Eschweiler - Gravierende Verstöße auch in Eschweiler Schlachthof

Gravierende Verstöße auch in Eschweiler Schlachthof

Von: Christoph Pauli
Letzte Aktualisierung:
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Immer freitags wird geschlachtet. Die „Soko Tierschutz“ hat nach ihrer heimlichen Recherche einen bedenklichen Eindruck von dem Betrieb in Eschweiler gewonnen und erstattet Anzeigen.
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Philipp Hörmann: für die „Soko Tierschutz“ im Eschweiler Schlachthof unterwegs.

Eschweiler. Philipp Hörmann hat nur vier Tage lang am Schlachthof Düren für einen Subunternehmer gearbeitet. Früher war der 34-Jährige selbst Metzger, er hat die Fronten gewechselt, lässt sich jetzt manchmal von der „Soko Tierschutz“ in solche Betrieben einschleusen. Die Zustände auf dem Dürener Schlachthof Frenken hatte die Soko in der letzten Woche öffentlich gemacht und Strafanzeigen gestellt. Bei der Aachener Staatsanwaltschaft sind die Ermittlungen unter anderem gegen den Betreiber und nunmehr nur noch ehemaligen Subunternehmer angelaufen.

Es gibt einen weiteren Vorgang, auch den hat Hörmann, der inzwischen als Rettungssanitäter in Bayern arbeitet, gefilmt und aufgedeckt. Es ist eine zufällige Entdeckung, sagt er. Am 20. Oktober dieses Jahres wurde er zusammen mit ein paar Kollegen aus seiner Kolonne zum Schlachthof nach Eschweiler delegiert. Dort werden immer freitags Tiere zerlegt. Der Schlachthof-Chef habe vorab die Metzger angewiesen, langsam zu arbeiten, die Messer zu sterilisieren und die Messer beim Einstich in die Tiere zu wechseln, sagt er. Der Grund für die eingeforderte Sorgfalt: Veterinäre seien vor Ort. „Wir wollen nichts dem Zufall überlassen“, sei die Ansage gewesen.

Arbeit an der „Tötungsbox“

Philipp Hörmann sagt, er habe an diesem Vormittag direkt an der „Tötungsbox“ arbeiten müssen. Eine Szene sei ihm im Gedächtnis haften geblieben. Ein Rind brach in Panik zusammen, immer wieder sei das gestresste Tier mit einem Elektroschocker zum Aufstehen gezwungen worden, bevor es einer der Kontrolleure entdecken konnte. „Das zischende Geräusch des Elektroschockers war ständig zu hören, er kam laufend zum Einsatz“, beschreibt er einen „massiven Verstoß gegen das Tierschutzgesetz“. Das Tier wurde nicht ruhig, der Bolzenschuss zur Betäubung konnte so nicht punktgenau gesetzt werden. „Das schlecht betäubte Tier wehrte sich später gegen den Stich in seinen Hals“, beobachtete Hörmann, der auch in Eschweiler heimlich Videoaufnahmen machte.

Auch hier seien dieselben Mitarbeiter im Einsatz gewesen, die im Schlachthof Düren „zahlreiche Rechtsbrüche begangen und für Versagen der Betäubung gesorgt hätten“, formuliert Friedrich Mülln, Gründer und Geschäftsführer der „Soko Tierschutz“. Die marode Technik habe permanent versagt. Rinder hätten sich mit Köpfen und Hörnern in der Betäubungs-Vorrichtung verfangen, während andere panisch in der Schlachtbox um ihr Leben kämpften.

Die Städteregion Aachen als Ordnungsbehörde teilt mit, dass ihr die Vorkommnisse vom 20. Oktober nicht bekannt seien. Generell sei während der Schlachtungen immer ein Tierarzt vor Ort, zudem würden die Bereiche permanent videoüberwacht, sagt Behördensprecher Detlef Funken. 2016 sei der Betrieb 138-mal, in diesem Jahr bislang fast 50-mal überprüft worden. „Angesichts dieser engen Überwachung gibt es eine Reihe von Erkenntnissen. Missstände wurden jedoch sowohl in eigener Zuständigkeit als auch in enger Zusammenarbeit mit dem Landesumweltamt konsequent aufgedeckt.“ Die Anlage kommt nicht zum ersten Mal in Verruf. Im Zeitraum von Juni 2013 bis Januar 2016 wurden keine Rinder- und Schweineschlachtungen durchgeführt. Wegen gravierender Mängel an der so genannten „Rindertötebucht“ und bei der Betäubung von Schweinen war die Anlage vorübergehend geschlossen worden. Die EU-Zulassung war widerrufen und erst Ende 2015 erneut erteilt worden.

Die „Soko Tierschutz“ ist nach ihren flüchtigen Eindrücken eindeutig dafür, die Anlage wieder zu schließen und warnt vor weiteren Schlachtungen. „Dass es trotz der Präsenz so vieler Kontrolleure und der Vorwarnung und besonderen Auswahl ‚guter‘ Mitarbeiter zu solchen Szenen kam, lässt Schlimmstes befürchten. Nämlich, dass der technisch primitive Schlachthof erneut regulär Tiere schlachten darf“, sagt Mülln.

Die Installation zahlreicher Videokameras ändere offensichtlich nichts an dem Verhalten der Schlachter. „Als der letzte Kontrolleur gegangen war, schallte ein Ruf durch die Halle: ‚Jetzt sind sie weg‘, und der Elektroschocker zischte noch etwas öfter“, berichtet Philipp Hörmann von seinen Erlebnissen vor Ort.

30 Tiere – viele Verstöße

In dem Schlachthof in Eschweiler wurden an diesem Freitag nur etwa 30 Tiere geschlachtet, so viele wie auf dem Schlachthof in Düren in ungefähr einer Stunde. „Selbst bei einem deutlich geringeren Tempo bei der Schlachtung kommt es zu vielen Verstößen“, sagt Hörmann. „Das Schlachtsystem funktioniert nicht, Tiere in Panik lassen sich nicht richtig betäuben“, ist Müllns Überzeugung.

Die „Soko Tierschutz“ hat am Mittwochnachmittag auch gegen den Betreiber des genossenschaftlichen Betriebs und erneut gegen den Leiter der Schlachtkolonne Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Aachen erstattet. Der Behörde wurde auch in diesem Fall das Videomaterial zur Verfügung gestellt.

Der Betreiber des Schlachthofs in Eschweiler wollte sich am Mittwoch nicht öffentlich erklären. Der Subunternehmer, der zuletzt den Dürener Schlachthof Frenken verlassen musste, bekräftigte, „dass es in Eschweiler zu keinerlei Verstößen gekommen sei. Das halte ich für ausgeschlossen“. Zu den weiteren Vorwürfen und den Vorgängen im Schlachthof Düren wollte er sich mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen nicht äußern.

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