Aachen - Gregory Jaczko: „Ich hätte Tihange nicht ans Netz gelassen“

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Gregory Jaczko: „Ich hätte Tihange nicht ans Netz gelassen“

Von: Madeleine Gullert
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Gregory Jaczko fordert weitere Untersuchungen. Foto: Andreas Hermann
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Das Depot in Aachen war gut gefüllt: Die Erläuterungen der Experten zu Tihange 2 und Doel 3 verstärkten eher noch das Unbehagen der Zuhörer gegenüber dem Betrieb der Reaktoren. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Er ist der prominenteste Vertreter der internationalen Vereinigung unabhängiger Nuklearexperten (Inrag). Gregory Jaczko war von 2009 bis 2012 Vorsitzender der staatlichen Atomaufsichtsbehörde Nuclear Regulatory Commission (NRC).

In Aachen kritisierte er das Vorgehen der belgischen Atomaufsichtsbehörde Fanc im Umgang mit den Rissbefunden in den Meilern Tihange 2 und Doel 3 massiv. Wie er gehandelt hätte, erklärte er im Gespräch mit Redakteurin Madeleine Gullert.

Herr Jaczko, haben Sie Fälle wie Tihange 2 und Doel 3 in Ihrer Karriere erlebt?

Jaczko: Diese Risse sind ein einmaliges Problem. Die Erklärung, es handele sich um Wasserstoffflocken, die bei der Herstellung der Schmiederinge entstanden sind, hat Schwächen. Diese Ursache ist nie auf zufriedenstellende Weise geklärt worden. Das ist völlig inakzeptabel. Ich hätte die Meiler nicht wieder angefahren. In den USA wären Tihange 2 und Doel 3 nie wieder ans Netz gegangen.

Was hätten Sie gemacht?

Jaczko: Wie gesagt: Der Fokus der Atomaufsichtsbehörde Fanc liegt darauf, analytisch die These zu stützen, dass die Risse von Beginn an da waren. Das ist Konsens und wird gar nicht infrage gestellt. Ich verstehe nicht, warum man nicht versucht, die Ursache der Risse wirklich zu ergründen. Das ist die wichtigste Frage. Und andererseits müsste man dringend versuchen, den Schaden zu begrenzen und die Meiler sicherer zu machen.

Wie denn?

Jaczko: Man könnte etwa den Druckbehälter ersetzen.

Wurde das je bei einem Meiler gemacht?

Jaczko: Ich denke nicht, weil es ein riesiger Aufwand wäre und extrem teuer. Es würde sich nicht lohnen, zumal die Meiler ohnehin 2022 bzw. 2023 vom Netz gehen sollen. Aber ich hätte von meinen Agenten bei der NRC erwartet, dass man über alle Optionen spricht und alle Möglichkeiten durchspielt.

Hat es in den USA vergleichbare Fälle gegeben?

Jaczko: Bei zwei Meilern haben sich in den Dampferzeugern Risse entwickelt. Ein Meiler wurde vorübergehend abgeschaltet und der Dampferzeuger ausgetauscht. Weil das bei dem anderen Meiler nicht möglich war, hat die NRC entschieden, den Meiler abzuschalten. Ich sehe da Parallelen. So müsste man auch bei Tihange 2 und Doel 3 verfahren.

Glauben Sie, dass es die Risse von Anfang an gegeben hat?

Jaczko: Ich kann nur sagen, dass man die Risse auch nach dem damaligen Stand der Technik hätte sehen müssen – und die Stahlringe ablehnen müssen. Zu sagen: Es sind Wasserstoffflocken, nur weil es eben so aussieht, ist keine gute Erklärung. Außer natürlich, man will den Meiler partout am Netz halten – aus finanziellen und energiepolitischen Gründen. Ich persönlich hätte als Atomaufsichtsleiter beim jetzigen Sachstand dem Parlament und der Öffentlichkeit keine zufriedenstellende Erklärung liefern können.

Spielt die Fanc mit dem Leben der Menschen in der Region?

Jaczko: Das Risiko für einen Unfall ist äußerst gering, aber das ist für Menschen, die rund um das Kernkraftwerk leben, natürlich trotzdem nicht beruhigend. Zumal das Ausmaß eines potenziellen Unfalls dramatisch wäre. Die Sorgen sind berechtigt, weil es im Falle eines Versagens des Reaktordruckbehälters keinen kontrollierten Unfall gibt. Aber es ist natürlich eine Frage der Perspektive: Will ich ein AKW um jeden Preis am Laufen halten oder will ich jedes Risiko ausschließen? Im Fall Tihange 2 und Doel 3 gibt es wohl den Druck, die Meiler am Netz zu lassen.

Haben Sie da als NRC-Leiter auch Druck seitens der AKW-Betreiber gespürt?

Jaczko: Natürlich habe ich Druck erlebt. Die Betreiber zweifeln Entscheidungen der NRC an, wenn sie ihnen nicht passen. Ihr einziges Ziel ist es, die Meiler am Netz zu halten. Das ist klar.

Was kann man von dem Umgang mit Tihange 2 und Doel 3 lernen?

Jaczko: Ich habe keine Agenda. Mein Ziel ist es nicht, dass alle Atommeiler vom Netz gehen. Mir geht es einzig und allein um Sicherheit. Und in diesem Zusammenhang möchte ich hervorheben, dass die Risse in Tihange 2 und Doel 3 ja aus reinem Zufall gefunden wurden. Diese Ultraschalluntersuchungen sind nicht üblich. Ich frage mich also, ob man solche Teste nicht flächendeckend weltweit machen müsste, um sicherzugehen, dass es diese Risse nicht noch woanders gibt.

 

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