen. Von Steuern und Versicherung ist da die Rede, oder auch von Pension und Kindergeld. Darunter: viel Platz für Notizen.

Den wird Gulpen brauchen. Denn der 56-jährige Niederländer will demnächst in Deutschland arbeiten. Seit acht Monaten hat er keinen Job mehr. Das will Gulpen so schnell wie möglich ändern. Zig Bewerbungen hat er – ausgebildeter technischer Zeichner – bereits geschrieben, in den Niederlanden aber keine Stelle gefunden. Deshalb soll es jetzt ins Nachbarland gehen. Hier sei die Joblage für ihn derzeit besser. Wegen der EU-weiten Arbeitnehmerfreizügigkeit darf er auch in Deutschland arbeiten – zu denselben Bedingungen wie jeder deutsche Staatsbürger.

So klar, so einfach? Nicht ganz. Denn in der Praxis ist so eine Grenzüberschreitung – wohnen hier, arbeiten dort – ziemlich kompliziert. Fragen, die sich Gulpen stellt: Welche Arbeitsbedingungen herrschen überhaupt in Deutschland? Wie funktioniert das Steuersystem? Welche Ansprüche auf Sozialversicherungen habe ich? Was kommt an Rente raus? Und nicht zuletzt: Wie geht das alles mit meinen bisherigen Leistungen und Ansprüchen aus den Niederlanden zusammen?

All diese Fragen hat der 56-Jährige aufgeschrieben, in seine Ledermappe gelegt und nun mitgebracht zu den deutsch-niederländischen Grenzgängersprechtagen. Die finden, wie rund zehn bis zwölf weitere Male im Jahr, an diesem Winternachmittag im Eurode-Business-Center in Herzogenrath statt. Organisiert werden die Sprechtage vom Grenzinfopunkt, einer Beratungseinrichtung in Aachen und Herzogenrath, die den grenzüberschreitenden Arbeitsmarkt und die Mobilität fördern will und deshalb Bürger und Unternehmen im Dreiländereck über Chancen, Möglichkeiten und Schwierigkeiten der Grenzüberschreitung informiert.

Alltag in mehreren Ländern

„Wir sind Ansprechpartner für alle, die Fragen oder Probleme haben, weil sie sich im Alltag in mehreren Ländern bewegen“, erklärt Jan Schliewert, einer der drei Grenzgängerberater. Er sitzt mit seiner Kollegin Christina Löhrer-Kareem im Aachener Büro, Peter Reinders hat seinen Schreibtisch in Herzogenrath. Schliewert: „Die Themen bei uns sind extrem vielfältig. Das geht von Fragen nach dem Kindergarten-Zugang über die Arzt-Wahl bis hin zur Anmeldung des Autos. Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf der sozialen Sicherung, etwa bei den Themen Krankenversicherung, Pflege, Kindergeld und Arbeitslosengeld.“ Ein ziemlich breites, fast unübersichtliches Spektrum, das kaum von den drei Beratern selbst abgedeckt werden kann. Sie sehen sich deshalb eher als eine erste Anlaufstelle. Handelt es sich um komplexere Zusammenhänge, vermitteln sie an Experten weiter.

Und bei den Grenzgängersprechtagen kann man eben diese Experten alle zusammen an einem Ort treffen – von der Finanzverwaltung, der Agentur für Arbeit, der Rentenversicherung und weiteren Einrichtungen, jeweils mit ihrem entsprechenden Pendant aus dem Nachbarland. Es gibt die deutsch-belgischen Grenzgängersprechtage jeweils vier bis fünf Mal im Jahr in Aachen und Eupen sowie die deutsch-niederländischen in Herzogenrath. Dort, wo das Eurode-Business-Center selbst den Grenzgang geradezu perfekt symbolisiert: Ein Teil des Gebäudes steht auf niederländischer, also Kerkrader Seite, der andere in Deutschland.

Willem Gulpen ist, wie alle hier, ohne Anmeldung einfach vorbeigekommen. Das habe ihm sein Arbeitsamt empfohlen. „Allerdings dachte ich, das hier sei ein allgemeiner Infotag für Arbeitslose“, sagt Gulpen. Und ist ein wenig skeptisch, als er schließlich seinen Namen hört, der Platz am Tisch des GWO-Teams ist frei. Hinter dem Kürzel GWO verbirgt sich eine Beratungsstelle für grenzüberschreitendes Arbeiten mit Sitz in Maastricht. In dem Team haben sich deutsche, belgische und niederländische Finanzbeamte zusammengeschlossen, um Arbeitnehmer, Rentner, Gewerbetreibende und Behörden in Sachen Arbeit, Steuern und Recht zu beraten. Bei den Grenzgängersprechtagen ist das GWO-Team regelmäßig dabei.

Willem Gulpen legt seine Mappe ordentlich auf den weißen Tisch. Und stellt ruhig und bestimmt seine Fragen. Er weiß, was er wissen will. Und scheint – entgegen seinen Befürchtungen – bei Johannes Schöbben und Kim Geelen genau an der richtigen Adresse zu sein. „Wo zahle ich Steuern?“, will Gulpen wissen. „Wenn Sie in Deutschland arbeiten, dann zahlen Sie dort auch Ihre Steuern“, sagt Schöbben. „Und wenn ich zum Teil von Zuhause aus arbeite?“ Antwort: „Dann werden die Steuern aufgeteilt, je nachdem, wie viele Tage Sie in den Niederlanden und Deutschland arbeiten. Das sollte entsprechend in der Lohnabrechnung oder je nach Umfang spätestens mit der Jahressteuererklärung berücksichtigt werden.“

Anders sei das, erklärt der Finanzbeamte dem künftigen Grenzgänger, mit den Sozialversicherungen. „Man kann nur in einem Land sozialversichert sein.“ Und das hänge davon ab, zu welchem Prozentsatz Gulpen künftig in den Niederlanden und in Deutschland arbeitet – wenn er als technischer Zeichner mit Home Office jobbt. Das Beratungsgespräch dauert eine Zeit. Gulpen will sich schlau machen, genau Bescheid wissen über das, was da auf ihn zukommen könnte. Ob Steuern, Kindergeld oder Rentenansprüche, Schöbben und Geelen können ihm viele erste Antworten geben. Obwohl Gulpens Pläne noch recht unkonkret sind.

Seine Motivation aber ist groß, bald in Deutschland zu arbeiten. „Mir ist es sehr wichtig, Arbeit zu finden. Und ich denke, ich könnte ein Gewinn sein für deutsche Arbeitgeber, etwa für Kundenbetreuung in den Niederlanden.“

Seinen Plan will er nun weiter und intensiver verfolgen. Nach den Sprechtagen fühlt er sich besser informiert. „Das hat mir schon weitergeholfen“, sagt er. In seiner Ledermappe zieren nun Stichpunkte und Notizen die weißen Blätter. Und damit zieht er jetzt weiter, zum Tisch der Deutschen Rentenversicherung und der Agentur für Arbeit, die ebenfalls bei den Sprechtagen vertreten sind. „Wenn ich schon mal hier bin…“, sagt er – schon deutlich weniger skeptisch.

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