Gregor Gysi wird zum Ritter geschlagen

Von: Gerald Eimer
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„Ich kann das eigentlich gar nicht“: Gregor Gysi hält sich selbst nicht für einen Witzemacher, doch irgendwas wird ihm schon einfallen, wenn er am Samstag zum Ritter wider den tierischen Ernst geschlagen wird. Foto: dpa

Aachen. Drei Gläschen Wein sollen bei seinem letzten großen Karnevalsauftritt im Aachener Eurogress nötig gewesen sein, um Gregor Gysi übers Lampenfieber hinwegzuhelfen. Das war vor elf Jahren, als er im Beiprogramm für den CDU-Politiker Friedrich Merz erstmals auf die Bühne des Aachener Karnevalsvereins (AKV) geholt wurde.

Nun folgt also das Upgrade: Als erster Linken-Politiker wird Gysi am Samstag in die Riege der Aachener Ordensritter wider den tierischen Ernst aufgenommen. Um dem 69-Jährigen die Nervosität in der Bütt zu nehmen, soll auch diesmal kein Mangel an Wein sein. Das hat zumindest der AKV zugesichert.

Aber so recht mag eigentlich niemand daran glauben, dass ausgerechnet einer wie Gysi Probleme mit großen Auftritten hat. Schon als Kind synchronisierte er Defa-Filme, und seine Eltern sollen damals überzeugt gewesen sein, er würde Schauspieler werden. Er wurde dann aber doch Rechtsanwalt und später Politiker. Die große Bühne hat er dank Berliner Kodderschnauze so aber auch gefunden.

Mit dem Niedergang der DDR begann sein Aufstieg zum Polit-Star, der nicht nur Glamour ins Einheitsgrau des einstigen Arbeiter- und Bauernstaats brachte, sondern seit 1990 auch die Bundespolitik entscheidend mitprägte. Er ist bis heute so etwas wie der Übervater der Linken, die ohne ihn kaum denkbar wäre. Er ist der charismatische Kopf einer Partei, für die das bourgeoise Umfeld des AKV normalerweise bestenfalls ein verächtliches Naserümpfen übrig hat. Ihn aber bejubeln nun selbst die Aachener Lackschuhkarnevalisten als „Lieblingslinken des Bürgertums“.

Die etwas staatstragend klingende Begründung des AKV für Gysi liest sich dann so: „Ausgezeichnet wird Gysi für seinen messerscharfen Witz, mit dem er reichlich Pep in ansonsten öde Bundestagsdebatten bringt, und seinen Anspruch, auch ernste Anliegen humorvoll und pointiert vorzutragen.“ Er mache politische Debatten verständlicher, ist AKV-Präsident Werner Pfeil überzeugt: „Es ist als Verdienst Gysis zu werten, dass er damit Zuhörer auch für komplizierte Themen gewinnt, die sonst eher abschalten und weghören würden.“

Und tatsächlich gibt es kaum eine Talkshow, die in den letzten Jahren auf ihn verzichten wollte – und umgekehrt wohl auch nicht. Gysi ist immer auch die Rampensau, die vor jedem Mikrofon und zu jedem Sachverhalt den passenden Satz parat hat. Das sei quasi zwanghaft, wie der 1,64-Meter-Mann vor zwei Jahren im Interview mit der „taz“ erklärte: „Ich bin entgegen allen Gerüchten nicht klein, sondern kurz. Und wenn man kurz ist, muss man eine große Fresse haben, weil man sonst gar nicht wahrgenommen wird.“

Solchen Leuten verzeiht das Publikum gerne auch Unklarheiten wie jene über eine mögliche Stasi-Spitzeltätigkeit. Unbestritten ist aber auch, dass er als Anwalt einstigen Systemkritikern der DDR wie Robert Havemann oder Rudolf Bahro deutliche Lebenserleichterungen verschaffen konnte.

Mit seinem Hang zur Selbstironie ist nicht mal auszuschließen, dass Gysi in Aachen im IM-Stasi-Kostüm auftritt – also irgendwie unscheinbar. Verkleiden mag er sich eigentlich nicht, sagt er. Ausgesucht hat er sich trotzdem schon ein Kostüm. Welches? Das bleibt bis Samstag ein ebenso großes Geheimnis wie seine Rede.

„Ich habe keine Ahnung, was ich sagen soll“, hat er jüngst auf dem Youtube-Kanal Trivial im Gespräch mit seinem Interviewpartner Marc Teuku erklärt. Er sei ja kein Satiriker oder Kabarettist. „Ich kann das eigentlich gar nicht.“

Und tatsächlich sind ja schon einige Politiker im Ritterkäfig des AKV mit völlig humorfreien Reden grandios untergegangen. Es soll Leute geben, die nur deshalb die Fernsehübertragung einschalten, um einen Prominenten an dieser Aufgabe scheitern zu sehen.

Bis zum letzten Moment

Gysi weiß um die Herausforderung. „Das ist ja die höchste Auszeichnung in der Bundesrepublik, einen höheren Orden gibt es nicht“, scherzt er. Bis zum letzten Moment, also noch am Abend selber, will er an seiner Rede feilen und „etwas Unterhaltendes reinbringen“. Und wie gesagt: Wein wäre ja auch noch da!

Der große Unbekannte ist der Jeck im Saal. Einstmals wurden während der Sitzung selbst handzahme Sozis wie Ulla Schmidt oder Heidi Simonis ausgepfiffen. Wie es der „roten Socke“ Gregor Gysi ergehen wird, muss sich zeigen. Auf Unterstützung von Parteifreunden kann er kaum hoffen, da sie erklärtermaßen der Sitzung fernbleiben wollen. Offener Protest – wie es ihn gegen Vorjahresritter Markus Söder (CSU) gab – hat sich bislang aber auch nicht formiert.

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